"Mit leichter Hand und mit leichtem Sitz"

Interview11. November 2011, 17:41
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Frauen reiten anders als Männer, sagt die weltbeste Springreiterin Meredith Michaels-Beerbaum - Sie selbst ist als Mutter nicht langsamer als früher, aber vorsichtiger

Mit ihr sprach Fritz Neumann.

Michaels-Beerbaum: Fein, dass Sie jetzt anrufen. Meine Tochter hält gerade ihr Vormittagsschläfchen. Wir haben also Zeit zu reden.

Standard: Im Februar wird Brianne Victoria zwei Jahre alt. Wie hat sich Ihr Leben, Ihr Reiten verändert, seit Sie Mutter sind?

Michaels-Beerbaum: Ich bin wahnsinnig glücklich. Natürlich ist das Reisen und das Leben auf den Turnieren jetzt anders als früher. Ich habe eine wunderbare Tochter, und ich will sie so oft wie möglich bei mir haben. Sie fährt zu vielen Turnieren mit, das geht im Sommer leichter als in der Hallensaison, wo viele Springen erst spät am Abend beginnen. Wien wäre auch zu anstrengend, da bleibt Brianne Victoria daheim, ich komme ja nur für Sonntag und Montag. Wenn mein Mann und ich gleichzeitig unterwegs sind, vertrauen wir einer Kinderfrau, sie gehört praktisch zur Familie, war früher Pferdepflegerin, hat sich 13 Jahre lang um die Pferde von Markus gekümmert.

Standard: Reiten Sie anders, seit Sie Mutter sind? Vorsichtiger?

Michaels-Beerbaum: Viele Leute haben mir prophezeit, dass ich beispielsweise in einem Stechen langsamer sein würde, weil ich weniger Risiko nehme. Ich glaube nicht, dass das wirklich so ist. Aber auf fremde Pferde steigen, die ich nicht kenne, und sofort mit ihnen springen oder auch junge, wilde Pferde reiten - das mache ich jetzt nicht mehr.

Standard: Wie lange hat Ihre Babypause gedauert?

Michaels-Beerbaum: Ich bin insgesamt ein halbes Jahr lang nicht geritten, den größten Teil davon während der Schwangerschaft. Eine Woche nach der Geburt bin ich wieder auf dem Pferd gesessen, auf dem ersten Turnier war ich vier Wochen später.

Standard: Tragen Sie beim Reiten immer einen Helm?

Michaels-Beerbaum: Das ist schon seit etlichen Jahren eine Vorschrift in unserem Stall, dass alle Reiter beim Springen einen Helm tragen müssen. Wenn ich Dressur reite, reite ich ohne Helm.

Standard: Wie sieht Ihr ganz normaler Trainingstag aus? Wie lange reiten Sie wie viele Pferde? Wie viel davon Dressur, wie viel wird gesprungen?

Michaels-Beerbaum: An einem solchen Tag sitze ich wohl drei bis vier Stunden im Sattel, auf im Schnitt fünf verschiedenen Pferden. Das meiste davon ist Dressurarbeit, Springen steht nur ein- oder zweimal pro Woche auf dem Programm. Ich springe seit jeher weniger als die meisten anderen.

Standard: Haben Frauen beim Springreiten generell einen anderen Stil als Männer? Kann man da quasi verallgemeinern?

Michaels-Beerbaum: Auf jeden Fall ist es meistens so, dass Frauen weniger Kraft haben als Männer. Weniger Kraft in den Beinen, weniger Kraft in den Armen. Das bedingt schon, dass Frauen anders reiten müssen als Männer. Frauen reiten meistens mit viel Gefühl, mit leichter Hand und mit leichtem Sitz. Wobei es natürlich auch Männer gibt, die mit sehr viel Gefühl reiten. Aber es gibt ja auch etliche, die beinahe doppelt so schwer sind wie ich.

Standard: Man könnte ja annehmen, dass ein Pferd mit fünfzig Kilo auf dem Rücken höher springt als ein Pferd mit hundert Kilo.

Michaels-Beerbaum: So stimmt das bloß nicht, weil's immer vom jeweiligen Pferd abhängt. Es gibt ja auch Pferde, die viel Unterstützung brauchen, die also auch von der Kraft des Reiters abhängig sind. Als Frau kommt man automatisch eher mit sehr sensiblen Pferden zurecht, die also mit leichter Hand besser gehen als mit viel Kraft.

Standard: In vielen Reitställen sind die Mädchen klar in der Überzahl. Im Spitzensport dominieren unter den Springreitern, zumindest quantitativ, die Männer. Was sind die Gründe dafür?

Michaels-Beerbaum: Das hat mehrere Ursachen. Mädels lieben Pferde, Jungs interessieren sich vielleicht eher für Fußball oder für Autos. Und später ändert sich das Leben. Frauen werden Mütter und bleiben oft zu Hause. Das Leben im Reitsport ist nicht ideal für eine Familie. Für Männer wird das Springreiten eher zum Beruf.

Standard: Setzen Sie sich in Ihrem Reitstall persönlich speziell für talentierte Reiterinnen ein?

Michaels-Beerbaum: Ich finde es immer schön, wenn Frauen am Sport teilnehmen. Aber ich habe ganz prinzipiell gern mit jungen Leuten zu tun.

Standard: 2004 standen Sie als erste Frau an der Spitze der Weltrangliste, insgesamt 24 Monate rangierten Sie also auch vor allen männlichen Kollegen.

Michaels-Beerbaum: Overall ganz vorne zu sein ist natürlich am allerschönsten.

Standard: Hat es denn für Sie auch eine Bedeutung, dass Sie nach wie vor als die beste Springreiterin der Welt gelten?

Michaels-Beerbaum: Die Beste zu sein, wovon auch immer, ist natürlich etwas Besonderes. Man darf nicht vergessen, dass es viele sehr gute Reiterinnen gibt.

Standard: Hatte und hat es für Sie einen besonderen Reiz, in einem Sport tätig zu sein, in dem Sie auch Männer schlagen können?

Michaels-Beerbaum: Das war nicht der Grund, warum ich mich für diesen Sport entschieden habe. Ich wollte einfach nur reiten.

(DER STANDARD Printausgabe, 12./13.11.2011)

MEREDITH MICHAELS-BEERBAUM (41 Jahre, 1,62 m, 50 kg) stammt aus Los Angeles, Kalifornien, ist Tochter des Regisseurs Richard Michaels und der Schauspielerin Kristina Hansen. Studierte Politikwissenschaften an der Princeton University, kam 1991 zum Reittraining bei Paul Schockemöhle nach Deutschland. 1998 heiratete sie den Springreiter Markus Beerbaum, nahm die deutsche Staatsbürgerschaft an. Eine Tochter. Erfolge, Weltreiterspiele: Gold 2010 (Team), Bronze 2006 (Team, Einzel). EM: Gold 1999 (Team), 2005 (Team), 2007 (Einzel), Silber 2007 (Team). Stand 24 Monate lang an der Spitze der Weltrangliste, hat u. a. auch den Wien-GP schon gewonnen (1996). Aktuelle Pferde: Checkmate, Kismet, Bella Donna.

www.michaels-beerbaum.de

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    Bei 1,62 Metern Größe bringt die gebürtige Kalifornierin Meredith Michaels- Beerbaum, die in der Nähe von Bremen lebt, 50 Kilo auf die Waage und in den Sattel. Das allein bedingt aber gewiss nicht, dass ihr Pferd Checkmate höher oder besser springt

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