H&M schummelt sich an der Kasse vorbei

11. November 2011, 18:20
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Die Büroangestellten der Textilkette verdienen zu wenig. H&M reagiert, hält die Kassakräfte finanziell aber weiter kurz. Ein neues Computerprogramm soll künftig dabei helfen.

Wien - H&M sieht sich in bestem Einvernehmen mit den MitarbeiterInnen. Die Leute fühlten sich wohl bei ihrer Arbeit, erzählt eine Sprecherin der Textilkette, das zeigten interne Umfragen. Einen Betriebsrat gebe es, und man halte sich an alle gesetzlichen Bestimmungen.

Hinter den Kulissen sieht es anders aus. Die Büroangestellten der Filialen verdienen durchwegs zu wenig, erfuhr der Standard. H&M stufe sie in einer zu niedrigen Gehaltsgruppe ein, bestätigt Gewerkschafterin Barbara Teiber, das verstoße klar gegen die Regeln. Künftig werde man im Handel noch genauer prüfen, ob nicht MitarbeiterInnen im großen Stil falsch eingeordnet würden. Es geht dabei um monatliche Beträge von bis zu 150 Euro brutto ab fünf Dienstjahren - halb so viel ist es bei Teilzeitarbeit.

H&M ist nun dabei, den Fehler zu korrigieren und die administrative Arbeit höher abzugelten. Das Anforderungsprofil an MitarbeiterInnen in den Büros habe sich geändert, lässt der Konzern wissen. "Es wurde eine Anpassung der Stufe im Kollektivvertrag beschlossen und befindet sich in Umsetzung."

Auf stur schalten die Schweden in Österreich bei ihren Kassajobs. Diese gibt es nämlich offiziell gar nicht. Wie berichtet ordnete die Kette an, die Leute nicht mehr länger als die Hälfte der Vertragszeit an der Kasse zu beschäftigen, zwei Monate beträgt jeweils der Durchrechnungszeitraum. Hintergrund: Wer kassiert, muss auch mehr verdienen - der Gerichtshof fällte da - zu ein richtungsweisendes Urteil. Bis auf H&M setzten es auch fast alle Händler um. H&M rechtfertigt die Anleitung zur Umgehung mit der Vermeidung von "Eintönigkeit am Arbeitsplatz". MitarbeiterInnen sollten in "unterschiedlichsten Bereichen Erfahrung sammeln".

Mit Hochdruck wird an einem Tool gearbeitet, das leicht ersichtlich macht, wie viel Zeit jedeR an der Kassa verbringt, heißt es in einem Fax an das Managementteam der Filialen. Dieses soll dem Vernehmen nach künftig nur noch die aktiv am Kassencomputer gearbeitete Zeit zählen. Nicht eingerechnet würden etwa Entsichern, Zusammenlegen und Einpacken der Ware. Die Kassa logge sich automatisch aus. Auch wer den ganzen Tag dort stehe, erreiche nie die 50-Prozent-Schwelle der Kassiertätigkeit. Diese jedoch ist aus Sicht der Wirtschaftskammer die Richtschnur für die höhere Lohnstufe. H&M dazu: Mit einem in der Testphase befindlichen Tool versuche man Richtgrößen zu ermitteln, ob interne Vorgaben gelebt werden.

"Gefundenes Fressen"

In der Branche löst der Umgang der schwedischen Kette mit dem Thema Kassa Kopfschütteln aus. Die höhere Lohnstufe falle finanziell kaum ins Gewicht. Ab einer gewissen Umsatzgröße rechneten sich eigene Kassakräfte ohnehin, sagt ein Mitbewerber. H&M agiere ungeschickt, mache sich zu einem Fressen für die Gewerkschaft. Das kolportierte Tool sei in der Branche im Übrigen völlig unüblich.

Der Lebensmittelhandel hat seine Kassakräfte seit jeher richtig eingestuft. Die Arbeit an der Kasse sei nicht irgendein Job, heißt es etwa bei Spar, Kassierer seien die Visitkarte eines Unternehmens.

H&M beschäftigt in Österreich an 67 Standorten knapp 2600 MitarbeiterInnen. Der Umsatz sank im dritten Quartal um elf Prozent, der Gewinn international um 15 Prozent. (Verena Kainrath, DER STANDARD, Printausgabe 12./13.11.2011)

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    Interne Umfragen zeigten: Die MitarbeiterInnen fühlen sich wohl bei der Arbeit, heißt es bei H&M.

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