Hagiografie eines Mysteriums

11. November 2011, 16:57
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Nun ist sie angebrochen, die stille Zeit, in der man sich der Einladungen schier nicht mehr erwehren kann.

Nun ist sie angebrochen, die stille Zeit, in der man sich der Einladungen schier nicht mehr erwehren kann. Lesungen drohen, Punschfeste locken, Endzeitereignisse vom Christkindlmarkt bis zur Jahresabschluss-Pressekonferenz bahnen sich an, sogar zu einer Blattkritik auf dem Boulevard kann man eingeladen werden, wenn man sich nicht versieht - aber wer kann bei dem Termindruck schon überall sein? Am besten, man besinnt sich auf den Ruf der Saison nach Besinnlichkeit und zieht sich lesend zurück. Ein gutes Buch soll es natürlich schon sein, eines, das den Geist erquickt, das Herz erwärmt und die Seele zu Höherem emporreißt. Aus der Fülle des einschlägigen Angebotes kristallisierte sich diese Woche eines heraus, das all diesen Anforderungen entsprechen dürfte, dem Lobpreis in den Medien nach zu schließen. Es handelt sich um ein Elaborat, in dem sich, glaubt man den Referaten, tiefe geopolitische Einsicht mit weihrauchgeschwängertem Optimismus in exakt der Weise mischt, die das Land jetzt braucht. Die Tiefe der Thematik auszuloten, hätte womöglich sogar Helmut A. Gansterer überfordert, weshalb als Koautorin Christiane Scholler wirkte, um Erwin Pröll - "Zum Glück gewinnt immer die Zuversicht" ("Die Presse"), oder auch Erwin Pröll. Profil eines Politikers ("Salzburger Nachrichten", "News") auf den Markt zu werfen.

Es dürfte sich um dasselbe Werk handeln, auch wenn in den Besprechungen verschiedene Auffassungen durchschimmerten. Dem Referenten der "Salzburger Nachrichten" zufolge - bei einem ersten Blick hinein entfuhr ihm der Ausruf Heiliger Erwin - handelt es sich um die Präsentation einer Biografie. In der "Presse" handelt es sich im Untertitel um biografische Thesen, was im Text vom biografischen Subjekt korrigiert wurde: Nein, es ist keine Biografie, darauf legt Erwin Pröll großen Wert, während derselbe es gegenüber "Österreich" so formuliert: "Unser Anspruch war, dass der Inhalt anders wird als normalerweise." Ausweg aus der Verwirrung suchte das Blatt in der Einschätzung, es handle sich um keine herkömmliche Biografie, oder auch um eine "Biografie".

Laut "Österreich" haben die Autoren Pröll 50 Interview-Stunden abgerungen und zu einer "Expedition zu den weißen Flecken in Prölls Geografie" verarbeitet. Das schien der "Presse" despektierlich wenig Aufwand, weshalb sie berichtigte: Achtzig Stunden lang interviewten die Autoren Pröll; Auszüge der Gespräche finden sich in allen Kapiteln. Der Unterschied im Arbeitsaufwand von 30 Stunden führte naturgemäß zu differenten Beurteilungen des Werks. In "Österreich" lautete sie Pröll ohne Sex & Crime, was den Verkauf nicht stimulieren dürfte, in der "Presse" hingegen patriotisch: Ein Land, schön wie Erwin Pröll.

Tiefer schürfte der "Kurier". Erwin Pröll: Die biografische Landkarte, neu vermessen. Es war nämlich so: Erwin Pröll hatte einfach keine Lust. Wozu, so dachte Niederösterreichs Landeshauptmann, sollte er einem Verlag dabei helfen, eine Biografie über ihn, Pröll, zu verfassen? Weder war er in Pension, noch Bundespräsident, noch konnte und wollte er die Zeit für die nötigen Gespräche erübrigen. Sie haben ihn erst beim vierten Anlauf überzeugt, was einen Blick auf das harte Leben von Autoren gestattet. Ihr schlagendstes Argument war wohl das: "Zum Glück gewinnt immer die Zuversicht" sollte keine Biografie, sondern das "Profil eines Politikers" werden.

Dazu zitierte "Die Presse" aus der modern-lyrischen Begleitung im Kapitel acht. Pegasus Pröll: Im Rückblick sieht man Merkwürdiges. Niederösterreich und sein Landeshauptmann entwickelten sich perfekt parallel. In einem anmutigen Paarlauf ergänzten sie ihren ländlichen Ursprung mit selbstbewusster Weltoffenheit, ohne die Wurzeln zu lösen."

Aber was nun hat die Autoren besonders gepackt, überrascht? wollte der "Kurier" klären. Immerhin: Gansterer und Scholler kennen Erwin Pröll seit Jahrzehnten. Und doch gab es Neues in ihm zu entdecken. Für Gansterer ist es vor allem Prölls "Tapferkeit" im Kulturellen. Für "Österreich" sollte das Licht in das "Mysterium Pröll" gebracht werden. "Die Presse" sah eine amüsante Hagiografie, also mehr als bloße Biografie, und für die "Salzburger Nachrichten" ist die Heiligsprechung wohl nur noch eine Frage der Zeit. Wie auch immer: Ein Buch, in welchem Pegasus Pröll voll gewonnener Zuversicht als sein eigenes Mysterium über die weißen Flecken seiner Geografie galoppiert, sollte unter keinem Radlbrunner Christbaum fehlen. (Günter Traxler, DER STANDARD; Printausgabe, 12./13.11.2011)

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