Das Jahrhunderthaus

11. November 2011, 17:02
31 Postings

Zur Eröfnung des neuen 21er Hauses: Ein Spaziergang durch eine wiederbelebte Ikone der Moderne

Die Bauarbeiter knien am Boden und klopfen die letzten Pflastersteine in den Kies. An der Fassade des kleinen Büroturms müssen noch ein paar Blechpaneele montiert werden. Und im großen Ausstellungsraum stehen Ausstellungsmonteure und Künstler ratlos in der Gegend herum und kratzen sich am Kopf. Bis kommenden Dienstag, so wird versichert, soll alles fertig sein. Dann nämlich wird das 20er Haus im Schweizer Garten als so genanntes 21er Haus zum dritten Mal eröffnet.

Rückblick: Begonnen hatte alles als Ausstellungspavillon auf der Expo 1958 in Brüssel. Aus einem Architekturwettbewerb, an dem etwa auch Oswald Haerdtl, Otto Niedermoser und Erich Boltensterin teilgenommen hatten, ging der erst 39-jährige Karl Schwanzer als Sieger hervor.

Lediglich 35 Millionen Schilling kostete der Österreich-Pavillon damals. Ein Bruchteil dessen, was andere Nationen für ihre gebauten Visitenkarten ausgaben. Der Grund: Leichtbauweise aus Stahl, Heraklith, Kunststoff, Holz und Glas, modulare Konstruktion, Aufbau und Abbau in nur wenigen Wochen. Die zeitgenössische, clevere Konstruktion brachte dem Österreich-Pavillon am Ende den Grand Prix 1958 ein.

Nach Ablauf der Weltausstellung sollte das Gebäude in Wien aufgestellt und als Museum moderner Kunst weitergenutzt werden. Infrage kamen drei Grundstücke in der Innenstadt: Freihausviertel beim Naschmarkt, Schottentor und Albertina. Doch schließlich landete das neu aufgebaute 20er Haus im Schweizer Garten, im Abseits zwischen Südbahnhof und Arsenal.

Zwei Jahre dauerte der Wiederaufbau, den Schwanzer selbst betreute. Das Holz wurde gegen Beton getauscht, der Kunststoff gegen Klinker, das Heraklith gegen Glas. Bei der Eröffnung am 21. September 1962 jubelten die Medien und titelten von einem Einbruch in die Wiener Museumstradition, von einer neuartigen Atmosphäre, als begäbe man sich auf exterritorialen Boden. Die darauffolgenden Ausstellungen - von Schüttaktionen bis zum Riesenbillard von Haus-Rucker-Co - bestätigten das 20er Haus als Hort für Visionen.

Doch dann war Schluss. 2001 musste das marode 20er Haus aus Sicherheitsgründen geschlossen werden. Gefahr in Verzug. Seitdem gammelte das Juwel der Moderne vor sich hin. Der Stahlbau rostete. Der Beton schimmelte. Im Innenraum standen die Pfützen. 2003 beschloss die Burghauptmannschaft, das Museum zu revitalisieren, und schrieb einen EU-weiten Wettbewerb aus. Der Wiener Architekt Adolf Krischanitz, selbst ein Schüler Schwanzers, konnte das Verfahren für sich gewinnen.

"Das Haus hat eine bewegte Geschichte hinter sich", meint Krischanitz. "Ich bin froh, dass sich die Eigentümer dazu überwinden konnten, das längst schon baufällige Haus zu sanieren. Ich glaube, in dieser Form hat es eine Revitalisierung der Moderne noch nie zuvor gegeben."

Recht hat er. Minutiös machten sich Architekten, Denkmalpfleger und Restauratoren an die Dokumentation des Gebäudes, protokollierten jeden Türgriff, nahmen Maße an Fensterprofilen, Glasfassaden und Steinbelägen, fotografierten Oberflächen und Details und extrahierten ganze Wandteile und Stahlknoten, um diese - Millimeter für Millimeter - im Bundesdenkmalamt wieder aufzubauen und für Studienzwecke zu archivieren.

Eine Ode an das Original

"Die Lebensdauer des Hauses war längst erreicht", erinnert sich Martina Griesser-Stermscheg, wissenschaftliche Institutsmitarbeiterin im Fachbereich Objektrestaurierung, Universität für angewandte Kunst. "Trotzdem waren einige bauliche Originaldetails Schwanzers in einem sehr guten Zustand. Und diese Teile galt es zu erhalten und nach Möglichkeit wieder einzubauen."

Obwohl das 20er Haus zum Höhepunkt der Umbauarbeiten nur noch ein nacktes Gerippe aus einigen wenigen Stahlpylonen war, konnten viele Bauteile wiederverwendet werden. Andere wurden originalgetreu nachgebaut. Wiederum andere wurden in Anlehnung an Schwanzers Pläne und Skizzen neu konstruiert und so detailliert, dass sie zwar optisch dem Original entsprechen, brandschutztechnisch und bauphysikalisch jedoch die neuesten Stückln spielen.

Nebenbei wurde die Nutzfläche durch unterirdische Archive, Restaurant und neue Büroräumlichkeiten, die in einem separaten, sechsstöckigen Türmchen  neben dem 20er Haus untergebracht sind, vervierfacht.

"Leicht war der Umbau nicht", blickt Luciano Parodi, Projektleiter im Büro Krischanitz, auf die Baustelle zurück. "Wir mussten ziemlich stark in die Bausubstanz eingreifen, aber ich würde sagen, dass uns eine gute Balance gelungen ist." Und rechnet vor: "Wir konnten rund 60 Prozent des baulichen Bestandes, dafür aber rund 95 Prozent der Atmosphäre und räumlichen Qualität erhalten."

In gewohnter industrieller Rohheit erstrahlt der neue Innenraum. Stahl blieb Stahl. Stein blieb Stein. Gummiboden blieb Gummiboden. Wo früher eine Fassade mit bauphysikalischen Horrorwerten montiert war, prangt nun eine selbstentwickelte Thermofassade aus Kathedralglas. Dank Vlies und Kapillaranlage wird der Lichteinfall von allen Himmelsrichtungen diffus gestreut. Besser kann die Lichtstimmung in einem Museum nicht sein. Parodi: "Die Wirkung ist genau so, wie wir uns das erhofft haben."

Details wie diese schlummern zuhauf im neuen 21er Haus, wie das Museum von nun an heißen wird. Und der Architekt kommt gar nicht mehr aus dem Schwärmen heraus, wenn er von der Widerstandsheizung in den Stahlträgern, von den zersägten und neu zusammengefügten Profilen in der Fassade und von den neuen Brandschutzmaßnahmen erzählt.

So fällt im Brandfall etwa ein feuerfester Stahlvorhang von der Decke, der das Untergeschoß von der Galerie trennt und so einen Brandüberschlag verhindert. Ein Glücksgriff. Denn einzig und allein aufgrund dieses innovativen Produkts, das erst kürzlich zertifiziert und für den Markt zugelassen wurde, konnte die Qualität des offenen Ausstellungsraumes erhalten werden. Krischanitz: "Ich bin froh, dass das gelungen ist, denn nur in einem Milieu der Leichtigkeit und Luftigkeit kann Kunst artgerecht atmen."

Raum schwierig zu bespielen

Diese Meinung teilt auch die zuständige Belvedere-Direktorin Agnes Husslein-Arco. "Das ist ein Ein-Raum-Museum, und es ist, was es ist. Es ist ein hervorragend saniertes Denkmal der Moderne. Und ich bin mir dessen bewusst, dass es eine Herausforderung sein wird, diesen reizvollen Raum zu bespielen."

Rund 32 Millionen Euro wurden in die Revitalisierung von Karl Schwanzers Ikone investiert. Aus dem einst notdürftig adaptierten Provisorium ist ein vollwertiges Museum des 21. Jahrhunderts geworden. Ob der visionäre Charakter der Fünfziger- und Sechzigerjahre auch auf Ebene der Ausstellungen weitergetragen werden wird, bleibt abzuwarten. Doch wie schrieb einst Schwanzer in seinem Buch Architektur aus Leidenschaft? "Im Risiko liegt die Bejahung der Entwicklung."  (Wojciech Czaja  / DER STANDARD, Printausgabe, 12./13.11.2011)

Zum Weiterlesen:
Veränderte Erscheinungsbilder
Am Dienstag wird das 21er Haus mit spektakulären künstlerischen Interventionen wieder eröffnet - unter anderem von von Marcus Geiger

  • Das neue 21er Haus mit dem charakteristischen Büroturm an der Seite. Glasfassade im Obergeschoß. Restaurant im Untergeschoß.
    foto: anna blau

    Das neue 21er Haus mit dem charakteristischen Büroturm an der Seite. Glasfassade im Obergeschoß. Restaurant im Untergeschoß.

  • Während der Bauarbeiten wurde das 20er Haus bis auf die dicken Pylonen 
komplett  abgetragen. Sämtliche Stahlbauteile mussten im Werk saniert 
werden.
    foto: anna blau

    Während der Bauarbeiten wurde das 20er Haus bis auf die dicken Pylonen komplett abgetragen. Sämtliche Stahlbauteile mussten im Werk saniert werden.

  • Nun  erstrahlt der Saal nach  Originalplänen Karl Schwanzers 
wieder in alter Schönheit.
    foto: anna blau

    Nun erstrahlt der Saal nach Originalplänen Karl Schwanzers wieder in alter Schönheit.

  • Artikelbild
    foto: anna blau
Share if you care.