"Merkel könnte bescheidener auftreten"

Interview11. November 2011, 19:24
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Charles Grant sieht Berlins Auftreten in der EU kritisch. London und auch Paris scheinen bei Angela Merkel nur wenig Bedeutung zu haben

STANDARD: Wohin geht die Reise für die Europäische Union?

Grant: Wir bewegen uns auf eine Scheidung zu. Es gibt ganz klar divergierende Bewegungen, und die führenden Politiker kommen auf keine gemeinsame Linie.

STANDARD: Der britische Premier fordert Lösungen, will aber finanziell nichts beitragen ...

Grant: Das hat innenpolitische Gründe. David Cameron steht unter Druck, die Stimmung hat sich zuletzt stark gegen ihn gewandt. Besonders aus Deutschland hört man: Bringt ihr erst einmal eure eigene Wirtschaft in Ordnung, ehe ihr uns gute Ratschläge erteilt.

STANDARD: Da ist ja was dran.

Grant: Schon. Allerdings wäre es gut, wenn Angela Merkel ein klein wenig bescheidener auftreten würde. Wenn man mit deutschen Entscheidungsträgern spricht, hat man das Gefühl: Die wissen mit absoluter Gewissheit, dass sie recht haben. Es kann ja sein, aber auch der Ton, in dem man etwas sagt, ist wichtig.

STANDARD: Wird Großbritannien in fünf oder zehn Jahren der EU überhaupt noch angehören?

Grant: In fünf Jahren: Ja. Cameron ist vernünftig genug zu wissen, dass die Wirtschaft von der EU profitiert. In zehn Jahren? Da wäre ich mir nicht so sicher. Bei den Konservativen wächst eine sehr EU-feindliche Generation nach. Je weiter sich die EU vom ökonomischen Liberalismus fortentwickelt, desto weniger attraktiv wird sie aus britischer Sicht. Schon jetzt unterstützen nur noch 40 Prozent der Bevölkerung die EU.

STANDARD: Der britische Einfluss in Brüssel wird geringer, wenn London kein zuverlässiger Partner ist.

Grant: Das stimmt natürlich auch. Übrigens scheint mir aber auch Frankreich in den Überlegungen der Deutschen keine wichtige Rolle mehr einzunehmen. Diese Art von Führung durch Deutschland scheint mir nicht sehr kompetent zu sein, und die EU-Bevölkerung zeigt sich davon ja auch nicht sonderlich beeindruckt. (Sebastian Borger, DER STANDARD, Printausgabe, 12.11.2011)

  • Zur Person: Charles Grant (53) ist Historiker. Der frühere "Economist"-Redakteur leitet den Londoner Thinktank "Centre for European Reform" (CER).
    foto: sebastian borger

    Zur Person: Charles Grant (53) ist Historiker. Der frühere "Economist"-Redakteur leitet den Londoner Thinktank "Centre for European Reform" (CER).

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