"Leistbarer Wohnraum im Bobo-Bezirk wäre fein gewesen"

11. November 2011, 17:37
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Die Wiener Soziologin Irmtraud Voglmayr über Hausbesetzungen und alternative Wohnmodelle

Konsumfreie Räume ermöglichen den Bürgern, sich in ihrer Stadt zu engagieren und andere Lebensformen auszuprobieren, meint die Soziologin Irmtraud Voglmayr im Gespräch mit Julia Herrnböck.

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Standard: Hätten Sie den Hausbesetzern in der Lindengasse Chancen eingeräumt?

Voglmayr: Da der Bauträger die Buwog ist und konkrete Interessen verfolgt, bin ich nicht davon ausgegangen. Die Besetzung war eine Auseinandersetzung um Raum auf kollektiver Ebene. Von den Ideen her hätte das ein wunderbares Zentrum werden können.

Standard: Welche Initiativen waren denn geplant?

Voglmayr: Der Hof hätte sich für "Urban Gardening" geeignet. Generationsübergreifendes Wohnen sowie Kunst- und Kulturproduktionen hätten angesiedelt werden können. Zu zeigen, dass es leistbaren Wohnraum in einem Bobo-Bezirk gibt, wäre fein gewesen.

Standard: Was ist das Argument, öffentlich finanzierten Raum zur Verfügung zu stellen?

Voglmayr: Es geht darum, Räume zu schaffen, um andere Lebensformen auszuprobieren, in dem Konsum keine große Rolle spielt. Selbstorganisierte und selbstverwaltete Projekte können nur in einem großen Rahmen ausgelebt werden.

Standard: Wie steht es um Österreichs Jugendpolitik?

Voglmayr: In einigen Bezirken sind viele Angebote da, aber es geht auch immer um soziale Kontrolle. In den Städten existiert Angst vor Revolten, jeder hat die Ereignisse der Pariser Banlieues oder London vor sich. Wien verfolgt eine paternalistische Planungspolitik, viele Gruppen wollen aber keine verordneten Projekte.

Standard: Welche Positivbeispiele können Sie nennen?

Voglmayr: Es gibt zahlreiche Ansätze, wie im Alltag anders gelebt werden kann - Landkommunen, Stadtkommunen, Kost-nix-Läden. Der Leitsatz der Agenda 21, die 1992 von der Uno ausgerufen wurde, lautet: "Alle in einer Stadt lebenden und arbeitenden Menschen werden gleichermaßen ermutigt, sich zu engagieren." In Wien gibt es derzeit eine Ausstellung mit dem Namen Die Stadt ist uns nicht egal (in der Wiener Planungswerkstatt, Anm.), wo verschiedene Projekte vorgestellt werden.

Standard: Wie sehen Sie das Amerlinghaus im siebten Bezirk?

Voglmayr: Das Motto der Agenda 21 gilt anscheinend nicht für das lebendige Zentrum Amerlinghaus. Durch die rot-grüne Stadtregierung ist es vom Zusperren bedroht. Ich frage mich, wer den Umbau der Stadt forciert und was diejenigen tun müssen, die nicht gehört werden. Im Extremfall endet das in politisch motivierter Gewalt. (Julia Herrnböck, DER STANDARD, Printausgabe, 12.11.2011)

Zur Person

Irmtraud Voglmayr, Kommunikationswissenschafterin und Soziologin, forscht zum Thema Stadt- und Raumsoziologie.

  • "Das Motto der Agenda 21 gilt anscheinend nicht für das lebendige Zentrum Amerlinghaus", sagt Soziologin Irmtraud Voglmayr
    foto: newald

    "Das Motto der Agenda 21 gilt anscheinend nicht für das lebendige Zentrum Amerlinghaus", sagt Soziologin Irmtraud Voglmayr

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