BahnhofCity: Die Überraschung des Erfolgs

Interview11. November 2011, 17:33
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Am Mittwochabend wurde der BahnhofCity Wien West der Diva-Award 2011 für die beste Gewerbe-Immobilie verliehen

Wien - Am Mittwoch wurden der nationalen Immobilienschar, die in großer Zahl in die Skybar in die Kärntner Straße gekommen war, die Finalisten sowie der Preisträger des diesjährigen Diva-Awards präsentiert. Aus insgesamt acht Finalisten - sieben davon in Wien - ging die BahnhofCity in Wien als Siegerin hervor. Gelobt wurde vor allem die komplexe Entstehungsgeschichte sowie die Zusammenarbeit zwischen den Architekten, dem Bundesdenkmalamt und der Bauherrin ÖBB Immobilienmanagement GmbH - auch wenn das Publikum diese Begeisterung in Form zum Teil mürrischer Kommentare nicht teilte.

Die neue BahnhofCity umfasst ein unterirdisches Shoppingcenter mit 17.000 Quadratmeter Verkaufsfläche (betrieben von der ECE, Durchschnittsmiete 35 Euro pro Quadratmeter, Vermietungsgrad 100 Prozent), 13.000 Quadratmeter Büroflächen mit Mieten um 14 Euro pro Quadratmeter sowie das Low-Budget-Hotel Motel One mit 441 Zimmern, das nach Auskunft von Claus Stadler, Geschäftsführer der ÖBB Immobilienmanagement, im Laufe des nächsten Jahres auf dem Markt zum Verkauf platziert wird.

"Wir sind alle überrascht, wie gut sich die Verwertung der BahnhofCity letztendlich entwickelt hat" , sagte Stadler vor wenigen Wochen im Rahmen einer Pressekonferenz. "Es ist das erste Mal, dass ein Infastrukturprojekt der ÖBB zur Gänze mit Immobilien finanziert wird."

Wojciech Czaja bat den Auslober des Diva-Awards und Geschäftsführer der Diva Consult, Christian Sommer, zum Gespräch:

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STANDARD: Der diesjährige Hauptpreis geht an die BahnhofCity Wien West. Warum?

Sommer: Die BahnhofCity Wien West zeichnet sich durch die Kombination verschiedener Nutzungen aus: Hotel, Büro, Retail und natürlich auch der Bahnhof selbst. Das alles unter einen Hut zu bringen ist eine Aufgabe, die wir in dieser Form in Wien noch nie zuvor vorgefunden haben. Die Lösung ist funktionell, baulich eindrucksvoll und wirtschaftlich erfolgreich.

STANDARD: Unter Architekten und Fachleuten wird der Umgang mit der historischen Bausubstanz sehr kritisiert.

Sommer:  Der Diva-Award ist kein Architekturpreis. Wir versuchen die Gesamtheit eines Projekts zu bewerten. Wenn Sie mich persönlich fragen, hat es mich am meisten gestört, dass der Bahnhof nicht komplett abgerissen wurde.

STANDARD: Warum?

Sommer:  Ich finde, dass dort ein moderner Bahnhof hingehört, und ich finde, dass der Denkmalschutz für diese Halle weit übers Ziel hinausschießt. Fast jeder Wiener verbindet mit dem Westbahnhof eine gewisse Sentimentalität, aber es kann mir niemand erzählen, dass das ein schönes und wertvolles Gebäude ist. Mit so einer Substanz aus den Fünfzigerjahren umzugehen macht ein Bauvorhaben nicht einfacher, nur schwieriger. Mit einem ganz neuen Projekt hätten die Architekten etwas noch Besseres machen können.

STANDARD: Sie haben den Award heuer zum zehnten Mal vergeben. Wie haben sich die eingereichten Projekte in dieser Zeit verändert?

Sommer: Vor zehn Jahren stand die Bildung von neuen Bürostandorten im Vordergrund. Beispiele dafür sind die Donaucity, der Wienerberg und die Euro-Plaza. Doch jetzt kommt eine neue Komponente hinzu: Das Siegerprojekt BahnhofCity Wien West hat nicht nur lokale, sondern auch überregionale Bedeutung. Jetzt machen die Projektentwickler nicht nur Bürostandorte, sondern ganze Stadtgebiete. Das ist ein Trend, den es in Ländern wie etwa Deutschland schon lange gibt. Jetzt ist dieser Trend auch bei uns gelandet.

STANDARD: Unter acht Finalisten gab es ein einziges Projekt, das nicht in Wien ist. Wie erklären Sie sich das?

Sommer: Es gab wenig Einreichungen aus den Bundesländern. Wir wollten dezidiert einige Projekte aus den Bundesländern, besonders aus Vorarlberg, zur Teilnahme am Award einladen. Doch das wurde abgelehnt.

STANDARD: Wie beurteilen Sie die Bereitschaft, sich mit Themen der ökologischen und städtebaulichen Nachhaltigkeit auseinanderzusetzen?

Sommer: Die Bereitschaft, sich energieeffizient zu präsentieren, ist in der Immobilienwirtschaft sehr groß. Doch ich glaube, dass es in der Frage der wirklichen Nachhaltigkeit noch einige Themenbereiche gibt, die in der ganzen Euphorie der Energieeffizienz noch zu wenig Berücksichtigung finden.

STANDARD: Und zwar?

Sommer: Bisher wurde alles Mögliche unternommen, um eine gewisse Nachhaltigkeit bei einzelnen Projekten oder Clustern zu erreichen. Jetzt wird es darum gehen, auch in der Planung von ganzen Stadtteilen internationale Standards zu setzen. Das ist eine komplexe Aufgabe, aber das wird definitiv der nächste Schritt sein. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12./13.11.2011)

CHRISTIAN SOMMER (46) studierte Wirtschaft und ist seit 1998 Geschäftsführer der Diva Consult GmbH.

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    Siegerprojekt des Diva-Award 2011: die BahnhofCity Wien West von Neumann & Steiner. Die Eröffnung des Büro- und Shoppingcenter-Bahnhofs findet am 23. November statt.

  • Siegerpodium des Diva-Award 2011 in der Skybar in Wien (v.li.): Juror 
Gerhard Rodler, Alexander Gluttig (ÖBB), Architekt Heinz Neumann, 
Architekt Eric Steiner, Andreas Kallischek (ÖBB), Künstler Bernd 
Fasching, Auslober Christian Sommer, Juror Thomas Malloth und Juror 
Ferenc Sabo.
    foto: diva consult

    Siegerpodium des Diva-Award 2011 in der Skybar in Wien (v.li.): Juror Gerhard Rodler, Alexander Gluttig (ÖBB), Architekt Heinz Neumann, Architekt Eric Steiner, Andreas Kallischek (ÖBB), Künstler Bernd Fasching, Auslober Christian Sommer, Juror Thomas Malloth und Juror Ferenc Sabo.

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