Tourismus in Ägypten

"Wir brauchen Ruhe, dann wird alles gut"

Reportage | 11. November 2011, 17:34

Die oberägyptische Region Assuan lebt von Nilkreuzfahrten - Die Touristen bleiben aber wegen der instabilen politischen Lage aus

In Assuan hofft man deshalb, dass nach den Wahlen endlich die Wende kommt.

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"Ich schlafe viel in diesen Tagen", sagt Mohammed Ali sarkastisch. Sein Telefon klingelt nur selten. Selten nehmen Touristen seine Chauffeurdienste in Anspruch. So wie ihm geht es in Assuan derzeit Tausenden. Die Metropole im Süden des Landes lebt von den Touristen, aber die kommen in dieser Saison nur spärlich. Die Feluka-Kapitäne und Kaleschen-Kutscher streiten sich um jeden Gast. Die Preise sind im Keller. Der einstündige Turn mit der Feluka, dem traditionellen Nil-Segelschiff, kostet nicht mehr als vor zwölf Jahren, obwohl sich der Geldwert seither mindestens halbiert hat. Mohammed sorgt sich vor allem um die Zukunft seiner vier Kinder.

Der Chef der lokalen Touristenbehörde zeigt sich dagegen optimistisch. "Nach dem Tiefpunkt steigt die Zahl der Gäste mit jedem Monat" , sagt Abdel Hakim Hussein. Aber das ist auch nicht erstaunlich, denn der Sommer ist die tote Zeit in Assuan, und die Saison beginnt erst im Oktober, wenn die Temperaturen angenehmer werden. Ein erster Höhepunkt sollte das Sonnenfest am 21. Oktober im Felsentempel von Abu Simbel sein. "Dieses Jahr ist eine Katastrophe. Die Auslastung im Oktober betrug gerade 25 Prozent, verglichen mit 85 Prozent im Vorjahr" , erklärt ein lokaler Hotelmanager. "Der ganzen Branche geht es so. Viele mussten Mitarbeiter entlassen. Alle leiden, bis hin zum Gemüselieferanten. Manche Firmen, etwa Limousinen-Unternehmen, haben bereits ganz dichtgemacht" , präzisiert er.

Der Tourismus in Assuan, 900 Kilometer südlich von Kairo, hat seinen eigenen Charakter. Der Großteil der Gäste besucht Assuan im Rahmen von Nilkreuzfahrten, der Rest sind Individualreisende. Gewalttätige Auseinandersetzungen, wie sie seit der Revolution im Frühjahr immer wieder aufflammen - etwa die Zusammenstöße zwischen dem Militär und koptischen Demonstranten Anfang Oktober in Kairo mit 27 Toten -, sind Gift für diese Art Tourismus. Von den 340 Nilschiffen sind derzeit nur 40 in Betrieb.

Auch wenn Hussein betont, dass Assuan weit weg von Kairo liege und überhaupt während der gesamten Revolution nie ein Tourist zu Schaden gekommen sei. In Ägypten ist der Tourismus ein wichtiger Wirtschaftsmotor, von dem jeder achte Arbeitsplatz abhängt und dessen Einkünfte rund elf Prozent zum Bruttosozialprodukt beisteuern. Viele in Assuan hoffen deshalb, dass die Wahlen politische Stabilität und damit die Touristen zurückbringen werden. "Wir brauchen nur Ruhe, dann wird alles gut" , ist Nabil überzeugt, der in seinem Gewürzladen sitzt und die Wahl-Sonderseiten der Tageszeitung studiert.

Auch politisch hat Oberägypten seine Eigenheiten. Bei der Wahl spielt traditionell die Familienzugehörigkeit die wichtigste Rolle. Gewählt wird hier in der zweiten Runde, am 14. Dezember. Vom Wahlkampf ist noch kaum etwas zu spüren. Die meisten Plakate haben al-Nour, eine von mehreren Parteien der ultrakonservativen Salafisten, und die Freiheits- und Gerechtigkeitspartei der Muslimbrüder aufgehängt.

Egal, wer gewinnt

Es ist völlig egal, wer gewinnt, ob al-Nour, die Muslimbrüder oder eine andere Partei. Entscheidend ist, dass sie sich für die Zukunft des Landes einsetzen und nicht für ihre kleinlichen Einzelinteressen" , meint Hussein, der überzeugt ist, dass die Parlaments- und vor allem danach die Präsidentenwahlen Ägypten Aufschwung bringen werden. Er fordert von allen Ägyptern noch ein paar Monate Geduld, nachdem sie schon 30 Jahre auf die Freiheit gewartet hätten.

Der Hotelmanager ist skeptischer. Die politische Zukunft sei alles andere als sicher, es gebe auch keine Garantien, dass die Wahlen, die sich über viele Monate hinziehen werden, gewaltfrei verlaufen, sagt er. Das sei auch der Eindruck der ausländischen Geschäftspartner. Sie seien abwartend. Die Aussichten für den Tourismus seien daher eher düster. (Astrid Frefel aus Assuan /DER STANDARD, Printausgabe,12.11.2011)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 49
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02
13.11.2011, 15:52
Ägyptens Reise ...

... in den "arabischen Frühling" ist noch ohne Zielangabe. NIEMAND kann sicher sagen, wo dieses Land in 2 Jahren steht. Nur das die Fundamentalisten die Macht erhalten werden, die sie in der Bevölkerung schon immer hatten. Ägypten hat eine überwiegend archaische Bevölkerung, sehr konservativ, moslemisch (nicht unbedingt fundamentalistisch). Die Moslembrüder und ähnliche Parteien haben um lt. Schätzungen 28 %, das ist viel. Aber die Wahlen werden es zeigen. Tunesiens Islamisten haben wesentlich mehr abgestaubt. Sollte es in Ägypten auch so kommen, tunmir die Ägypter jetzt schon leid.
Vorallem alle Ägypter, die nicht Moslems sind (z.B. Kopten).

Raphae1
21
13.11.2011, 10:48

Ich war in den Osterferien in Ägypten und kann nur empfehlen jetzt zu fahren. Nur jetzt hat man die einmalige Gelegenheit fast alleine durch ägyptische Tempelanlagen zu spazieren, dort wo sonst tausende Touristen gleichzeitig den Blick verstellen. Abgesehen davon kann man sich - ohne zu reservieren - fast jedes Hotelzimmer aussuchen.

Shaman141
 
13
13.11.2011, 11:52
...

ja, auf jeden fall! denn wenn erst die ultrafundis an der macht sind werden diese gotteslästerlichen bauwerke (pyramiden, tempel etc.) eh gesprengt - siehe afghanistan!

Raphae1
51
13.11.2011, 13:22

So blöd sind nicht einmal "Ultrafundis". Auch in Afghanistan wurde nur gesprengt, weil es im Land eine Hungersnot gab, aber das Ausland gleichzeitig zig Millionen in die Restauration von Statuen investieren wollte.

Chien de Pique
01
14.11.2011, 00:55
Aha. http://en.wikipedia.org/wiki/Budd... he_Taliban (mit Links)

"In July 1999, Mullah Mohammed Omar issued a decree in favor of the preservation of the Bamiyan Buddha's statue. [...] 'The government considers the Bamiyan statues as an example of a potential major source of income for Afghanistan from international visitors. The Taliban states that Bamiyan shall not be destroyed but protected.' In early 2000, local Taliban authorities asked for UN assistance to rebuild drainage ditches around tops of the alcoves in which the Buddhas were set."
Japan, Indien u.a. zivilisierte Staaten hätten den armen Afghanen die Statuen auch liebend gerne abgekauft! Verkauf, Tourismus, Restaurierung, alles Einnahmequellen für die Afghanen! Selbst die Saudis haben die Taliban angefleht, auf diese Barbarei zu verzichten!

Raphae1
20
14.11.2011, 12:45

''When the Afghani head council asked them to provide the money to feed the children instead of fixing the statues, they refused and said, "No, the money is just for the statues, not for the children". Herein, they made the decision to destroy the statues'

http://www.nytimes.com/2001/03/1... 3a&ei=5070

Chien de Pique
00
14.11.2011, 16:25

Klingt in jedem Falle, was immer die wirklichen Motive waren, psychopathisch genug von dem Guten. Ein Wahnsinn, diese Menschen.

Raphae1
00
14.11.2011, 17:37

genug wofür? 10+ Jahre Krieg?

Chien de Pique
00
15.11.2011, 13:27

Der Krieg hat sich nicht gelohnt, das kann man getrost sagen (in Bezug auf Al-Kaida muss man es getrennt diskutieren, aber auch da sind die Erfolge mäßig): die Taliban stehen immer noch in schönster Blüte und nachdem Karzai und unsäglicherweise Obama mit ihnen kooperieren wollen (und das nur an denen scheitert), man ihnen auch noch Bestechungsgelder auszahlt und sie im großen Stil als U-Boote in den eigenen Sicherheitskräften hat, hätte man sich den Krieg diesbezüglich sicher besser gespart.

Raphae1
00
14.11.2011, 17:36

auch Menschen, die zwar Geld für Altertümer aber kein Geld für Menschen übrig haben, ängstigen mich.

pox vobiscum
00
17.11.2011, 12:18

Was glauben Sie, wieviel die Taliban für Waffen ausgeben?

Raphae1
00
17.11.2011, 16:19

Das kann ich nicht schätzen. Mit Sicherheit ist das Budget der Taliban jedenfalls ein kleiner Bruchteil vom "Verteidigungsbudget" des Pentagon.

pox vobiscum
00
17.11.2011, 20:52

Die Einnahmen aus Drogenanbau, Schutzgeld und sonstigen dubiosen "Spenden" sollten groß genug sein, um auch eine Menge Kindernahrung kaufen zu können. Mir sind Leute, die Geld für Waffen, aber keines für Menschen haben, noch viel suspekter.

Raphae1
00
17.11.2011, 23:14

Zum einen sind mir Drogendealer auch suspekt, wenn sie Geld für Kinder übrig haben, und außerdem kassieren das Drogengeld jetzt wohl eher die Besatzer. Für den CIA ist dieses Geschäft auch nicht neu.

Chien de Pique
01
15.11.2011, 13:24

Ich denke, Sie haben auch für vieles genug Geld übrig, das etliche Leben retten könnte. Und, wie gesagt, von einem Renovierungsprojekt hätten zwangsläufig auch die Leute vor Ort profitiert (als Vermieter, Zulieferer, Gastwirte, angelernte Hilfskräfte usw.), jedenfalls mehr als von einer Sprengung, die sinnlose Mehrkosten verursacht und eine potenzielle Einnahmequelle austrocknet.
Das war in jedem Falle ein barbarischer, sinnloser, selbstschädigender Amoklauf.

Raphae1
00
15.11.2011, 15:02

Selbstverständlich war die Sprengung sinnlos und destruktiv. Das Motiv kann ich trotzdem nachvollziehen.

Chien de Pique
01
15.11.2011, 17:00

Ich nicht. Das ist vollkommener Irrsinn, auf dem Niveau von Geisteskranken oder Kleinkindern.

Raphae1
00
17.11.2011, 13:15

Das Niveau von Geisteskranken und Kleinkindern ist keine Seltenheit in der Politik. Übrigens kann ich auch die Motive von Kleinkindern nachvollziehen (ohne sie zu teilen).

guenter huemer
28
13.11.2011, 09:27
entschuldigt bitte,

aber wer fährt schon gerne in ein land und urlaubt dort, wo gerade 250 000 kopten bis zum ende des jahres genötigt worden sind, das land zu verlassen? wo eine blonde, "jüdisch" aussehende journalistin ohne kopftuch am helllichten tag von 10 ägyptern am tahrir platz vergewaltigt und nachher noch brutal zusammengeschlagen wird, was kein einzelfall war. wer fährt schon gerne in ein land (tunesien), wo in beliebten touristencafes bomben hochgehen?

Loonquawl
31
13.11.2011, 12:29

ich war dieses jahr in kashmir und israel. bin, wie man liest nicht in die luft geflogen. das bild das durch die einseitige mediale berichterstattung vermittelt wird, ist relativ verzerrt. ich mein, wieviele frauen werden täglich in den usa vergewaltigt? wieviele menschen an der cote d'azur ausgeraubt und in italien ermordet?
trotzdem fährt man da hin und ich glaube Aussuan jetzt hat wenig mit dem tahrir platz vor 1 jahr zu tun.

drKannibalFekter
 
00
13.11.2011, 08:10
Wenn die Busfahrer fahren wie die Irren und Busse verunglücken

wie vor einer Woche ein Bus mit ungarischen Touristen dessen Fahrer eine scharfe Kurve zu schnell anfuhr und der Bus umkippte. Ergebnis 11 Tote über 20 z.T schwer Verletzte. Generell kann man sagen dass in der Region die Busfahrer glauben kleine Rennfahrer zu sein und damit die Toursiten gefährden. Da überlege ich schon ob ich mir das antue.

Zuckerlilly Zuckerlilly
14
12.11.2011, 07:54
Verschwörungstheorien sind für ägyptischen Tourismus auch nicht wirklich föderlich:

Supreme Council of Antiquities succumbs to pressure over rumors that Jewish Masons were on their way to Cairo to claim pyramids as their own.

http://www.jpost.com/MiddleEas... 45234&R=R3

Dackerl
70
11.11.2011, 23:00
Reisen nach Egypten sind momentan herrlich

Soeben kehrte ich von 17 Tagen herrlichem Badeaufenthalt in Sharm El Sheikh zurück. Zum 7. Male war ich nun Stammgast im gleichen Hotel und kann einigermassen kompetent berichten: Der Tourismus in Egypten hat 2 Facetten - 1) Die Nilkreuzfahrten/Kulturreisen, welche von den meisten Touristen eher nur einmal gemacht werden, neue Touristen also "Newcommer" sind, denen der "Reis geht" wegen unsicherer Verhältnisse. Dort ist heuer 95% Tourismusausfall.
2) Die Badegäste am Roten Meer, überwiegend Stammgäste, die alljährlich für längere Zeit an ihren angestammten Bade- Schnorchel- oder Tauchplätzen relaxen. Wir haben die Auslastung heuer etwa 80%ig gefühlt. Und das Personal hat uns heuer ungemein verwöhnt, hat sich alle "Haxen ausgerissen".

Solnce Ivskie
02
13.11.2011, 11:47
Ein unheimlich kompetenter bericht

mariodepiero@a1.net
03
12.11.2011, 11:33
Die Städte sind gefährlich

War in den letzten Monaten mehrmals in Ägypten. Die Ferienressorts in Hurghada und auf Sinai sind sicher. Aber in den Städten ist es gefährlich. Es gibt noch immer fast keine Polizei. Im Notfall können Sie niemand erreichen, der für die Sicherheit zuständig ist. Deshalb kommen auch keine Kreuzfahrerschiffe nach Alexandria in diesen Tagen. Zu unsicher. Da kann man ja wirklich nur auf eine Verbesserung hoffen und es dem Land wünschen

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