Zusammenstöße am Unabhängigkeitstag

Rund 150 Demonstranten festgenommen - Mindestens 21 Verletzte - Ministerpräsident Tusk fordert "rücksichtslose Bestrafung"

Warschau - Bei den Feiern zum polnischen Unabhängigkeitstag ist es am heutigen Freitag zu Auseinandersetzungen zwischen rechten und linken Demonstranten und der Polizei gekommen. 150 Demonstranten wurden festgenommen, mindestens 21 Verletzte mussten in Spitäler gebracht werden, darunter drei Polizisten. Ministerpräsident Donald Tusk forderte nach Angaben seines Sprechers die "rücksichtslose Bestrafung" der Gewalttäter.

Die Gewalt brach am Verfassungsplatz aus, wo um 15 Uhr ein Marsch von Nationalisten und Rechtsradikalen beginnen sollte. Rund 10.000 Menschen hatten sich dort versammelt. Einige von ihnen versuchten, zu einer Gegendemonstration linker Gruppierungen und von Nichtregierungsorganisationen mit etwa 1.500 Teilnehmern durchzudringen, an der nach Angaben des Fernsehsenders TVN24 auch Mitglieder der sogenannten "Antifa"-Bewegung aus Deutschland teilnahmen.

Als die Polizei die teilweise vermummten Teilnehmer des Marsches zurückdrängte, kam es zu einer regelrechten Straßenschlacht. Die Demonstranten warfen mit Steinen und Flaschen auf die Uniformierten und schossen Feuerwerkskörper ab. Die Polizei setzte Tränengas und Wasserwerfer ein. Schon zuvor hatte es an einer anderen Stelle in der Warschauer Innenstadt eine Auseinandersetzung zwischen Polizei und etwa 100 gewalttätigen Linksradikalen gegeben.

"Ganz Polen bleibt weiß"

Einige Teilnehmer des Marsches, an dem sich auch Abgeordnete der rechtskonservativen Partei "Recht und Gerechtigkeit" (PiS) und Kriegsveteranen beteiligten, skandierten rassistische Parolen wie "Ganz Polen bleibt weiß". Zu hören waren auch Schmährufe gegen Homosexuelle. Ein Teil der Organisatoren, darunter die Vereinigungen "Allpolnische Jugend" und "Nationalradikales Lager", grenzte sich von den Gewalttätern ab. "Einige haben sich unverantwortlich verhalten", erklärte der Sprecher der "Allpolnischen Jugend" Robert Winnicki gegenüber Journalisten. Es könne sich dabei um "Provokateure" gehandelt haben, die den Marsch "schlecht machen" wollten, so Winnicki.

Auf dem Verfassungsplatz, wo der Marsch mit Verspätung startete, hinterließen die Demonstranten ein Bild der Verwüstung. Schaufensterscheiben wurden eingeschlagen, Pflastersteine herausgerissen. Mehrere Fahrzeuge von Fernsehstationen wurden beschädigt. Ein Wagen des Senders TVN wurde angezündet.

Die Bewertung des Polizeieinsatzes ist bisher widersprüchlich. Regierungssprecher Pawel Gras erklärte gegenüber Journalisten, immerhin habe sie verhindert, "dass sich die beiden Demonstrationen getroffen haben". Dem widersprachen Beobachter, die aussagten, die Polizei habe mehrfach die Kontrolle über die Situation verloren. Verwirrung stiftete auch die Warschauer Stadtverwaltung. Zunächst gab sie bekannt, die Veranstaltung der Nationalisten werde aufgelöst, wenig später nahm sie dies zurück.

Justizminister Krzysztof Kwiatkowski kündigte am Abend rasche Gerichtsverfahren gegen die mutmaßlichen Gewalttäter an. "Die Warschauer Richter haben schon einen Notdienst eingerichtet und warten auf die Hooligans", erklärte er via Twitter. Staatspräsident Bronislaw Komorowski berief noch am Freitag Mitarbeiter ein, um über eine Änderung des Versammlungsrechts in Polen zu beraten, so die Nachrichtenagentur PAP.

Der polnische Nationalfeiertag am 11. November erinnert an die Ausrufung der polnischen Unabhängigkeit im Jahr 1918. 123 Jahre zuvor hatten Österreich, Preußen und Russland mit der sogenannten dritten polnischen Teilung die Zerschlagung des Staates und die Aufteilung seines Gebietes abgeschlossen. (APA)

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