"Geld ist das Fundament der Krise"

Interview12. November 2011, 12:32
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Der griechische Bestseller-Autor Petros Markaris über die Krise, Kultur als Nachtisch und das veränderte Athen

Cornelius Hell sprach mit Markaris im Rahmen der Messe "Buch Wien", wo dieser die Eröffnungsrede "Literatur in Krisenzeiten" hielt und "Faule Kredite" vorstellte, seinen aktuellen Kriminalroman.

Standard: Herr Markaris, in Ihrer Autobiografie haben Sie beschrieben, wie Sie Städte riechen und spüren. Was riechen und spüren Sie, wenn Sie nach Wien kommen?

Markaris: Zuerst einmal die Donau. Dann die Innenstadt, den Graben. Ich habe eine Zeit meines jugendlichen Lebens hier verbracht, diese Gerüche waren die ersten einer fremden Stadt, die ich mitbekommen habe - nach Istanbul. Und sie waren total anders.

Standard: Finden Sie die Gerüche von damals noch?

Markaris: Wenn ich mich in der Innenstadt befinde, rieche ich immer noch das alte Wien. Aber um das Zentrum herum ist die Stadt gewachsen, vieles hat sich geändert. In diesen neuen Bezirken - wie überall, auch in Istanbul -, wenn ich in neuen Stadtteilen bin, da rieche ich überhaupt nichts.

Standard: Sie sind gekommen, um die Buchwoche zu eröffnen - wie sehen Sie die Zukunft des Buches und des Lesens?

Markaris: Ob jetzt als E-Book oder als gedrucktes Buch - Bücher werden gelesen. Wir befinden uns gerade in einer Situation, wo der Generationenwechsel und die damit zusammenhängende Technik die Annäherung an das Buch total verändert haben. Wir, die alte Generation, lieben es immer noch, in eine Buchhandlung zu gehen, ein Buch anzufassen und darin zu blättern. Für Jugendliche von heute ist das gar nicht notwendig. Für sie ist es wichtiger, dass sie auf dem E-Book 150 Bücher gespeichert haben, die sie nach eigener Wahl abrufen können. Das ist eine Generationendifferenz, die den Kontakt mit dem Buch und die Auffassung von Lesen total verändert hat.

Standard: Lesen die Griechen jetzt in der Krise mehr oder weniger als vorher?

Markaris: Nein, die Griechen lesen nicht mehr als vorher. Der Umsatz in der Buchbranche ist um 45 Prozent gefallen. Die Griechen sitzen jeden Abend vor dem Fernseher, sehen sich Nachrichten an, weil sie versuchen, irgendetwas von dieser Krise zu verstehen. Wenn Sie mich fragen, kann man aus den Fernsehnachrichten allein nicht viel mitbekommen. Andrerseits kann man Menschen nicht verübeln, dass sie mehr verstehen wollen, weil ihnen die politische Klasse nie die Wahrheit gesagt hat. Und so suchen sie nach anderen Kanälen, aus denen sie die Wahrheit erfahren könnten.

Standard: Was bedeutet die gegenwärtige Krise für den Kultursektor in Griechenland?

Markaris: Es gibt kein Geld mehr. Ich habe immer gesagt: Kultur ist ein Hauptgericht, das von den Politikern als Nachtisch serviert wird. Das hat einerseits den Nachteil, dass man bereits zu viel gegessen hat und dann sagt: Ich verzichte auf den Nachtisch, ein kleiner Kaffee genügt. Andrerseits streicht man, wenn das Geld knapp wird, einfach den Nachtisch und versucht, die Bohnensuppe zu retten. Das ist falsch, denn Kultur ist die Bohnensuppe. Das verstehen Politiker nicht.

Standard: Ihren eben auf Deutsch erschienenen Roman "Faule Kredite" haben Sie im Wettlauf mit der Krise geschrieben. Ist es Ihnen da nicht ähnlich ergangen wie seinerzeit Charly Chaplin mit seinem Film "Der große Diktator", wo er während der Produktion immer wieder Änderungen vornehmen musste, weil die Ereignisse sich überstürzt haben?

Markaris: Ja, das ist wahr. Es war noch schlimmer im zweiten Roman, der jetzt vor zehn Tagen in Griechenland erschienen ist - und zwar aus einem einfachen Grund: weil sich in der Zwischenzeit die Ereignisse viel schneller abspielen. Bei "Faule Kredite" hat es immer wieder das Problem gegeben, dass ich im Nachhinein etwas ändern, ergänzen, streichen musste. Jetzt aber hat die Krise so ein Tempo bekommen, dass man atemlos dahinter herläuft. Kaum hat man etwas geschrieben, kommen Begebenheiten, die den Autor zwingen, immer wieder zurückzugehen und zurechtzurücken.

Standard: Der Roman ist im Original ein Jahr alt. Was hat sich seither in Griechenland verändert?

Markaris: Die Menschen sind noch hoffnungsloser geworden. Mittlerweile glauben viele Griechen nicht mehr, dass es einen Ausweg gibt. Das Problem dieser Krise ist, dass es keine Perspektive gibt. Das war bei vergangenen Krisen nicht so.

Standard: Sie haben mit Kostas Charitos, dem Kommissar Ihrer Krimis, eines gemeinsam: Sie lieben Athen, obwohl sie so viel Kritik üben. Ist es schwerer geworden, Athen zu lieben?

Markaris: Athen hat sich während der Krise, während dieser 18 Monate sehr verändert. Es ist eine Stadt geworden, der man die Krise ansieht. Es gibt viele Geschäfte, die pleite und geschlossen sind. Es gibt überall Menschen, die in den Mülleimern wühlen, um Essen zu finden. Menschen, die einfach im Bus sitzen, viele, die sehr betrübt aussehen. Und: Es gibt ja das große Problem mit den Migranten, das größer geworden ist, weil ja die Migranten hart betroffen sind von dieser Krise, weil ihre Arbeit jetzt von den Griechen verrichtet wird, weil die das Geld brauchen.

Standard: Im Roman wird ein Bankdirektor ermordet. Trifft es da den Richtigen?

Markaris: Das Bankengeschäft ist das Fundament der Krise. Wir haben jahrelang auf Pump gelebt, das wäre ohne Banken nicht möglich gewesen. Ich bin von einem Sportjournalisten gefragt worden, wie ich Sport-Doping mit Banken-Doping vergleichen kann. Beides ist Doping! Und so wie man das Doping im Sport nicht erfolgreich bekämpfen kann, gelingt es auch im Bankgeschäft nicht.

Standard: Ein Satz Ihrer Autobiografie besagt, dass sich die linken Krimi-Autoren mit den Eiterbeulen der Demokratie beschäftigen. Wo liegen die in Griechenland?

Markaris: Das politische System ist die Eiterbeule. Die Krise in Griechenland ist eine Krise des politischen Systems. Griechenland macht 2,6 Prozent des Wirtschaftsvolumens der Eurozone aus, so eine Krise kann nur entstehen, weil die politische Klasse schlecht gewirtschaftet hat.

Standard: Ist eine der Wurzel des Übels darin zu suchen, dass seit dem Ende der Militärchunta dieselben Familien das Land regieren?

Markaris: Natürlich. Ich meine, wir haben in Griechenland 1975 mit der Volksabstimmung die Monarchie abgeschafft, aber die Familienclans behalten. 23 Jahre (von seither 35 Jahren) wurde das Land von zwei Familien regiert: Karamanlis und Papandreou. Nirgendwo in Europa ist so etwas möglich. Es gibt Länder in Europa, die noch immer Monarchien sind, aber sie werden nicht von Clans regiert, sondern von Politikern.

Standard: Zum Abschluss: Worauf dürfen wir im zweiten Band Ihrer Trilogie gespannt sein?

Markaris: Es geht um Steuerhinterziehung, um einen Mörder, der die Steuerhinterzieher ausfindig macht und zur Kasse bittet. Ich betrachte diese Steuerhinterziehung als das Kernproblem der Korruption in Griechenland. Und von diesem Ausgangspunkt wird die ganze Korruption in Griechenland bloßgestellt.

Standard: Aber diese Krise hat auch etwas Gutes: Ihr Kommissar Charitos kann erst mit 65 Jahren in Pension gehen. Ihre Kriminalromane gehen also weiter.

Markaris: Ja, das ist gut. Aber im zweiten Teil gibt es wiederum Probleme mit seiner Tochter, weil sie keine Arbeit findet.
(DER STANDARD, Printausgabe, 12./13.11.2011)

 

  • Der Autor Petros Markaris blickt für eine aktuelle 3sat-Dokumentation auf "sein" Athen. Die Auswirkungen der Schuldenkrise haben die griechische Metropole nachhaltig verändert. Das Markaris-TV-Porträt wird am 13. November 2011 um 19.10 Uhr erstmals auf 3sat gezeigt.
Markaris, geb. 1937 in Istanbul, ist griechischer Schriftsteller, der durch seine Kriminalromane international bekannt wurde. Er spricht und schreibt in griechischer, türkischer und deutscher Sprache. Seine Autobiografie erschien 2008 auf deutsch "Wiederholungstäter. Ein Leben zwischen Istanbul, Wien und Athen" (Diogenes).
    foto: orf/schilhan


    Der Autor Petros Markaris blickt für eine aktuelle 3sat-Dokumentation auf "sein" Athen. Die Auswirkungen der Schuldenkrise haben die griechische Metropole nachhaltig verändert. Das Markaris-TV-Porträt wird am 13. November 2011 um 19.10 Uhr erstmals auf 3sat gezeigt.

    Markaris, geb. 1937 in Istanbul, ist griechischer Schriftsteller, der durch seine Kriminalromane international bekannt wurde. Er spricht und schreibt in griechischer, türkischer und deutscher Sprache. Seine Autobiografie erschien 2008 auf deutsch "Wiederholungstäter. Ein Leben zwischen Istanbul, Wien und Athen" (Diogenes).

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