Was war das erste Buch, das ich damals, in den 1980er-Jahren, bei Reichmann gekauft habe? Wie viele glückliche Stunden habe ich hier seither verbracht! Das Ende kam plötzlich
Das Scherengitter vorgezogen, hinter den Auslagen brannte kein Licht.
Als ich voriges Jahr vor verschlossener Tür stand, war es ein Schock,
der mich unvorbereitet traf. Ein Schrieb an der Eingangstür gab den
Kunden bekannt, dass die Buchhandlung Alois Reichmann, Inhaber Paul
Edelmann, Wiedner Hauptstraße 18, ab sofort geschlossen sei. Bereits
bestellte und noch nicht abgeholte Bücher könnten ein paar Geschäfte
weiter entgegengenommen werden. Keine Unterschrift, kein Abschiedswort,
keinerlei Erklärung. Es muss über Nacht geschehen sein. Das Ende kam
plötzlich und schnell. Eine knappe Notiz im Amtsblatt der Wiener Zeitung
. Konkurseröffnung, Tagsatzung, die üblichen Formalitäten. Das war am 6.
Mai 2010. Im Oktober, als zum Totalabverkauf wieder aufgesperrt wurde
und feststand, dass Geschäft und Antiquariat nicht mehr weitergeführt
werden, schrieb die Buchhändlerin Christine Kainz - sie hatte einst hier
als Lehrmädchen begonnen: "Dass es diese ehrenwerte Buchhandlung nun
nicht mehr gibt, schmerzt."
Das Buchhandlungensterben hat genau genommen schon vor dreißig Jahren
eingesetzt. Buchhandlungen, die heute nicht Filiale eines Konzerns,
einer der üblichen Ketten sind, haben wenig Überlebenschancen. Der gut
sortierte Sortimentshandel war einmal, auch die reiche Welt des
Antiquariats, in dem Jahrhunderte von Literatur still die Zeit
überdauern, wird es so nicht mehr geben, nicht mehr in der Buchhandlung
Reichmann, wenn in wenigen Wochen, mit Jahresende 2011, tatsächlich für
immer Schluss sein wird.
Dann werde ich nie wieder da hineingehen können, nie wieder Bücher
stöbern, Entdeckungen machen. Ich habe da drinnen glückliche Stunden
erlebt. Das leise Dahinsterben nicht bemerkt, es nicht wahrhaben wollen.
Es zog mich hinein in diese längst vergangene Welt voller alter dunkler
Regale, ein Raum nach dem anderen voll mit Büchern. Man trat in das
Geschäft, vorbei an den Neuerscheinungen, eine Stufe hinauf: ein Gang
nach links, dann eine Bücherflucht, geradeaus weiter, wo sich der Raum
verzweigte, drei Gänge beidseitig mit Bücherstellagen bis zur Decke, und
am Ende noch einmal zwei Räume, ebenso von unten bis oben hin voll.
Hier war das Abenteuer. Hier hätte man jedes Mal Stunden zubringen
können, wenn nicht bald wieder eine Vorlesung, ein Seminar begonnen
haben würde. Immer der leidvolle Blick auf die Uhr, abgelöst vom Blick
auf die alphabetisch geordneten Reihen. Dazwischen kleine
Kartonkärtchen, auf denen liebevoll die Sujets angezeigt wurden:
"Humor", "Religion" "Schulhygiene", "Kapitalismus", "Physiologie",
"Charakter", "Gutes Benehmen", "Rhetorik ... Und Literatur, hunderte
Meter. "Weinheber", "Hofmannsthal", "Mann" ... Diese Kärtchen hielten
die Ordnung der gedruckten Welt fest und beschrieben ihre Zugänge. Ich
bin mir sicher, dass ich nie alles davon gesehen habe, zigtausende
Bücher ...
Es muss zu Beginn der 1980er-Jahre gewesen sein, kurz nachdem ich in
Wien zu studieren begann. Ich weiß heute weder, wie ich die Buchhandlung
Reichmann entdeckt hatte, noch kann ich mich an das erste hier gekaufte
Buch erinnern. War es Albert Drachs Großes Protokoll gegen
Zwetschkenbaum gewesen, das es damals nicht im Handel gegeben hat und
nur schwer aufzutreiben war?
Ich weiß nur, ich hatte in vielen Antiquariaten lange vergeblich
gesucht, und auf einem dieser Streifzüge zwischen der einen und anderen
Lehrveranstaltung muss ich auch in die Wiedner Hauptstraße gekommen
sein. Wer hat mir diesen Geheimtipp gegeben? Es ist merkwürdig, dass ich
das nicht mehr weiß. Ich erinnere mich noch genau, wie Das große
Protokoll gegen Zwetschkenbaum mit seinem Buchrücken, zinnoberroter
Umschlag, plötzlich vor mir stand und ein Glücksgefühl in mich strömte.
Ja, ich habe wirklich glückliche Stunden in der Buchhandlung Reichmann
erlebt. Im Nachhinein betrachtet war es ein Teil meines Lebens. Ich muss
damit fertigwerden: Ich werde nie wieder in diese Bücherwelt mit der
Leidenschaft des jungen Sammlers, der ich damals war, eintreten können.
Die Buchhandlung Reichmann war ein Jahrhundert lang eine Institution,
berühmt für ihr reichhaltiges Antiquariat, das Alois Reichmann und ab
1926 sein Sohn Felix mit sehr viel Leidenschaft zusammengetragen hatten.
Bis das Jahr 1938 kam, Felix Reichmann das Land verlassen musste und die
Buchhandlung arisiert wurde. Ob von den zigtausenden Bänden, die es
heute noch im Lager gibt, der eine oder andere auch schon damals hier
gestanden ist, habe ich mich oft gefragt. Ein romantischer Gedanke. Denn
zuerst hat der Ariseur die wertvollsten Bücher beiseitegeschafft, 1945
haben die Wiener den Rest geplündert, innerhalb weniger Tage waren die
Regale leergeräumt. Als Felix Reichmann, der später in den USA Literatur
gelehrt hat, endlich zurückbekam, was nicht mehr geblieben war, war es
ein denkbar schwerer Neubeginn. Über dem Eingang stand wieder der Name
Reichmann, neuer Besitzer war Paul Edelmanns Vater geworden, der schon
vor 1938 im Geschäft war und auch ins Exil hatte gehen müssen.
Wer wird noch Jean Paul lesen?
Wie lange mag es gedauert haben, bis im Antiquariat die Regale wieder
gefüllt waren? Bücher sind eine schnell zirkulierende Ware. Das geht
schachtelweise, manchmal ganze Bibliotheken, Hinterlassenschaften, die
plötzlich ins Lager kamen und sich von hier mit der Zeit zerstreuten.
Alte Besitzerstempel sind oft wie Geheimbotschaften. Ich erinnere mich,
dass ich einmal eine LenauAusgabe in der Hand gehabt habe, die der
Bibliothek des Rothschildspitals entstammte, andere Klassikerausgaben
waren mit dem Stempel "Ältestenrat der Juden in Wien" versehen. Einen
HorazBand mit dem Eigentümervermerk "Prof. Bloch" habe ich heute bei mir
im Regal stehen und frage mich: Was ist mit Professor Bloch und seiner
Bibliothek damals geschehen? Durch wie viele Hände waren all die anderen
Bücher hier gegangen? Rechtmäßig, unrechtmäßig, man mag sich das
vorstellen. Bis sie irgendwann in Reichmanns Bücherwelt wieder
zusammenfanden. Abdrücke einer immer ferneren Vergangenheit.
Wie wird das in Zukunft sein, frage ich mich, wenn es keine richtigen
Buchgeschäfte mehr gibt, wie wird das mit den Büchern weitergehen? Wer
wird sie lesen? Wer wird die alten in Fraktur gedruckten Bände überhaupt
noch lesen können, all die Klassikerausgaben, die einst die bürgerlichen
Wohnzimmer geziert haben? Vor wenigen Wochen, als Ikea eine
Designänderung bei seinen Regalen ankündigte, wurde gefragt, ob das nun
das Ende des Buches wäre. Im Zeitalter digitalisierter Texte, hieß es,
habe das Bücherregal ausgedient, die Wohnzimmerwand würde künftig
freigehalten für Flachbildfernseher. Ikea, las ich, ist ein Indikator
für gesellschaftliche Änderungen.
Ich frage mich, ob es die Neuen Medien sind, die dem Buch, dem
gedruckten Text das Ende bereiten werden. Wird man Literatur überhaupt
noch verstehen, wenn die SMS-Sprache der Jugendlichen Standard ist? Wer
wird noch Kleist oder Jean Paul oder Stifter lesen? Eine kleine Gruppe
Interessierter wird wohl bleiben, es sind ja auch vorher nicht viele
gewesen. Bücherspezialisten eben. Wirklich Gebildete oder einfach nur
begierige Sammler. Nur dass es keine Buchhandlungen, keine Antiquariate
mehr geben wird. Dafür das Angebot im Internet. Da weiß ich zwar, dass
ein bestimmtes Buch in Hamburg oder Osnabrück auf mich wartet - aber
herumstöbern wie früher, blättern, Entdeckungen machen, die damit
verbundenen Aufregungen spüren - das wird nie wieder sein.
Ich war über ein Jahr nicht mehr in der Buchhandlung Reichmann gewesen,
ich hatte vom Abverkauf gehört, mich aber gescheut hinzugehen. Ich komme
langsam in ein Alter, in dem man Sentimentalitäten besser ausweicht.
Diesen Sommer, an einem verregneten Samstagvormittag, war ich noch
einmal dort. Am Eingang fielen mir die Graffiti auf, die an die
Geschäftstür geschmiert waren. Wie das so ist, wenn etwas nicht mehr
richtig lebt: Das Chaos erobert die aufgegebenen Plätze. Ich frage mich:
Was wird hier nach den Büchern kommen? Auf den Auslagen steht groß
"Totalabverkauf", alles zum halben Preis. Eine junge Frau mit zwei
vollgepackten Plastiktaschen verlässt das Geschäft. Auch drinnen überall
Plastiktaschen voll mit bereits reservierten Büchern, die darauf warten,
abgeholt zu werden. Eine letzte Gelegenheit, auch für mich, das alles
noch einmal zu sehen, zu spüren.
Auf den ersten Blick war nichts wie sonst. Halbleer geräumte Regale im
ersten Raum, das dämmrige Licht, alles sah nach Auflösung aus. Und
dennoch: immer noch diese unzähligen Bücher. Ich hatte meine
Digitalkamera mit, ich habe im Antiquariat die Bücherfluchten und
Stellagen fotografiert. Ich hätte gern auch Herrn Edelmann fotografiert,
wie er ein wenig abgeschlagen und müde im Geschäft saß. Ich habe mich
nicht getraut, ihn zu fragen.
Das letzte Buch, das ich an diesem verregneten Vormittag gekauft habe,
war eine illustrierte Ausgabe von Eichendorffs Taugenichts. Mit
gestochenem Ex-Libris auf dem Innendeckel und einer Widmung auf dem
Vorsatzblatt: "Der lieben Hedi / von Teddy und Yvonne / Ostern 1925."
Damals, als Bücher noch etwas Intimes waren. Mir fiel ein, dass ich
genau dieses Buch bei einem meiner letzten Besuche schon einmal in der
Hand gehabt, dann aber doch nicht genommen hatte. Mir war klar, dass ich
es jetzt kaufen musste. (Gerhard Zeillinger / DER STANDARD, Printausgabe, 12./13.11.2011)