Wie wird es mit den Büchern weitergehen?

    12. November 2011, 12:32
    117 Postings

    Was war das erste Buch, das ich damals, in den 1980er-Jahren, bei Reichmann gekauft habe? Wie viele glückliche Stunden habe ich hier seither verbracht! Das Ende kam plötzlich

    Das Scherengitter vorgezogen, hinter den Auslagen brannte kein Licht. Als ich voriges Jahr vor verschlossener Tür stand, war es ein Schock, der mich unvorbereitet traf. Ein Schrieb an der Eingangstür gab den Kunden bekannt, dass die Buchhandlung Alois Reichmann, Inhaber Paul Edelmann, Wiedner Hauptstraße 18, ab sofort geschlossen sei. Bereits bestellte und noch nicht abgeholte Bücher könnten ein paar Geschäfte weiter entgegengenommen werden. Keine Unterschrift, kein Abschiedswort, keinerlei Erklärung. Es muss über Nacht geschehen sein. Das Ende kam plötzlich und schnell. Eine knappe Notiz im Amtsblatt der Wiener Zeitung . Konkurseröffnung, Tagsatzung, die üblichen Formalitäten. Das war am 6. Mai 2010. Im Oktober, als zum Totalabverkauf wieder aufgesperrt wurde und feststand, dass Geschäft und Antiquariat nicht mehr weitergeführt werden, schrieb die Buchhändlerin Christine Kainz - sie hatte einst hier als Lehrmädchen begonnen: "Dass es diese ehrenwerte Buchhandlung nun nicht mehr gibt, schmerzt."

    Das Buchhandlungensterben hat genau genommen schon vor dreißig Jahren eingesetzt. Buchhandlungen, die heute nicht Filiale eines Konzerns, einer der üblichen Ketten sind, haben wenig Überlebenschancen. Der gut sortierte Sortimentshandel war einmal, auch die reiche Welt des Antiquariats, in dem Jahrhunderte von Literatur still die Zeit überdauern, wird es so nicht mehr geben, nicht mehr in der Buchhandlung Reichmann, wenn in wenigen Wochen, mit Jahresende 2011, tatsächlich für immer Schluss sein wird.

    Dann werde ich nie wieder da hineingehen können, nie wieder Bücher stöbern, Entdeckungen machen. Ich habe da drinnen glückliche Stunden erlebt. Das leise Dahinsterben nicht bemerkt, es nicht wahrhaben wollen. Es zog mich hinein in diese längst vergangene Welt voller alter dunkler Regale, ein Raum nach dem anderen voll mit Büchern. Man trat in das Geschäft, vorbei an den Neuerscheinungen, eine Stufe hinauf: ein Gang nach links, dann eine Bücherflucht, geradeaus weiter, wo sich der Raum verzweigte, drei Gänge beidseitig mit Bücherstellagen bis zur Decke, und am Ende noch einmal zwei Räume, ebenso von unten bis oben hin voll.

    Hier war das Abenteuer. Hier hätte man jedes Mal Stunden zubringen können, wenn nicht bald wieder eine Vorlesung, ein Seminar begonnen haben würde. Immer der leidvolle Blick auf die Uhr, abgelöst vom Blick auf die alphabetisch geordneten Reihen. Dazwischen kleine Kartonkärtchen, auf denen liebevoll die Sujets angezeigt wurden: "Humor", "Religion" "Schulhygiene", "Kapitalismus", "Physiologie", "Charakter", "Gutes Benehmen", "Rhetorik ... Und Literatur, hunderte Meter. "Weinheber", "Hofmannsthal", "Mann" ... Diese Kärtchen hielten die Ordnung der gedruckten Welt fest und beschrieben ihre Zugänge. Ich bin mir sicher, dass ich nie alles davon gesehen habe, zigtausende Bücher ...

    Es muss zu Beginn der 1980er-Jahre gewesen sein, kurz nachdem ich in Wien zu studieren begann. Ich weiß heute weder, wie ich die Buchhandlung Reichmann entdeckt hatte, noch kann ich mich an das erste hier gekaufte Buch erinnern. War es Albert Drachs Großes Protokoll gegen Zwetschkenbaum gewesen, das es damals nicht im Handel gegeben hat und nur schwer aufzutreiben war?

    Ich weiß nur, ich hatte in vielen Antiquariaten lange vergeblich gesucht, und auf einem dieser Streifzüge zwischen der einen und anderen Lehrveranstaltung muss ich auch in die Wiedner Hauptstraße gekommen sein. Wer hat mir diesen Geheimtipp gegeben? Es ist merkwürdig, dass ich das nicht mehr weiß. Ich erinnere mich noch genau, wie Das große Protokoll gegen Zwetschkenbaum mit seinem Buchrücken, zinnoberroter Umschlag, plötzlich vor mir stand und ein Glücksgefühl in mich strömte. Ja, ich habe wirklich glückliche Stunden in der Buchhandlung Reichmann erlebt. Im Nachhinein betrachtet war es ein Teil meines Lebens. Ich muss damit fertigwerden: Ich werde nie wieder in diese Bücherwelt mit der Leidenschaft des jungen Sammlers, der ich damals war, eintreten können.

    Die Buchhandlung Reichmann war ein Jahrhundert lang eine Institution, berühmt für ihr reichhaltiges Antiquariat, das Alois Reichmann und ab 1926 sein Sohn Felix mit sehr viel Leidenschaft zusammengetragen hatten. Bis das Jahr 1938 kam, Felix Reichmann das Land verlassen musste und die Buchhandlung arisiert wurde. Ob von den zigtausenden Bänden, die es heute noch im Lager gibt, der eine oder andere auch schon damals hier gestanden ist, habe ich mich oft gefragt. Ein romantischer Gedanke. Denn zuerst hat der Ariseur die wertvollsten Bücher beiseitegeschafft, 1945 haben die Wiener den Rest geplündert, innerhalb weniger Tage waren die Regale leergeräumt. Als Felix Reichmann, der später in den USA Literatur gelehrt hat, endlich zurückbekam, was nicht mehr geblieben war, war es ein denkbar schwerer Neubeginn. Über dem Eingang stand wieder der Name Reichmann, neuer Besitzer war Paul Edelmanns Vater geworden, der schon vor 1938 im Geschäft war und auch ins Exil hatte gehen müssen.

    Wer wird noch Jean Paul lesen?

    Wie lange mag es gedauert haben, bis im Antiquariat die Regale wieder gefüllt waren? Bücher sind eine schnell zirkulierende Ware. Das geht schachtelweise, manchmal ganze Bibliotheken, Hinterlassenschaften, die plötzlich ins Lager kamen und sich von hier mit der Zeit zerstreuten. Alte Besitzerstempel sind oft wie Geheimbotschaften. Ich erinnere mich, dass ich einmal eine LenauAusgabe in der Hand gehabt habe, die der Bibliothek des Rothschildspitals entstammte, andere Klassikerausgaben waren mit dem Stempel "Ältestenrat der Juden in Wien" versehen. Einen HorazBand mit dem Eigentümervermerk "Prof. Bloch" habe ich heute bei mir im Regal stehen und frage mich: Was ist mit Professor Bloch und seiner Bibliothek damals geschehen? Durch wie viele Hände waren all die anderen Bücher hier gegangen? Rechtmäßig, unrechtmäßig, man mag sich das vorstellen. Bis sie irgendwann in Reichmanns Bücherwelt wieder zusammenfanden. Abdrücke einer immer ferneren Vergangenheit.

    Wie wird das in Zukunft sein, frage ich mich, wenn es keine richtigen Buchgeschäfte mehr gibt, wie wird das mit den Büchern weitergehen? Wer wird sie lesen? Wer wird die alten in Fraktur gedruckten Bände überhaupt noch lesen können, all die Klassikerausgaben, die einst die bürgerlichen Wohnzimmer geziert haben? Vor wenigen Wochen, als Ikea eine Designänderung bei seinen Regalen ankündigte, wurde gefragt, ob das nun das Ende des Buches wäre. Im Zeitalter digitalisierter Texte, hieß es, habe das Bücherregal ausgedient, die Wohnzimmerwand würde künftig freigehalten für Flachbildfernseher. Ikea, las ich, ist ein Indikator für gesellschaftliche Änderungen.

    Ich frage mich, ob es die Neuen Medien sind, die dem Buch, dem gedruckten Text das Ende bereiten werden. Wird man Literatur überhaupt noch verstehen, wenn die SMS-Sprache der Jugendlichen Standard ist? Wer wird noch Kleist oder Jean Paul oder Stifter lesen? Eine kleine Gruppe Interessierter wird wohl bleiben, es sind ja auch vorher nicht viele gewesen. Bücherspezialisten eben. Wirklich Gebildete oder einfach nur begierige Sammler. Nur dass es keine Buchhandlungen, keine Antiquariate mehr geben wird. Dafür das Angebot im Internet. Da weiß ich zwar, dass ein bestimmtes Buch in Hamburg oder Osnabrück auf mich wartet - aber herumstöbern wie früher, blättern, Entdeckungen machen, die damit verbundenen Aufregungen spüren - das wird nie wieder sein.

    Ich war über ein Jahr nicht mehr in der Buchhandlung Reichmann gewesen, ich hatte vom Abverkauf gehört, mich aber gescheut hinzugehen. Ich komme langsam in ein Alter, in dem man Sentimentalitäten besser ausweicht. Diesen Sommer, an einem verregneten Samstagvormittag, war ich noch einmal dort. Am Eingang fielen mir die Graffiti auf, die an die Geschäftstür geschmiert waren. Wie das so ist, wenn etwas nicht mehr richtig lebt: Das Chaos erobert die aufgegebenen Plätze. Ich frage mich: Was wird hier nach den Büchern kommen? Auf den Auslagen steht groß "Totalabverkauf", alles zum halben Preis. Eine junge Frau mit zwei vollgepackten Plastiktaschen verlässt das Geschäft. Auch drinnen überall Plastiktaschen voll mit bereits reservierten Büchern, die darauf warten, abgeholt zu werden. Eine letzte Gelegenheit, auch für mich, das alles noch einmal zu sehen, zu spüren.

    Auf den ersten Blick war nichts wie sonst. Halbleer geräumte Regale im ersten Raum, das dämmrige Licht, alles sah nach Auflösung aus. Und dennoch: immer noch diese unzähligen Bücher. Ich hatte meine Digitalkamera mit, ich habe im Antiquariat die Bücherfluchten und Stellagen fotografiert. Ich hätte gern auch Herrn Edelmann fotografiert, wie er ein wenig abgeschlagen und müde im Geschäft saß. Ich habe mich nicht getraut, ihn zu fragen.

    Das letzte Buch, das ich an diesem verregneten Vormittag gekauft habe, war eine illustrierte Ausgabe von Eichendorffs Taugenichts. Mit gestochenem Ex-Libris auf dem Innendeckel und einer Widmung auf dem Vorsatzblatt: "Der lieben Hedi / von Teddy und Yvonne / Ostern 1925." Damals, als Bücher noch etwas Intimes waren. Mir fiel ein, dass ich genau dieses Buch bei einem meiner letzten Besuche schon einmal in der Hand gehabt, dann aber doch nicht genommen hatte. Mir war klar, dass ich es jetzt kaufen musste.  (Gerhard Zeillinger  / DER STANDARD, Printausgabe, 12./13.11.2011)

    • Abschied von der Buchhandlung Reichmann: "Ich habe im Antiquariat die 
Bücherfluchten fotografiert. Gern hätte ich auch Herrn Edelmann 
fotografiert. Ich habe mich nicht getraut, ihn zu fragen.
      foto: zeillinger

      Abschied von der Buchhandlung Reichmann: "Ich habe im Antiquariat die Bücherfluchten fotografiert. Gern hätte ich auch Herrn Edelmann fotografiert. Ich habe mich nicht getraut, ihn zu fragen.

    • Gerhard Zeillinger, geb. 1964, Germanist und Historiker, seine 
Dissertation schreibt er über Julian Schutting; er lebt als freier 
Schriftsteller und Lektor in Amstetten/NÖ.
      foto: zeillinger

      Gerhard Zeillinger, geb. 1964, Germanist und Historiker, seine Dissertation schreibt er über Julian Schutting; er lebt als freier Schriftsteller und Lektor in Amstetten/NÖ.

    Share if you care.