Moussa Sadr führte angeblich vor seiner Ermordung zweieinhalbstündiges Gespräch mit dem Diktator
Benghazi/Dubai - Libyens früherer Machthaber Muammar
al-Gaddafi hat nach Angaben eines ehemaligen Vertrauten den hohen
libanesischen Schiiten-Geistlichen Imam Moussa Sadr im August 1978
"liquidieren" lassen, nachdem er mit ihm in seinem Büro ein
zweieinhalbstündiges Gespräch geführt hatte. Nachher habe Gaddafi
befohlen: "Bringt ihn weg!", berichtete Ahmed Ramadan dem in den
Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) ansässigen TV-Sender "Al-Aan"
am Donnerstag in einem Interview. Ramadan, der als eine der
einflussreichsten Persönlichkeiten in der Umgebung des Diktators
galt, befindet sich nach Angaben des Senders gegenwärtig in Benghazi
in Haft.
Die Leiche von Moussa Sadr sei entweder in Janzour oder in Sebha
beerdigt worden, sagte Ramadan. Bereits im März hatte der damals
zurückgetretene Chefdelegierte Libyens bei der Arabischen Liga in
Kairo, Abdulmoneim al-Honi, in einem Interview geäußert, der Gründer
der libanesischen schiitischen Amal-Bewegung sei während eines
Libyen-Besuchs umgebracht und in der südlichen Region Sebha begraben
worden. Gaddafis persönlicher Pilot Najmeddin al-Yaziji sei
beauftragt worden, die Leiche nach Sebha zu fliegen, sagte Honi, der
damals Mitglied des libyschen Revolutionsrates war. Kurze Zeit später
sei der Pilot liquidiert worden.
Die libanesischen Behörden hatten erklärt, Moussa Sadr habe vor
seinem Verschwinden in Tripolis mit Gaddafi gestritten. Libyen gab
dagegen an, der Imam sei mit zwei Begleitern nach Rom weitergeflogen.
Dort kam er jedoch nie an. Moussa Sadr gründete die schiitische
Amal-Bewegung, an deren Spitze der libanesische Parlamentspräsident
Nabih Berri steht. Sie ist mit der pro-iranischen Hisbollah
verbündet.
2008 war in Beirut Haftbefehl gegen den libyschen Machthaber
erlassen worden. Da Gaddafi formal nicht Staatsoberhaupt war, hatte
die libanesische Justiz Anklage wegen Entführung und
Freiheitsberaubung gegen ihn erhoben. Libyen hatte 2003 die
diplomatischen Beziehungen zum Libanon abgebrochen. Gaddafi hatte den
Libanon mehrmals heftig attackiert und für "unfähig" erklärt, "ein
unabhängiger Staat zu sein".
Die Hisbollah hatte nach Gaddafis gewaltsamem Tod dem libyschen
Volk zu seinem "immensen Sieg" nach einem "langen und verlustreichen
Kampf gegen die Tyrannei" gratuliert. (APA)