Das Landesmuseum und die Pornomaus

Gastkommentar11. November 2011, 13:38
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"Dessous" und "Fleischerslust": Die beiden aktuellen Ausstellungen im Kärntner Landesmuseum. Von Männern für Männer für das ewiggestrige Kärnten

"Dessous. Eine Kulturgeschichte hautnah" und "Fleischerslust. Von Produktion und Genuss", das sind die Titel der beiden aktuellen Ausstellungen des Kärntner Landesmuseums. Diese beiden Themenbereiche - wohl nicht zufällig zeitgleich behandelt - geben Auskunft über eine Geisteshaltung, die gleichermaßen altmodisch wie borniert ist und so tut, als würden emanzipatorisch-fortschrittliche gesellschaftliche Entwicklungen in diesem Land nicht existieren.

Das Landesmuseum Kärnten, gemeint sind seine Entscheidungsträger, versucht scheinbar einem Trend gerecht zu werden, führt doch die zeitgenössische Bewegung in der Museumspädagogik weg vom musealen Tempel als Gralshüter der Tradition hin zu einem Museum als Ort des kulturellen Lernens. Das heißt, das moderne Museum soll und muss sich heute Phänomenen der Alltagsgeschichte widmen und im Idealfall zur Diskussion darüber anregen.

Von Männern für Männer

Das Plakat zur Dessous-Ausstellung, das nicht nur die Vorderseite des Museums großflächig ziert, sondern auch in sämtlichen regionalen Printmedien zu finden ist, stellt klar, dass hier weder eine Diskussion des Themas, noch kulturelles Lernen intendiert sind. Das Phänomen der Alltagsgeschichte heißt hier Unterwäsche und an dieser Stelle kann nur eine Erkenntnis gewonnen werden: Diese Ausstellung ist von Männern für Männer gemacht.

Augenzwinkernd wird darauf vertraut, dass Jedermann weiß, dass mit Dessous (entgegen der reinen Wortbedeutung die das "Darunter", also die "Unterwäsche" im Allgemeinen meint), weibliche Reizwäsche assoziiert und diese Erwartungshaltung auch bedient wird. Erotik ist dieser Auffassung nach noch immer im katholisch-halbverbotenen, schlüpfrigen Bereich eines voyeuristischen Porno-Schmuddelverständnisses angesiedelt.

Ein vulgäres und misslungenes Plakatsujet, das in seiner grafischen Gestaltung an die billigen Flugzettel oder Inserate von Laufhäusern und Gogo-Bars erinnert, legt diese Deutung nahe. Wir sehen eine Dame, die bestens geeignet wäre, eines der zahlreichen Kärntner Bordelle zu bewerben. Die Blondine ist oben nackt, ansonsten mit einem schwarzen Stringtanga und Strapsen bekleidet und schmiegt sich, fototechnisch etwas unbeholfen gelöst, an die Hüfte des hilfesuchend in die Weite blickenden Jünglings vom Magdalensberg. Ihren Allerwertesten reckt die namenlose Körperbesitzerin in pornographischer Pose in Richtung Kamera, um einen lasziv-aufreizenden Blick zu wagen.

In der Würde beleidigt

Als Betrachterin fühle ich mich von sexistischen Bildern dieser Art in meiner Würde als Mensch beleidigt und als potentielle Rezipientin des obersten institutionalisierten Museumsbetriebes des Landes ignoriert oder verhöhnt, je nach Auslegung. Vermutlich werde ich meinen drei Töchtern, alle Schülerinnen und somit vorrangiges Zielpublikum des Museums, nicht erklären können, wie dieses Plakat mit dem Bildungsauftrag des Kärntner Landesmuseums vereinbar ist. Im Sinne einer geschlechtergerechten modernen Zukunft wäre eine reflektierte und aufgeklärte Aufbereitung des Themas wünschenswert. Stattdessen wird die Frau ein weiteres Mal zum Objekt des männlichen Blicks degradiert, leider nichts Neues in der traditionell stark männlich geprägten Kärntner Gesellschaft - anstößig und reaktionär jedoch im Kontext einer Ausstellung einer öffentlichen musealen Einrichtung des Landes.

Die Lust des Fleischhauers

Das zweite Plakat zeigt einen Fleischwolf, aus dem das gerade darin verarbeite Fleisch hervorquillt und ist betitelt mit "Fleischerslust". Denkt frau zuerst an Fleischeslust, woraus sich sofort der unmittelbare und bedenkliche Bezug zur anderen Ausstellung des Hauses herstellt, so führt einen der eingefügte Buchstabe R auf einen anderen Weg. Es geht also nicht um die Lust des Fleisches, sondern um die Lust des Fleischhauers.

Angesichts der in den letzten Jahren in den Industrieländern stattfindenden Diskussionen über die Vertretbarkeit der Massentierhaltung und der Problematisierung des grenzenlosen Fleischkonsums halte ich auch dieses Thema für äußerst grenzwertig. Diesbezügliche Mäßigung könnte bekanntlich den Welthunger deutlich verringern und würde ethisch und ökologisch Sinn machen. Reflexionen dieser Art sind in dieser Ausstellung nicht Gegenstand und wahrscheinlich auch unerwünscht, soll hier doch offensichtlich so etwas wie die "Potenz des Metzgers" abgefeiert werden.

"Fleischerslust" heißt die Ausstellung im Landesmuseum Kärnten allen Ernstes und ich frage mich, welche Lust hier wohl gemeint ist und was frau sich darunter vorstellen darf? Ist es die Lust des Fleischers, der sich in einem Bordell auslebt oder ist es dessen Ekstase beim Zerteilen noch warmen, blutigen Fleisches oder ist gar des Metzgers Freude bei der Anbringung einer blutigen Wunde an der Stirn einer Bordellbesitzerin gemeint?

Gewaltexzess des Innungsmeisters

Im Februar 2009 wurde bekannt, dass der Landesinnungsmeister und Bundesinnungsmeisterstellvertreter der Fleischer und zu dieser Zeit auch Kandidat der Klagenfurter Volkspartei, in einem Gewaltexzess in einem Klagenfurter Bordell der Chefin Bier in das Gesicht geschüttet und ihr dann das Glas auf der Stirn zerdrückt hat. Die schwer verletzte Frau wurde mit der Rettung ins Krankenhaus gebracht. Die Geschichte wurde in den Medien berichtet, woraufhin der Metzger nach zögerlichem Hin und Her seine Kandidatur für den Gemeinderat zurückzog.

"Old-Boys-Network" stützt wirksam

Vorfälle dieser Art, um genauer zu sein, Gewaltexzesse eines Mannes, verübt an einer Frau, sind karrieretechnisch, wie wir aus diesen Geschehnissen lernen, in Kärnten nicht besonders hinderlich. Wie anders wäre der Umstand zu erklären, dass der Landesinnungsmeister heute zur Gallionsfigur einer Sonderausstellung gemacht werden kann? Das "Old-Boys-Network" hilft und stützt wirksam. Die Entscheidungsträger des Museums ermöglichen dem Innungsmeister, sich ausgiebig als Chef eines vorbildlichen Leitbetriebes zu präsentieren.

Bereits im Aufgangsbereich zur Ausstellung im ersten Stock werden wir der zahlreichen goldgerahmten Meisterbriefe der männlichen Fleischhackerdynastie die sich über Generationen erstreckt, ansichtig. Zahlreiche historische Fotografien der Klagenfurter Fleischerei und Selcherei sollen die besondere Stellung des Betriebes verdeutlichen.

"Ich hab halt einen Zorn bekommen"

Ein eigens gefertigter Film rundet die Werbekampagne ab: Gezeigt werden junge, fröhliche Kärntner Burschen bei der Produktion von Leberkäse und dem Anrichten von "g'schmackigen" Wurstplatten, beim Zerteilen von Fleischstücken; und immer wieder ist das Insert des namentlich genannten Inhabers des Fleischereibetriebs zu sehen. Abschließend hat der Meister persönlich Gelegenheit über seinen Qualitätsbetrieb zu referieren, der andernorts seinen tätlichen Übergriff im Bordell mit den Worten "ich habe halt einen Zorn bekommen" begründet hat.

In den Augen der Macher eine gelungene Sache. Der Meister ist ein guter Mann, der bald wieder kandidieren kann? Ob die amateurhaften Videos, die für den Gebrauch bei Berufsorientierungskursen dienen könnten, zur Wiederherstellung des beschädigten Rufs des Landesinnungsmeisters geeignet sind, bleibt dahin gestellt.

Neben diversen Apparaturen zur Fleischverarbeitung findet sich, unmittelbar unter einer Tafel, auf welcher die Teilstücke eines Schweines mit Fachausdrücken dargestellt sind, das Gedenkalbum der Fleischerinnung anlässlich der Jahresfeiern zur Kärntner Volksabstimmung 1930. Einige Schritte weiter stößt man auf ein Gedenkblatt der Kärntner freiwilligen Schützen um 1925. In der Eingangshalle werden in einer Endlosschleife die "Highlights" der Kärntner Landesgeschichte projiziert: Aufmärsche zur Volksabstimmung, Fahnenschwingende Burschen, Blasmusikkapellen und gestürzte Ortstafeln stimmen die Besucherin von Anbeginn entsprechend ein und helfen noch einmal, die Selbstperpetuierung des ewiggestrigen Kärntner Männerbildes in Gang zu halten. (dieStandard.at, 11.11.2011)

Ute Liepold ist Autorin und Regisseurin und lebt in Klagenfurt.

  • "Dessous. Eine Kulturgeschichte hautnah" unter Kritik.
    foto: screenshot/landesmuseum kärnten

    "Dessous. Eine Kulturgeschichte hautnah" unter Kritik.

  • "Ich hab halt einen Zorn bekommen."
    foto: screenshot/landesmuseum kärnten

    "Ich hab halt einen Zorn bekommen."

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