Ex-Hochburg Gaddafis wurde zur Geisterstadt

11. November 2011, 13:26
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Menschenrechtsorganisationen: 35.000 Bewohner geflohen, verhaftet oder getötet - Kämpfe westlich von Tripolis

Tripolis/Kairo/Wien - Der Weg in die Freiheit ist ein steiniger - das müssen und mussten die Libyerinnen und Libyer schmerzlich zur Kenntnis nehmen. Der nahe dem libyschen Misrata gelegene Ort Tawarga etwa ist eine Geisterstadt: Seine 35.000 Einwohner sind geflohen, verhaftet oder getötet worden, heißt es von Menschenrechtsorganisationen und vonseiten der UNO. Zudem werden westlich von Tripolis immer wieder Kämpfe zwischen rivalisierenden Truppen gemeldet, die Feuergefechte durchführen.

Tawarga: 35.000 Flüchtlinge

Die Stadt Tawarga hatte lange als Hochburg des Gaddafi-Regimes gegolten, jetzt seien die Bewohner für ihre Nähe zu dem gestürzten Machthaber von Rebellentruppen im benachbarten Misrata bestraft worden, berichtete die NGO Human Rights Watch (HRW). In den vergangenen Wochen hat sich niemand mehr dorthin zurückgewagt: "Die Stadt ist leer", bestätigte Dibeh Fakhr, eine Sprecherin des Internationalen Roten Kreuzes in Libyen telefonisch gegenüber der APA.

Laut einem der APA vorliegenden internen Bericht des UNO-Hochkommissariats für Flüchtlinge (UNHCR) vom Oktober war die gesamte Bevölkerung Tawargas zwischen 13. und 15. August 2011 gezwungen worden, die Stadt zu verlassen. Bisher seien die Einwohner nicht zurück gekehrt. Sie wurden "vertrieben" und seien in "verschiedene Gebiete" geflohen, so Fakhr.

Vor knapp zwei Wochen berichtete HRW, Bewaffnete aus Misrata würden aus der Nachbarstadt Tawarga vertriebene Einwohner "terrorisieren". Laut HRW werde auf unbewaffnete Menschen aus Tawarga geschossen, zudem gebe es willkürliche Festnahmen, und die Gefangenen würden brutal geschlagen.

"Die Bevölkerung aus Tawarga ist mit Bedrohung konfrontiert, etwa durch Schikane und willkürliche Verhaftungen, von denen manchmal auch Kinder im Alter zwischen zwölf und 17 Jahren betroffen sind, heißt es in dem UNHCR-Bericht. Täter seien Brigaden aus Misrata. Zudem sollen auch "Massenexekutionen von Zivilisten" stattgefunden haben. Unter den Opfern seien auch Frauen und Kinder zu beklagen.

"Zwei Internierungslager wurden in Misrata identifiziert, in dem laut Berichten etwa 600 Personen aus Tawarga inhaftiert und regelmäßigen Befragungen und Misshandlungen ausgesetzt sind", heißt es weiter. Wo diese Personen sich heute befinden und was mit ihnen passiert ist, bleibt ungeklärt.

Die Milizen werfen den ehemaligen Einwohnern Tawargas laut HRW vor, an der Seite von Gaddafis Truppen in Misrata Gräueltaten wie Vergewaltigungen und Morde verübt zu haben. Ein Milizenvertreter wurde mit den Worten zitiert, den Vertriebenen dürfe deswegen "niemals die Rückkehr" nach Tawarga erlaubt werden. Die Stadt galt nicht nur als Hochburg von Gaddafi-Anhängern, sondern diente seinen Truppen auch als Basis für Angriffe auf Rebellen in Misrata.

Weiter Kämpfe zwischen rivalisierenden Truppen

Zudem liefern sich verfeindete Gruppen noch immer heftige Kämpfe um einen Militärstützpunkt, der früher von einem Sohn Muammar al-Gaddafis befehligt wurde. Wie libysche Medien am Freitag berichteten, wurden dabei auch Maschinengewehre und Panzerfäuste eingesetzt. Das Feuergefecht begann demnach am Donnerstagabend rund 30 Kilometer westlich der Hauptstadt Tripolis und dauerte am Freitag noch an. Die Zeitung "Quryna" berichtete in ihrer Online-Ausgabe von mehreren Verletzten.

NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen hatte Libyens neue Führung aufgefordert, die im Land in Umlauf befindichen Waffen unter Kontrolle zu bringen. Algerien hatte gewarnt, dass die Terrororganisation "Al-Kaida im Islamischen Maghreb" (AQMI) in den Besitz libyscher Waffen und Rüstungsgüter gelangt sei und so zur "stärksten Armee der Region" werden könnte. Algerien hat mit Mali, Mauretanien und Niger die Aufstellung einer gemeinsamen Truppe mit 75.000 Mann zur Terrorbekämpfung in der Sahara-Sahel-Zone vereinbart.

In Tunesien hat unterdessen Gaddafis einstiger Premier Al-Baghdadi Al-Mahmoudi am Freitag nach Angaben seines Anwalts Tawfik Wanas den Status eines politischen Flüchtlings beantragt. (red, APA)

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    Diese Menschen aus Tawarga haben in einer Moschee in Sirte Zuflucht gesucht.

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