Menschenrechtsorganisationen: 35.000 Bewohner geflohen, verhaftet oder getötet - Kämpfe westlich von Tripolis
Tripolis/Kairo/Wien - Der Weg in die Freiheit ist ein steiniger - das müssen und mussten die Libyerinnen und Libyer schmerzlich zur Kenntnis nehmen. Der nahe dem libyschen Misrata gelegene
Ort Tawarga etwa ist eine Geisterstadt: Seine 35.000 Einwohner sind
geflohen, verhaftet oder getötet worden, heißt es von
Menschenrechtsorganisationen und vonseiten der UNO. Zudem werden westlich von Tripolis immer wieder Kämpfe zwischen rivalisierenden Truppen gemeldet, die Feuergefechte durchführen.
Tawarga: 35.000 Flüchtlinge
Die Stadt Tawarga hatte
lange als Hochburg des Gaddafi-Regimes gegolten, jetzt seien die
Bewohner für ihre Nähe zu dem gestürzten Machthaber von
Rebellentruppen im benachbarten Misrata bestraft worden, berichtete
die NGO Human Rights Watch (HRW). In den vergangenen Wochen hat sich
niemand mehr dorthin zurückgewagt: "Die Stadt ist leer", bestätigte
Dibeh Fakhr, eine Sprecherin des Internationalen Roten Kreuzes in
Libyen telefonisch gegenüber der APA.
Laut einem der APA vorliegenden internen Bericht des
UNO-Hochkommissariats für Flüchtlinge (UNHCR) vom Oktober war die
gesamte Bevölkerung Tawargas zwischen 13. und 15. August 2011
gezwungen worden, die Stadt zu verlassen. Bisher seien die Einwohner
nicht zurück gekehrt. Sie wurden "vertrieben" und seien in
"verschiedene Gebiete" geflohen, so Fakhr.
Vor knapp zwei Wochen berichtete HRW, Bewaffnete aus Misrata
würden aus der Nachbarstadt Tawarga vertriebene Einwohner
"terrorisieren". Laut HRW werde auf unbewaffnete Menschen aus
Tawarga geschossen, zudem gebe es willkürliche Festnahmen, und die
Gefangenen würden brutal geschlagen.
"Die Bevölkerung aus Tawarga ist mit Bedrohung konfrontiert, etwa
durch Schikane und willkürliche Verhaftungen, von denen manchmal auch
Kinder im Alter zwischen zwölf und 17 Jahren betroffen sind, heißt es
in dem UNHCR-Bericht. Täter seien Brigaden aus Misrata. Zudem sollen
auch "Massenexekutionen von Zivilisten" stattgefunden haben. Unter
den Opfern seien auch Frauen und Kinder zu beklagen.
"Zwei Internierungslager wurden in Misrata identifiziert, in dem
laut Berichten etwa 600 Personen aus Tawarga inhaftiert und
regelmäßigen Befragungen und Misshandlungen ausgesetzt sind", heißt
es weiter. Wo diese Personen sich heute befinden und was mit ihnen
passiert ist, bleibt ungeklärt.
Die Milizen werfen den ehemaligen Einwohnern Tawargas laut HRW
vor, an der Seite von Gaddafis Truppen in Misrata Gräueltaten wie
Vergewaltigungen und Morde verübt zu haben. Ein Milizenvertreter
wurde mit den Worten zitiert, den Vertriebenen dürfe deswegen
"niemals die Rückkehr" nach Tawarga erlaubt werden. Die Stadt galt
nicht nur als Hochburg von Gaddafi-Anhängern, sondern diente seinen
Truppen auch als Basis für Angriffe auf Rebellen in Misrata.
Weiter Kämpfe zwischen rivalisierenden Truppen
Zudem liefern sich verfeindete Gruppen noch immer heftige Kämpfe um einen Militärstützpunkt, der
früher von einem Sohn Muammar al-Gaddafis befehligt wurde. Wie
libysche Medien am Freitag berichteten, wurden dabei auch
Maschinengewehre und Panzerfäuste eingesetzt. Das Feuergefecht begann
demnach am Donnerstagabend rund 30 Kilometer westlich der Hauptstadt
Tripolis und dauerte am Freitag noch an. Die Zeitung "Quryna"
berichtete in ihrer Online-Ausgabe von mehreren Verletzten.
NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen hatte Libyens neue
Führung aufgefordert, die im Land in Umlauf befindichen Waffen unter
Kontrolle zu bringen. Algerien hatte gewarnt, dass die
Terrororganisation "Al-Kaida im Islamischen Maghreb" (AQMI) in den
Besitz libyscher Waffen und Rüstungsgüter gelangt sei und so zur
"stärksten Armee der Region" werden könnte. Algerien hat mit Mali,
Mauretanien und Niger die Aufstellung einer gemeinsamen Truppe mit
75.000 Mann zur Terrorbekämpfung in der Sahara-Sahel-Zone vereinbart.
In Tunesien hat unterdessen Gaddafis einstiger Premier Al-Baghdadi
Al-Mahmoudi am Freitag nach Angaben seines Anwalts Tawfik Wanas den
Status eines politischen Flüchtlings beantragt. (red, APA)