Ein ziemliches Hitfeuerwerk

11. November 2011, 13:09
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    foto: apa/gindl

    Intendant Alexander Pereira und Schauspielchef Sven-Eric Bechtolf bei der Jahrespressekonferenz der Salzburger Festspiele

Der neue Intendant Alexander Pereira hat bei seiner ersten Programmpressekonferenz für den Sommer 2012 ein üppiges Programm und eine Erhöhung der Kartenpreise angekündigt

Salzburg - Jeder Sommer soll einzigartig sein. Daher will Alexander Pereira, der neue Intendant der Salzburger Festspiele, möglichst keine Wiederaufnahmen ansetzen: "Wer 2012 nicht in Salzburg gewesen sein wird, wird das Festival 2012 verpasst haben", sagte er bei seiner ersten Programmpräsentation. Bei dieser wurde offenbar, dass die Subventionen und Sponsoringeinnahmen (insgesamt 21,5 Millionen Euro) nicht einmal ausreichen, um die Overheadkosten abzudecken: Die Karteneinnahmen hatten um 1,5 Millionen höher zu sein als die künstlerischen Ausgaben. Für seinen Weg der "Einmaligkeit" braucht Pereira aber zwei bis 2,4 Millionen Euro mehr. Daher wurde ein weiterer Hauptsponsor akquiriert (Rolex). Und 1,1 Millionen Euro hofft man über Anhebung der Preise einzunehmen: Die teuersten Karten für die drei publikumsträchtigsten Opern 2012 werden 400 Euro (statt 370) kosten. Dies einzugestehen überließ Pereira Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler.

Er selbst monologisierte über Neuerungen. Statt Motto oder dramaturgischem Überbau gibt es ab nun zum Finale einen Festspielball (Eintrittskarte inklusive Dinner um 750 Euro). Und beginnen wird das Festival fünf Tage früher (20. Juli); im Rahmen der "Ouverture spirituelle" wird sakrale Musik geboten. 2012 liegt der Fokus auf dem jüdischen Glauben: Zubin Metha gibt Konzerte mit dem Israel Philharmonic Orchestra. Sir John Eliot Gardiner dirigiert die "Creation" von Haydn; und Nikolaus Harnoncourt zelebriert die Missa longa von Mozart. Damit der Dom nicht so hallt, werden die Gobelins aus der Entstehungszeit wieder aufgehängt. Es gibt also nicht nur Originalklang, sondern auch Originalakustik.

Heimkehrer Harnoncourt bestreitet mit seinem Concentus musicus (27. Juli) auch den Opernauftakt - mit der Zauberflöte. Weil sich der Todestag des Librettisten, Emanuel Schikander, zum 200. Mal jährt, bringt Pereira zudem das unbekannte Sequel Das Labyrinth oder der Kampf mit den Elementen, das Peter von Winter komponierte. Dieses Volksstück wird im neu überdachten Residenzhof zu sehen sein.

Die Wiener Philharmoniker sind künftig das noch zentralere Orchester: Sie bestreiten neben fünf Konzertprogrammen vier Opernproduktionen. Pereira startet mit einem Hitfeuerwerk: Anna Netrebko verkörpert die Mimì in La Bohème, Sir Simon Rattle dirigiert Carmen. Konzertant aufgeführt werden Il re pastore (mit Rolando Villazón) sowie Händels Tamerlano (mit Plácido Domingo). Und Sven Eric Bechtolf, der Schauspieldirektor, inszeniert die Urfassung der Ariadne auf Naxos, für die Richard Strauss auch Der Bürger als Edelmann adaptierte. Damit es eine Verschränkung gibt, präsentiert Bechtolf die Molière-Komödie auch als Puppenspiel von Thalias Kompagnons.

Nicht hinter den Standard von Markus Hinterhäuser zurückfallen will Pereira in Sachen Zeitgenössisches: Er kündigt für jedes Jahr die Opernuraufführung an. Der jeweilige Komponist wird auch im Zentrum der Reihe "Salzburg Contemporary" stehen. Für 2012 war die Zeit für eine neue Oper zu kurz, gezeigt wird deshalb Die Soldaten von Bernd Alois Zimmermann (Regie: Alvis Hermanis, Dirigent: Ingo Metzmacher). Auf Zimmermann liegt auch der "Contemporary"-Schwerpunkt (zusammen mit Holliger und Lutoslawski). Uraufführungen gibt es aber nicht nur im Konzert: Bechtolf will jedes Jahr einen österreichischen Dramatiker vorstellen, der zudem "Festspielschreiber" ist (statt bisher "Artist in Residence"). 2012 hebt Nicolas Liautard Meine Bienen. Eine Schneise von Händl Klaus aus der Taufe.

Bechtolf bekennt sich auch zum Kindertheater und zum Kanon: Andrea Breth inszeniert im Bühnenbild von Martin Zehetgruber Kleists Prinzen von Homburg mit einem Burgtheater-All-Star-Ensemble. Und Irina Brook, Tochter von Peter Brook, nimmt sich Ibsens Peer Gynt an. Das "Young Directors Project" läuft weiter, der Jedermann bleibt unverändert. (Thomas Trenkler  / DER STANDARD, Printausgabe, 12./13.11.2011)

* * *

Zwischen Glanz und Substanz
Pereira und Bechtolf setzen auf Vielfalt - eine Analyse

Salzburg - Zum Aufwärmen hat ein neuer Salzburger Intendant keine Zeit. Und Alexander Pereira nimmt sie sich auch nicht. Rein quantitativ hat er im Vergleich zu seinen Vorgängern zugelegt, er stellt dem Festival etwa eine konzertante Ouverture spirituelle voran, die immerhin einen Claudio Abbado zu den Festspielen zurückbringt. Im Opernbereich dominieren große Hits, wobei Pereira allerdings Carmen (Osterfestspiele-Übernahme) von Vorgänger Jürgen Flimm erben musste. Und: Es ist ihm gelungen, Dirigent Nikolaus Harnoncourt sogar mit dem Concentus Musicus nach Salzburg zu locken (Zauberflöte). Und immerhin ist da auch Platz für die Opernmoderne (Die Soldaten von Bernd Alois Zimmermann), die in den Folgejahren in Form von Uraufführungen glänzen möge.

Ob das Ganze eine runde Saison 2012 ergeben wird, muss sich erst durch die Realisierung der Produktionen zeigen. Den unverzichtbaren Starbedarf hat Pereira mit den Netrebkos, Bartolis und Rattles jedenfalls abgedeckt. Nun müssen die Inszenierungen auch Substanz abseits harmloser Gefälligkeit beweisen. Und: In puncto Moderne könnte man noch (im Sinne der Opulenz der letzten Jahre) sicher zulegen. Dann werden sich Glanz und Substanz womöglich die Waage halten.

Ungewöhnliche Akzente setzt Sven-Eric Bechtolf als Schauspieldirektor. Neben Andrea Breth sind vorwiegend Neuzugänge zu verzeichnen: darunter Irina Brook, Tochter der Theaterlegende Peter Brook, und die britische Jugendtheatercompagnie Theatre-Rites. Auch das Nürnberger Figurentheater Thalias Kompagnons schnuppert 2012 erstmals Salzach-Luft. Künstler, die hierzulande bisher wenig von sich reden machten. Bechtolf folgt also keinem Star-Konzept, sondern seiner Entdeckungslust. (tos, afze  / DER STANDARD, Printausgabe, 12./13.11.2011)

 Übersicht über die geplanten Theater- und Opernproduktionen:

Oper:
- Wolfgang Amadeus Mozart: "Die Zauberflöte" (Felsenreitschule) (Concentus Musicus Wien, Dirigent: Nikolaus Harnoncourt, Regie: Jens-Daniel Herzog)
- Peter von Winter: "Das Labyrinth oder der Kampf mit den Elementen" (Residenzhof) (Mozarteumorchester Salzburg, Dirigent: Ivor Bolton, Regie: Alexandra Liedtke)
- Richard Strauss: "Ariadne auf Naxos" (Wiener Philharmoniker, Dirigent: Riccardo Chailly, Regie: Sven-Eric Bechtolf)
- Giacomo Puccini: "La Boheme" (Wiener Philharmoniker, Dirigent: Daniele Gatti, Regie: Damiano Michieletto)
- Bernd Alois Zimmermann: "Die Soldaten" (Wiener Philharmoniker, Dirigent: Ingo Metzmacher, Regie: Alvis Hermanis)
- Georges Bizet: "Carmen" (Wiener Philharmoniker, Dirigent: Simon Rattle, Regie: Aletta Collins)
- Georg Friedrich Händel: "Giulio Cesare in Egitto" (Giardino Armonico, Dirigent: Giovanni Antonini, Regie: Moshe Leiser und Patrice Caurier)

Oper konzertant:
- Georg Friedrich Händel: "Tamerlano" (Musiciens du Louvre, Dirigent: Marc Minkowski)
- Wolfgang Amadeus Mozart: "Il Re Pastore" (Orchestra La Scintilla, Dirigent: William Christie)

Schauspiel:
- Heinrich von Kleist: "Prinz von Homburg" (Salzburger Landestheater) (Regie: Andrea Breth)
- Henrik Ibsen: "Peer Gynt" (Perner Insel) (Regie: Irina Brook)
- William Shakespeare: "La Tempete" (Gastspiel auf der Perner Insel) (Regie: Irina Brook)
- Händl Klaus / Franui: "Meine Bienen. Eine Schneise" (UA im Salzburger Landestheater) (Regie: Nicolas Liautard)
- Theatre-Rites: "Mojo" (Perner Insel) (Regie: Sue Buckmaster)
- Thalias Kompagnons: "Das Mädchen aus der Feenwelt oder Der Bauer als Millionär" nach Ferdinand Raimund (Figurentheater im Schauspielhaus Salzburg, Konzept und Regie: Joachim Torbahn, Tristan Vogt)
- Thalias Kompagnons: "Kafkas Schloss. Ein Machtspielchen nach Franz Kafka" (Gastspiel im Schauspielhaus Salzburg)
- Hugo von Hofmannsthal: "Jedermann" (Wiederaufnahme am Domplatz)

Young Directors Project:
- Tick Tock Productions / Südafrika: "Trapped"
- Theater Montagnes Russes / Österreich: Theatrales Porträt von Jakob Michael Reinhold Lenz
- Gisele Vienne / Frankreich: "Eternelle Idole"
- Gisele Vienne / Frankreich: "This is how you will disappear"
- Performance Group Tuida / Südkorea: "Hamlet Cantabile" (außerhalb des Wettbewerbs)
(APA)

 

Kommentar posten
18 Postings
Wilhelm Guschlbauer
01
Seit wann hat Haydn die "Schöpfung" für England geschrieben?

Meines Wissens wurde die Schöpfung" in der alten Universität in Wien uraufgeführt - weshalb man das in Salzburg "Creation" nennt wissen die Götter. Muss man wohl Papageno fragen ...

Susanne Rettenbacher
01
15.3.2012, 22:14
Man geht davon aus, dass er die Inspiration aus England mitgebracht hat,

aber die Uraufführung fand in Wien statt. Es gibt eine Übersetzung ins Englische und sie wird so auch immer mal wieder aufgeführt.

Wilhelm Guschlbauer
00
16.3.2012, 07:32
Schnapsidee!

Gardiner hat immer solche Mätzchen, wie dieses komische Orchester, das je nach Bedarf einen anderen Namen hat.

Plaats van Samenkomst
00
13.11.2011, 19:28
"Dieses Volksstück ..."

Autsch! "Das Labyrinth" ist ebenso eine große Oper wie "Die Zauberflöte"! Musikschurnalisten sind eine ahnungslose Brut - sonst nichts Neues ...

Ar Mutschgerl
00
13.11.2011, 11:32
Irena Brook inszeniert 'La Tempete'

Und tritt damit willentlich den Vergleich mit der Jahrhundertinszenierung ihres Vaters los.
Ob das klug ist?

krikri
32
11.11.2011, 22:54

freuen wir uns auf die nachfolgerära - vielleicht wirds hinterhäuser

V995
10
11.11.2011, 21:43
ja man merkt die wollen endlich das jüngere publikum ansprechen

und nicht mehr den geldadel oder den der sich dafür hält weiter so und die festspiele sind in 10 jahren geschichte dann sterben die leute weg

IchbinIch5
11
12.11.2011, 09:11

Ja natürlich - und das jüngere Publikum kaut sich dann Karten um 400 Euro! Ich liebe Theater und Oper - und besuche fast jede Festwochen-Vorstellung. Aber Salzburg? Niemals? Breths "Homburg" schau ich mir dann um ein Viertel des Preises in der Burg an, die das ja Koproduziert ...

Kontrahent1
10
13.11.2011, 11:47

Darum ja auch der Standpunkt, Festwochen müssten Premieren bieten und einmalige Produktionen. Schon vor Jahren konnte man Besetzungen der Salzburger Osterfestspiele anschließend in Hamburg (allerdings ohne Karajan) für einen Bruchteil des Eintrittsgeldes hören.

Wilhelm Guschlbauer
00
Man muss einen Hieb haben,

um sich Netrebko als Mimmi anzuhören um 400€. Nur für die Schickeria ...

Wilhelm Guschlbauer
00
Sie meinen vor Jahrzehnten!

Den "Titus" in den 50er Jahren habe ich damals 3 oder 4 Wochen später im Th. a.d. Wien gesehen, ebenso wie "Die Liebe der Danae" von R. Strauss.

IchbinIch5
11
13.11.2011, 14:44

Ja, bin bei der Forderung völlig bei Ihnen. Allerdings weiß jeder, der die Finanzen des Theater- und vor allem Opernbetriebs kennt: Die geforderten Namen bei Sängern, Regisseuren und Dirigenten sind heutzutage ohne Koproduktionen nicht zu haben. Das ist leider das Problem aller großen Festivals. Man will überall die großen Stars, aber die kosten eben. Und gleichzeitig soll es - schenkt man Pereira Glauben - weniger Wiederaufnahmen geben. Eine Produktion aber für 5 - 8 Vorstellungen zu machen, ist ideeller und finanzieller Wahnsinn. Also doch Koproduktionen. Was ja nichts Schlechtes wäre - könnte man die Aufführungen nicht meist schon vorher oder wenige Monate nachher zu einem Bruchteil des Salzburger Preises sehen.

Kontrahent1
10
15.11.2011, 12:03
Das war einmal das Konzept der Osterfestspiele.-

Die Produktion zu verkaufen, am besten nach Übersee, aber die Premiere bleibt bei den Festspielen. Die andere Möglichkeit wäre interessante Debuts zusammen zu bringen. Es muss nicht immer Netrebko sein. Sowas traute ich Herrn Pereira durchaus zu. Dazu braucht es aber wieder 'Spione' in der Provinz und eine publikumswirksame Stückauswahl. Denn einen unbekannten Namen kann ich nicht bei einem Festspiel in einem Zimmermann oder Reimann präsentieren.

V995
00
12.11.2011, 09:38
zynismus nicht verstanden?

IchbinIch5
11
12.11.2011, 11:14

Doch - aber wenn ich mir Äußerungen der Festspiele anhöre wollen die - und dieses Mal ohne Zynismus! - wirklich "anderes" und "jüngeres" Publikum, auch mit dem Young directors Projekt. Aber selbst dort kosten die Karten das zigfache von dem, was man bei anderen festivals zahlt!

Mr. Mag.
11
11.11.2011, 21:36
ein Nachtrag

Auch Thalias Kompagnons waren schon 2007 mit ihrer Version der Zauberflöte in Österreich bei den Wiener Festwochen.
Eine gar köstlich intelligente und amüsante Produktion.
Schön daß das Schauspielprogramm der Festspiele Marie Zimmermanns Anregungen aufgreift.

IchbinIch5
12
12.11.2011, 09:12

Da sieht man nur, wie toll Zimmermanns Festwochen-Programm war - Jahre später begreift das dann auch Bechtolf als neu :-)

Mr. Mag.
11
11.11.2011, 21:27

Theatre Rites war bereits 2003 mit "Shopworks" als Koproduktion der Wiener Festwochen mit dem LIFT in Wien zu sehen.Ein übrigens sehenswertes Ereignis.

"Mojo" hat am 16.Dezember 2011 in London am Barbican Premiere und beginnt die internationale Tour in Salzburg.
Soviel zum Alleinstellungsmerkmal der Salzburger Festspiele.

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