"Aufmerksame Beobachtung ist wichtig"

Interview13. November 2011, 18:51
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Neuropsychiatrische Störungen wie ein postoperatives Delir kommen bei alten Menschen häufig vor - Intensivmediziner Dietmar Weixler fordert mehr Aufmerksamkeit

Standard: Wer ist besonders gefährdet, nach einer Operation delirant zu werden?

Weixler: Alte Menschen über 70. Vor allem jene, die viele Medikamente einnehmen oder Medikamente, die auf das zentrale Nervensystem wirken. Die Gefährdung hängt von der Dauer eines Eingriffs ab und von seiner Invasivität. Aber auch von schweren Vorerkrankungen. Kritisch Kranke und Menschen mit schweren Infektionen haben ein höheres Risiko. Bei Operationen am offenen Herzen oder großen gefäßchirurgischen Eingriffen steigt die Wahrscheinlichkeit eines Delirs auch bei jüngeren Menschen.

Standard: Lässt sich ein Delir verhindern?

Weixler: Einer der wichtigsten Sätze dazu stammt aus den 1960er-Jahren: Die Indikationsstellung möge sich auf die wirklich notwendigen Eingriffe beschränken. Aufmerksame Beobachtung und Betreuung der Menschen ist wichtig. Alte Menschen sollen nicht immer wieder mit neuen, unbekannten Menschen konfrontiert werden. Zur guten Atmosphäre gehört Betreuerkonstanz, die Mithilfe der Angehörigen.

Standard: Kann man bereits vor der Operation vorbeugen?

Weixler: Zu geplanten Operationen, beispielsweise bei Gelenkersatz, soll der Patient in der bestmöglichen Verfassung kommen. Dazu gehört eine gute Korrektur aller bestehenden Krankheiten. Beispielsweise einer Blutarmut. Oder das Durchforsten der Medikamentenlisten auf unnötige Medikamente. Das geschieht nur in wenigen Krankenhäusern systematisch. Zur guten Vorbereitung einer Operation und Planung der Schmerztherapie braucht man Zeit, mitunter einen Monat.

Standard: Haben Ärzte diese Zeit?

Weixler: Nicht die Zeit ist das Problem, sondern die notwendige Logistik - niedergelassene Ärzte und Spitäler müssten intensiver zusammenarbeiten.

Standard: Die Wahrscheinlichkeit eines Delirs ist bei älteren Patienten so hoch wie die einer Thrombose. Thromboseprophylaxe ist obligatorisch, warum nicht auch die Delirprophylaxe?

Weixler: Über diese Frage sollten wir Ärzte nachdenken. Man könnte Risikogruppen beschreiben, entsprechende Richtlinien und Strategien entwickeln. Krankenhäuser sind hochkomplexe Systeme, arbeitsteilig ausgerichtet. Bei allen Strategien, die Kooperation und durchgehende Logistik brauchen, zeigen sich die Schwächen.

Standard: Wie gefährlich ist ein postoperatives Delir?

Weixler: Ein Delir ist eine vorübergehende Erscheinung. Dennoch liegt die Mortalität bei bis zu 40 Prozent. Bei der hyperaktiven Form zeigen die Menschen zweckwidriges Verhalten. Laufen davon, steigen auf das frischoperierte Bein, trinken nichts mehr, erschöpfen sich im Sturm der Erregung. Bei der hypoaktiven, der silenten Form werden sie ganz ruhig, scheinen immer zu schlafen und laufen im Krankenhaus Gefahr, übersehen zu werden. Leider ist das Bewusstsein, dass das Delir ein lebensbedrohendes Phänomen ist, noch nicht vorhanden. (Jutta Berger, DER STANDARD Printausgabe, 14.11.2011)

  • Dietmar Weixler (49), Facharzt für Anästhesie und Intensivmedizin, Notfallmediziner, arbeitet am Landesklinikum Horn. Er ist Autor der Lehrbücher "Praxis der Sedierung" und "Notvallmedikamente".
    foto: dietmar weixler

    Dietmar Weixler (49), Facharzt für Anästhesie und Intensivmedizin, Notfallmediziner, arbeitet am Landesklinikum Horn. Er ist Autor der Lehrbücher "Praxis der Sedierung" und "Notvallmedikamente".

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