Tarnen und Täuschen in den Tiefen des Meeres

10. November 2011, 19:55
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Um sich vor gefräßigen Räubern zu schützen, kann sich der Mini-Krake Japetella heathi in Sekunden von transparent bis rotfleckig verändern

Durham/Wien - Der Ostpazifik in mehr als 600 Metern Tiefe: Die schier endlosen Wasserweiten scheinen stockdunkel zu sein. Plötzlich erscheinen zwei Lichtpunkte. Langsam bewegen sie sich vorwärts, tastend, suchend. Ein Laternenfisch aus der Gattung Diaphus ist auf der Jagd. Seine körpereigenen Leuchten sitzen direkt zwischen den Augen und dienen dem Tier praktisch als Flak-Scheinwerfer zur Ortung seiner Beute. Wehe dem, der nicht schnell genug in die Tiefen der Finsternis flüchten kann. Das weit aufgerissene Maul des Raubfisches kennt keine Gnade.

Die offene Tiefsee bietet ihren Bewohnern keinerlei Verstecke - außer eben die dunkle Leere. Da jedoch auch diese nicht immer vollkommen ohne Licht ist, muss getarnt werden, und dementsprechend sind viele dort lebende Tierarten schwarz gefärbt. Oder knallrot. Rot sei in großen Tiefen eine hervorragende Tarnfarbe, sagt die Meeresbiologin Sarah Zylinski (Duke University) im Gespräch mit dem STANDARD. "Man muss extrem lichtempfindlich sein, um die rote Reflektion wahrnehmen zu können."

Der Trick dabei: Bioluminiszentes Licht aus Leuchtorganen besteht meist aus blauen und grünen Farbtönen und hat Wellenlängen von 450 bis 500 Nanometern. Die Augen von Tiefsee-Spezies sind hauptsächlich auf diesen Bereich eingestellt. Abgesehen davon werden solche bioluminiszente Lichtstrahlen weitgehend von roten Oberflächen absorbiert.

Viele Arten leben allerdings dort, wo tagsüber noch Spuren von Sonnenlicht vorhanden sind. Und das kann ein Problem sein. So mancher Raubfisch hat sich mit nach oben gerichteten Augen darauf spezialisiert, die vagen Silhouetten von möglichen Beutetieren zu erkennen. Als Gegenwehr können Leuchtorgane am Bauch Abhilfe schaffen. "Dadurch kann man das von oben herabfallende Licht ausgleichen und die eigenen Umrisse auslöschen", sagt Sarah Zylinski.

Verblüffende Verwandlung 

Einen noch faszinierenderen Tarnmechanismus haben Zylinski und ihr Kollege Sönke Johnsen jetzt bei einer Tintenfisch-Spezies entdeckt (Current Biology, online vorab). Die Forscher untersuchten Mini-Kraken der Art Japetella heathi und stellten fest, dass diese in Sekunden ihre Farbe von fast transparent zu rot gefleckt wandeln können. Als Auslöser dieser Reaktion dient kurzwelliges, bläuliches Licht, wie sich bei Aquarienversuchen zeigte.

Die Tiere reagieren offenbar gezielt auf bioluminiszente Lichtstrahlung. Im Normalzustand ist der Körper des Tintenfischs weitgehend transparent, um im Dämmerlicht möglichst unsichtbar zu sein. Nähert sich jedoch ein Räuber mit Scheinwerfern, dann bietet die rote Farbe den besten Schutz. Messungen zeigten: Im durchsichtigen Modus reflektieren die Tintenfische doppelt so viel kurzwelliges Licht wie in errötetem Zustand. Dieser Unterschied entscheidet mitunter wohl über Leben und Tod.

Der neu entdeckte Tarnmechanismus scheint indes weiter verbreitet zu sein. Die beiden Biologen fanden den Farblos-Rot-Wechsel auch bei den Kleinkalmaren Onychoteuthis banksii. Bei ihnen verläuft die Reaktion sogar noch deutlich schneller - "geradezu schlagartig", sagt Sarah Zylinski begeistert. (DER STANDARD, Printausgabe, 11.11.2011)

  • Ein und dieselbe Tintenfischart in ihren zwei Tarngewändern: links die durchsichtige Variante, rechts und unten die rotfleckige. Die Verwandlung gelingt in Sekundenschnelle.
    foto: sarah zylinski

    Ein und dieselbe Tintenfischart in ihren zwei Tarngewändern: links die durchsichtige Variante, rechts und unten die rotfleckige. Die Verwandlung gelingt in Sekundenschnelle.

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    foto: sarah zylinski
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