Öffentliche Performances bis Mitternacht

10. November 2011, 19:06
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Eintagesfestival in elf europäischen Städten

Linz - Sie verwirklichen Kunstprojekte und arbeiten zugleich als Kommunikationsagentur: Nun haben Die Fabrikanten gemeinsam mit europäischen Projektpartnern ein Eintagesfestival realisiert, das am Freitag bis Mitternacht an elf Orten zeitgleich stattfindet: nämlich in Linz, Berlin, Liverpool, Paris, London, Prag, Riga, Stockholm, Chisinau in Moldawien, Bitola in Mazedonien und dem polnisch-deutschen Hybrid-Ort Slubfurt (gebildet aus Slubice und Frankfurt/Oder). Die Zahl 11 steht für One-to-One-Art: Das ist eine Kunstform, die unvermittelt in alltägliche Szenen eingreift.

So lässt die Berliner Künstlergruppe Clubreal Tarzahn den edlen Wilden von Marzahn durch den gleichnamigen Stadtteil streifen, um zu demonstrieren, wie Leben im Einklang von Natur und Kultur funktioniert. Das dabei entstandene Filmmaterial wird abends in Tarzahns Plattenbauwohnung gesichtet. Sibylle Ettengruber setzt ihre Walk on By -Serie fort: Alle auf dem Berliner Stadtplan eingezeichneten Linien begeht sie, unbeirrt von Bebauung steigt sie über Mauern und auf Dächer, spaziert durch Industriehallen und fremde Wohnungen.

Tatiana Fiodorova im moldawischen Chisinau hingegen zeigt Transitorte in ihrer Stadt als teils unpassierbare Übergänge: Moldawiern sei es nicht nur fast unmöglich, ein Visum für ein anderes europäisches Land zu bekommen, auch der Weg durch die Stadt sei mit bürokratischen Hürden ausgestattet. Mit Theater, Tanz und Sprache macht sie aus Orten wie dem Bahnhof, dem Flughafen oder Fußgängerübergängen Metaphern der Befreiung.

In Bitola gibt es öffentliche Fußwaschungen, in Linz bittet die belgische Künstlerin Béatrice Didier in Bars, Kirchen und Supermärkten darum, "in die Arme genommen" zu werden, um über eine unglückliche Liebe hinwegzukommen. Your Cousin PIA wiederum verblüfft Passanten mit der strikten Behauptung, eine lange nicht mehr gesehene Cousine zu sein. Die Gruppe theaternyx verbindet elf verschiedene Linzer Familien, indem jeweils ein Mitglied im Auto mitgenommen und bei einer anderen Familie als temporärer Zuwachs abgesetzt wird. Die Autofahrten zwischen den Tausch-Familien werden zu Gliedern einer Kette aus Gesprächen rund um das Thema Familie.

Exchange Radical Moments! ist ein erster Versuch, ein Live Art Festival mit gemeinsamen Inhalten, aber unabhängig von Orten stattfinden zu lassen. Ob es dazu teils phrasenhaft formulierte Zielsetzungen braucht - Künstler und Künstlerinnen würden mit ihren Momenten der Begegnung "die Zeit anhalten", heißt es etwa in der Festivalbroschüre - sei dahingestellt. Eine Möglichkeit zur Reflexion des eigenen Alltags und der eigenen Wahrnehmung sind einzelne Projekte allemal. Sie können alle auch via Webstream in Echtzeit mitverfolgt werden.  (Wiltrud Hackl  / DER STANDARD, Printausgabe, 11.11.2011)

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