450 Milliarden Euro schwerer Spaltpilz

10. November 2011, 18:22
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Eurosystem: Italien erhöhte Kredite um 80 Milliarden - Deutschland finanziert PIIGS

Die Schieflage vieler Banken in der Euro-Peripherie in Kombination mit der dortigen Schuldenkrise wirbelt das Eurosystem ordentlich durcheinander. Bei der über die Europäische Zentralbank gesteuerten, aber dezentral abgewickelten Liquiditätsversorgung werden die Ungleichgewichte immer größer. Insbesondere Italien ist stärker auf Gelder der Euro-Partner angewiesen und hat seine Ausleihungen gegenüber dem Eurosystem seit Ende Juli bis Ende September um 80 Milliarden Euro erhöht.

Auch die anderen PIIGS-Staaten Portugal, Irland, Griechenland und Spanien stehen seit Ausbruch der Finanzkrise bei den Partnerstaaten ordentlich in der Kreide (unten stehende Grafik). Finanziert werden die gewaltigen Transfers von der Deutschen Bundesbank, deren Forderungen innerhalb der Eurozone seit dem Sommer um rund 100 Milliarden Euro auf 450 Milliarden explodiert sind. Unbestritten ist dabei, dass diese Salden Folge der erhöhten Liquiditätsversorgung der Banken durch die Zentralbanken sind. Vereinfacht gesagt: Die Banken der angeschlagenen Staaten haben wegen des Vertrauensverlustes Schwierigkeiten, sich von anderen Finanzinstituten Geld zu borgen, weshalb sie auf die Mittel der jeweiligen Notenbank angewiesen sind.

Doch damit ist das Ende der Konsens-Fahnenstange auch schon erreicht. Insbesondere in Deutschland gibt es Ökonomen, die ein erhöhtes Risiko der Bundesbank sehen. Timo Wollmershäuser vom Münchner Ifo-Institut meint im Standard-Gespräch: "Wenn eines der Schuldnerländer aus der Eurozone austritt oder zahlungsunfähig wird, bleibt die Bundesbank sehr wohl auf ihren Forderungen sitzen." Sein Chef, Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn, spricht regelmäßig von einer Kreditverlagerung in die Euro-Peripherie, die ähnlich wirke wie Eurobonds - eine zentrale Kreditaufnahme der Währungsunion. Diese Meinung teilt der frühere Chef der Deutschen Bundesbank, Helmut Schlesinger: Die hohen Leistungsbilanzdefizite der Südländer in der Eurozone würden durch die Zentralbank-Transfers ausgeglichen, wodurch der Zwang zum Abbau der Ungleichgewichte entfalle.

Expertenstreit über Risiko

Dem widersprechen nicht nur zahlreiche Ökonomen, sondern auch die Bundesbank selbst: "Unabhängig davon, bei welcher nationalen Zentralbank ein Refinanzierungsgeschäft im Eurosystem getätigt wird, sind die damit verbundenen Risiken immer vom Eurosystem als Ganzes zu tragen." In anderen Worten: Das Risiko existiert, ist aber mit dem Anteil an der Europäischen Zentralbank begrenzt. Zudem wird darauf verwiesen, dass Ausleihungen durch die Notenbank besichert werden müssen. Nicht dazugesagt wird, dass es sich dabei meist um Staatsanleihen handelt, die ja gerade in den Krisenstaaten massiv an Wert verloren haben, wobei der Verlust im Falle Griechenlands mit dem Schuldenschnitt auch realisiert werden soll.

Neben Deutschland sind auch die Niederlande mit Forderungen von 67 Mrd. Euro Großfinanziers des Eurosystems. Österreich steht dagegen mit 32 Mrd. in der Kreide. Als Grund gilt die Finanzierung der Osteuropatöchter durch die Banken.(Andreas Schnauder, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.11.2011)

 

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