Geldpolitischer Pragmatiker für Hellas

10. November 2011, 18:08
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Griechenlands neuer Überganspremier

Wäre es nach Lucas Papademos gegangen, hätte er in den kommenden Monaten einen Haufen Arbeit weniger am Hals. Seine wichtigste Aufgabe als Chef der griechischen Einheitsregierung wird es sein, den Schuldenschnitt mit den internationalen Banken auszuhandeln. Athen sollen 50 Prozent seiner Verbindlichkeiten erlassen werden, das Wie ist aber noch offen.

Papademos hatte jedoch bis zuletzt gegen die Beteiligung des Bankensektors angekämpft. Vier Tage vor dem entscheidenden Eurogipfel am 27. Oktober warnte er in einem Zeitungsartikel vor den fatalen Folgen für die Banken, sollte Griechenland im großen Stil entschuldet werden. In Athen nahmen ihm das offenbar nur wenige übel: Am Donnerstag wurde der ehemalige Vizepräsident der Europäischen Zentralbank (EZB) nach Tagen zähen Ringens doch als Regierungschef präsentiert.

Papademos hat damit wohl den schwierigsten Posten in Europa: Er muss die verfeindeten Sozialisten und die Konservativen zusammenführen und die Gläubiger Griechenlands befriedigen. Immerhin einen großen Bonus hat der mit einer Kunstmalerin verheiratete "geldpolitische Pragmatiker": Er ist parteilos, wenn er auch der sozialistischen Pasok nahesteht.

Der 1947 in Athen geborene Papademos zählt wie sein Vorgänger Giorgos Papandreou zu den "amerikanischen Griechen". Seine Jugend verbrachte er in Athen, während der Militärdiktatur ging die Familie ins US-Exil. Dort genoss er eine Eliteausbildung samt Master-Abschluss in Physik und Elektrotechnik am MIT. Später setzte er einen Doktor der Ökonomie drauf. In dem Fach unterrichtete er ab 1975 an der Columbia University. Forschungsschwerpunkt: Finanzmärkte und Inflation.

Das prädestinierte den Musikliebhaber - nach Intermezzi als Berater der US-Notenbank und Professor in Athen - für einen weiteren Karrieresprung: Er wurde in die griechische Notenbank geholt, zu deren Chef er 1994 avancierte. In Papademos Amtszeit bis 2002 fällt der Eurobeitritt Griechenlands. Danach wechselte er in die EZB, der er bis 2010 angehörte.

Athener Intellektuelle und Uni-Kollegen bezeichnen Papademos als "blitzgescheit". Ein Charismatiker, der Massen mitreißt, ist der "Urtypus des EZB-Bankers" freilich nicht. Sein Verhandlungsgeschick hat der als trocken, aber "nicht ganz humorlos" Beschriebene bereits unter Beweis gestellt. Sonst hätte er seiner Übergangsregierung nicht weitreichende Kompetenzen verschafft. (András Szigetvari, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 11.11.2011)

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