Ein Banker verspricht den Griechen Ende der Krise

10. November 2011, 18:24
148 Postings

Nach fünf Tagen Psychodrama hat Griechenland einen neuen Premier. Lucas Papademos kann mit breiter Zustimmung im Parlament rechnen

Als Hieronymus II. gegen Mittag seinen Flug nach Chios strich, wo er einen neuen Bischof ins Amt einführen wollte, war für die politischen Beobachter in Athen klar, dass auf den obersten Geistlichen der orthodoxen Kirche in Griechenland eine noch wichtigere Aufgabe wartete: die Segnung des neuen Regierungschefs, der nach Tagen zermürbenden Hickhacks der Parteien endlich Gestalt angenommen hat.

Lucas Papademos, der Banker mit den freundlichen Hamsterbacken, soll das neue Notkreditprogramm für Griechenland abwickeln und das Land bis zu Neuwahlen Anfang nächsten Jahres führen. Als die Nachricht von der Bestellung des neuen Regierungschefs Donnerstagnachmittag offiziell wurde, kam Papademos kurz zum Eingang des Präsidentenpalasts. Die Hände brav vor dem Anzugsakko gefaltet, buchstabierte er sein Programm vor: "Ich bin kein Politiker. Griechenland steht am Scheideweg. Aber die Probleme werden schneller gelöst und zu einem weniger hohen Preis, wenn es Geschlossenheit gibt, Verständnis und Umsicht."

Papandreou zermürbt

Eben daran hat es bisher in Griechenland gehapert. Nach zwei Jahren im Amt des Premiers gab Giorgos Papandreou auf, zermürbt von Streiks, gewalttätigen Protesten und der Verweigerungshaltung der Opposition, die zwar einen Teil der radikalen Sparbeschlüsse im Parlament mittrug, aber Papandreou unablässig Hörigkeit gegenüber den internationalen Kreditgebern vorwarf. Am Donnerstag ging er den kurzen Fußweg zurück vom Präsidentenpalast zum Maximou, dem Amtssitz des Premierministers - erschöpft und mit einem halb verzweifelten Lächeln.

Noch heute, Freitag, soll der 64-jährige Papademos mit seiner Regierungsmannschaft im Parlament vereidigt werden. Dann kommt auch Hieronymus II. zum Zug. Wer dem "Kabinett der breiten Zusammenarbeit", das Papademos ankündigte, tatsächlich angehören wird, war jedoch unklar. Dass Finanzminister Evangelos Venizelos bleibt, galt als sicher. Aber auch, dass es Streit um Kompetenzen zwischen dem schwergewichtigen Sozialisten und dem ehemaligen Banker Papademos geben wird.

Wahlkampf bereits im Blick

Venizelos will die sozialistische Partei von Papandreou übernehmen und in den Wahlkampf führen. Der konservative Oppositionsführer Antonis Samaras jedoch, der den Griechen eine Neuverhandlung der Kreditbedingungen der EU und des IWF versprochen hatte, will ihn gewinnen. Bis zur Bildung der Übergangsregierung gaben Umfragen seiner Nea Dimokratia mehr als sechs Prozentpunkte Vorsprung vor der sozialistischen Pasok. Möglich war auch der Eintritt der rechtspopulistischen Laos-Partei von Giorgos Karatzafaris, einem anderen Krisengewinnler, in das Übergangskabinett.

So haben Griechenlands Politiker nur dem äußeren Schein nach eine Auszeit genommen und die Führung des Landes in die Hände des früheren Vizepräsidenten der Europäischen Zentralbank gelegt. Papademos sei eine starke Figur, sagte die frühere Außenministerin Dora Bakoyannis am Donnerstag und erklärte ihre Bereitschaft, in die Regierung einzutreten - "wenn ich darum gebeten werde; aber es gibt einen, der das nicht will". Samaras hatte seine Rivalin Bakoyannis aus der Partei ausgeschlossen, nachdem sie im Mai 2010 dem ersten Sparpaket der Regierung zugestimmt hatte.

"Ein weises Volk"

Seither sitzt Bakoyannis im Parlament mit anderen unabhängigen Abgeordneten. Noch verweigert Oppositionsführer Samaras seine Unterschrift unter den Auflagenkatalog der Troika, der Kreditgeber von EZB, IWF und EU-Kommission. "Diesen Populismus müssen sie endlich hinter sich lassen", mahnt Bakoyannis ihre früheren Parteifreunde und glaubt an die Wende. "Die Griechen sind ein weises Volk", sagt sie, auch die Bevölkerung werde die Übergangsregierung stützen.

Doch die Bevölkerung ist müde. "Mag sein, dass er ein guter Politiker ist. Aber was macht das schon", sagt Christina Karathanissi, eine Kellnerin in einem Café in der Athener Innenstadt, als gerade die Nachricht von Papademos' Ernennung über den Fernsehschirm kommt. Und dann macht sie ihre Rechnung auf: 800 Euro Gehalt im Monat für zehn Stunden Arbeit am Tag, 500 Euro kostet die Wohnung, 300 Euro Steuern fallen in diesem Monat an. Die neue Sondersteuer auf Grundbesitz ist dabei. "Wovon soll ich mein Essen bezahlen, den Strom und das Gas?" Karathanissi denkt ans Auswandern. Sechs ihrer Bekannten haben es bereits getan, ihr Mann hat letzten Monat ohnehin seinen Job verloren. 907.000 Arbeitslose - 18,4 Prozent - gibt das Statistikamt am Tag von Papademos bekannt, den höchsten Wert seit den Wirtschaftskrisen der 1960er-Jahre. (Markus Bernath aus Athen, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 11.11.2011)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Lucas Papademos, der Banker mit den freundlichen Hamsterbacken, soll das neue Notkreditprogramm für Griechenland abwickeln und das Land bis zu Neuwahlen Anfang nächsten Jahres führen.

Share if you care.