"Italien muss Glaubwürdigkeit zurückgewinnen"

Interview10. November 2011, 17:51
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Nationalökonom Tito Boeri erklärt die dringendsten Reformmaßnahmen, die Italien wieder auf Vordermann bringen würden

Italien kann den Bankrott nur dann vermeiden, wenn es schnell handelt, meint der Nationalökonom Tito Boeri. Priorität haben Rentenreform und Impulse für die Wirtschaft, sagt er im Gespräch mit Thesy Kness-Bastaroli.

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Standard: Welche Prioritäten muss die neue Regierung setzen?

Boeri: Wir brauchen vorerst einige wenige, aber starke Signale, etwa bei der Rentenreform. Es genügt bei weitem nicht, das Antrittsalter um sieben Jahre zu erhöhen, dieser Schritt muss von einer stufenweisen Abschaffung der Dienstaltersrenten flankiert werden. Gleichzeitig muss die Regierung die ausufernde Steuerflucht bekämpfen. In den letzten drei Jahren hat Berlusconi keinerlei effiziente Maßnahmen gegen Steuerhinterziehungen ergriffen.

Standard: Welche Wachstumsmaßnahmen soll es geben?

Boeri: Es ist dringend nötig, der Wirtschaft Impulse zu verleihen, um nicht in die Rezession zu schlittern. Ich habe in meinem Buch Le riforme a costo zero (Reformen zu Null-Kosten) zehn Maßnahmen genannt, welche Investitionen und Produktion ankurbeln, ohne dafür einen Cent mehr zahlen zu müssen.

Standard: Welche Reformen wären das konkret?

Boeri: Liberalisierungs- und Privatisierungsmaßnahmen. Vor allem im Handel muss es zu einer echten Liberalisierung kommen. Aber auch bei den selbständig Erwerbstätigen sind Liberalisierungsmaßnahmen dringend nötig.

Standard: Hat eine Technokraten-Regierung überhaupt Überlebenschancen ?

Boeri: Es ist schwer, etwas dazu zu sagen, bevor die Regierung überhaupt gebildet wurde. Sollte es der neuen Regierung gelingen, die Maßnahmen durchzusetzen und damit etwas von der internationalen Glaubwürdigkeit Italiens zurückzugewinnen, hat sie angesichts der dramatischen Situation zweifellos gute Chancen zu überleben.

Standard: Kann Italien unter Mario Monti die Gefahr eines Bankrotts überwinden?

Boeri: Wenn die Regierung die richtigen Maßnahmen trifft, ist vorerst die Gefahr einer Zahlungsunfähigkeit überwunden.

Standard: Welche Auswirkungen hat die italienische Schuldenkrise auf den Euro?

Boeri: Italien ist die drittgrößte Wirtschaftsmacht im Euroraum, die Schulden sind mit knapp 2000 Milliarden Euro enorm. Falls es Rom nicht gelingt, die Schuldenkrise zu meistern, sehe ich für den Euro schwarz. Vor diesem Hintergrund ist schnelles Handeln angebracht. Nach drei Jahren wirtschafts- und industriepolitischer Untätigkeit drängt nun die Zeit.

Standard: Muss zuerst die Wachstums- oder die Schuldenkrise überwunden werden?

Boeri: Die Maßnahmen müssen sofort und gleichzeitig ergriffen werden. Gelingt es der Regierung, das Wachstum anzukurbeln, so hat dies auch einen positiven Effekt für den Schuldenabbau.

Standard: Hat die Europäische Bankenaufsicht (EBA) Italiens Banken ungerecht behandelt? Ist Ihrer Meinung nach jetzt der geeignete Augenblick, um Kapitalerhöhungen durchzuführen?

Boeri: Die EBA musste Zielvorgaben setzen und infolge der Schuldenkrise auf einer Festigung der Kapitaldecke bestehen. Sicherlich ist derzeit nicht der geeignete Augenblick, um massive Kapitaloperationen durchzuführen.

Sandard: Wie werden die Gewerkschaften auf eine mögliche Abschaffung der Dienstaltersrenten reagieren?

Boeri: Ich hoffe, die Arbeitnehmervertreter sind sich der dramatischen Situation bewusst. Die Abschaffung der Dienstaltersrente hat vor allem auch für die jugendlichen Arbeitnehmer erhebliche Vorteile.

Standard: Ist es möglich, dass Italien die Neuverschuldung bis 2013 auf null reduziert?

Boeri: Mit den genannten Maßnahmen ist ein Haushaltsausgleich 2013 nicht unmöglich - aber schon eine Annäherung an dieses Ziel wäre als Erfolg zu werten.(DER STANDARD Printausgabe, 11.11.2011)

  • Tito Boeri (53) lehrt an der Mailänder Elite-Universität Bocconi 
Wirtschaftspolitik und zählt zu den renommiertesten Nationalökonomen 
Italiens. Er berät unter anderem die OECD, den IWF und die Weltbank.
    foto: standard/privat

    Tito Boeri (53) lehrt an der Mailänder Elite-Universität Bocconi Wirtschaftspolitik und zählt zu den renommiertesten Nationalökonomen Italiens. Er berät unter anderem die OECD, den IWF und die Weltbank.

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