Schuldenkrise

Die Eurokrise als Deutschlands zweite Chance

Kommentar der anderen | 10. November 2011, 18:15

Die Weiterentwicklung der Eurozone in Richtung Fiskalunion mit strikter Disziplin darf weder zu einem "deutschen Europa" noch zu einer Spaltung der EU führen. Das erfordert nicht nur von der deutschen Führung, sondern auch vom britischen Premier Cameron viel Geschick - Von Timothy Garton Ash

22 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer steht Deutschland vor einer weiteren großen Herausforderung. Von Umgang mit der Eurokrise hängt es ab, ob spätere Generationen sagen werden, dass Deutschland seine "zweite Chance" (der Historiker Fritz Stern) genutzt hat oder nicht. Vor 100 Jahren hat diese damals dynamische, innovative und aufstrebende Wirtschaftsmacht ihre Chance katastrophal vertan. Wird die Geschichte diesmal anders aus- gehen?

Die Herausforderung besteht nicht nur darin, die Eurozone zu retten, ohne dass Deutschland seine wirtschaftliche Disziplin opfert. Die wahre Aufgabe - und darüber wird in Berlin kaum geredet - ist noch viel größer.

Wenn die Eurozone gerettet wird, dann als Fiskalunion nach den strikten Regeln des "Stabi- litätshegemons" Deutschland. Nicht nur Griechenland und Portugal, auch Italien und Frankreich müssen ihre Hausaufgaben in Sachen Budget- und Lohndisziplin machen. Wer sich daran erinnert, mit welcher Ehrfurcht Helmut Kohl über Frankreich gesprochen hat, der kann nur staunen, was heute in Berlin geredet wird. "Frankreich muss sich entscheiden, ob es an der Peripherie oder im Zentrum sein will", sagte mir ein Politiker. Es gibt keine Zweifel darüber, wer die Hosen anhat: Es ist nicht der lästige kleine Mann in Paris.

Die meisten der 17 bestehenden Euroländer, auch das Post-Berlusconi-Italien, werden auch unter den neuen Auflagen drinnenbleiben, auch wenn die Praxis hinter der Theorie hinterherhinkt. Bei Griechenland würde es mich überraschen. Unter den zehn anderen EU-Staaten sind acht per Vertrag zum eventuellen Euro-Beitritt verpflichtet. Aber am Ende wird es einige Länder geben, die in der Währungsunion sein könnten, aber es nicht wollen (Nordeuropäer wie Dänemark und Großbritannien) oder es gerne wären, aber es nicht können (Südländer wie Griechenland). Die entscheidende Rolle spielt Großbritannien - eine wichtige nordeuropäische Wirtschaft, das wichtigste Finanzzentrum Europas und einer von drei politischen Großmächten.

Die Frage stellt sich daher, wie man die Vertiefung der Eurozone mit der Gesamtarchitektur Europas verknüpfen kann. Wie kann man vermeiden, dass die Vereinigung der Eurozone zu einer Spaltung der EU führt?

Berlin will neuen EU-Vertrag

Deutschland hat darauf eine klare Antwort: Beim nächsten Gipfel im Dezember sollen alle 27 Mitgliedsstaaten Verhandlungen über einen neuen EU-Vertrag aufnehmen. Diese sollen bis zu den nächsten Bundestagswahlen 2013 abgeschlossen sein. Die Aufsicht über die Budgetpolitik der Euroländer könnten dann zumindest teilweise von den bestehenden EU-Institutionen vorgenommen werden. Und die anderen EU-Staaten - sowohl die Euro-Anwärter als auch jene, die keinen Beitritt planen - haben zumindest ein Mitspracherecht bei der Gestaltung einer neuen Struktur, die zweifellos den gesamten Binnenmarkt betreffen wird.

Das ist vor allem ein Problem für David Cameron. Der britische Premier will einerseits unbedingt dabei sein, wenn in Brüssel diese Fragen diskutiert werden - andererseits will er alles vermeiden, was wie eine weitere Übertragung von Kompetenzen an die EU interpretiert werden kann. Denn dies würde eine Volksabstimmung erzwingen, die er zu verlieren droht. Manch schlauen Mandarinen möge dann eine jesuitische Quadratur des Kreises gelingen, in dem sie behaupten, dass jede Änderung nur die Euroländer berühren würde. Aber die Euroskeptiker bei Camerons Torys würden aufschreien - und das zu Recht. Denn jede Vertiefung der Eurozone würde die Architektur der EU entscheidend verändern.

Wenn aber Cameron im Dezember einfach Nein sagt, dann lassen die Deutschen keinen Zweifel daran, dass sie trotzdem weitermachen werden - entweder durch einen Kooperationsvertrag der 17 Euroländer oder aber durch Verhandlungen mit den 24 oder 25 EU-Mitgliedern, die sehr wohl bei der Gestaltung der Eurozone mitreden wollen. Der Doyen der EU-Rechtsexperten, Jean-Claude Piris, hält beides für möglich.

Während wir uns dieser Konfrontation nähern, sollten London und Berlin innehalten und nachdenken. Die Briten sollten das deutsche Argument ernst nehmen, wonach die von ihnen im vergangenen Jahrzehnt praktizierte Haushalts-, Schulden- und Lohnkostendisziplin genau das ist, was nicht nur die Eurozone, sondern ganz Europa braucht.

Protestantische Disziplin

Wie soll man sonst mit den neuen Wirtschaftsmächten des 21. Jahrhunderts konkurrieren und dennoch die Pensionen und Gesundheitskosten für eine alternde Gesellschaft bezahlen? Es ist ironisch, dass diese harte nordeuropäische, protestantische Disziplin genau das ist, was die konservativ-liberale Regierung in London praktiziert. Sie will bloß nicht einen neuen Luther, der ihr erklärt, wie man eine Reformation macht.

Deutschland wiederum muss sich fragen, ob es wirklich erwarten kann, dass die Mehrheit der Europäer sich wie Deutsche verhält. Und wenn sie alle Spar- und Exportmeister werden, wer würde dann ihre Waren kaufen? Es muss sich auch bewusst werden, dass eine solcherart vertiefte Eurozone als ein deutsches Europa gesehen werden würde.

Vor 20 Jahren haben die Deutschen bei jeder Gelegenheit den Ausspruch Thomas Manns zitiert, er wünsche sich "nicht ein deutsches Europa, sondern ein europäisches Deutschland". Heute hört man in Berlin eine interessante Abwandlung dieses Spruchs: "ein europäisches Deutschland in einem deutschen Europa." Zur Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit Europas gibt es sicher Schlechteres als ein etwas "deutscheres Europa" in wirtschaftlicher Hinsicht. Aber man darf die Sorgen, die diese Aussicht nicht nur in Großbritannien auslöst, nicht unterschätzen. Man muss sich nur daran erinnern, wie Deutschland seine erste Chance vermasselt hat. Die Gefahren eines Vorgehens ohne Zustimmung der gesamten EU - und auch wenn nur zwei oder drei Staaten abseits stehen - sollten nicht ignoriert werden.

Deutsche, britische und andere europäische Politiker müssen in den kommenden Wochen einen Weg finden, die Eurozone zu vertiefen und dennoch die grundlegende Einheit der EU zu bewahren. Das ist leichter gesagt als getan. (Timothy Garton Ash, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 11.11.2011)

Autor

Timothy Garton Ash, derzeit in Berlin, ist Schriftsteller, Historiker und Professor für europäische Studien an der Universität Oxford.

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Heefcleeve
00
11.11.2011, 15:53
Käpt`n Blaubär
00
11.11.2011, 15:30
In diesem Zusammenhang gibt es ein sehr interessantes Interview mit James Galbraith hier:

http://www.nachdenkseiten.de/?p=11262

peter Pramberger
00
11.11.2011, 15:15
nicht objektiv

In dem seit Jahrzehnten andauernden Streit von GB und D ueber die richtige Strategie fuer die Zukunft Europas liegt es sicherlich an London, sich klar zu werden, was seine Position in und zu Europa sein soll. GB wird wohl bald entscheiden muessen, ob es in Europa eine seinem Gewicht entsprechende Rolle spielen oder marginalisiert werden will.

Dass die oeffentliche Meinung in diesem Land historisch und durch das permanente publizistische Trommelfeuer der Murdoch-Press bedingt dazu noch nicht bereit ist, macht die Herausforderung fuer PM Cameron nicht einfacher.

Enrico Furioso
01
11.11.2011, 11:34

Nette Sonntagsrede. Was Ash übersieht (und mit ihm praktisch die gesamte politische Nomenklatura Europas): politischer Wille ist das eine; die wirtschaftlichen Realitäten bzw. Disparitäten in den EU-Mitgliedsländern das andere. Daran leidet ja die Euro-Zone, dass man ignorant die unterschiedlichen wirtschaftlichen Realitäten in eine Zone zusammen führte und so tat, als wären ohnehin alle Realitäten gleich. Was sie damals nicht waren, und heute weniger denn je sind.

Dramaqueen
00
11.11.2011, 11:27
Die Kriege sind feiner geworden

vor 100 Jahren schlug man sich die Köpfe ein, jetzt kauft man auf und macht abhängig.

widiwutsch
01
11.11.2011, 09:05
Tolle Chance ist das...

Den ganzen rauchenden Scherbenhaufen mit einem löchrigen Eimer ständig löschen zu müssen. Es tun ja alle so, als hätte Deutschland selbst nicht auch viel zu viele Schulden - man weiß ja selbst nicht, wer das mal alles bezahlen soll.

Jepedaia Springfield
01
11.11.2011, 07:35
Denn jede Vertiefung der Eurozone würde die Architektur der EU entscheidend verändern.

also auch eine Volksabstimmung in Österreich nötig! Nur wenn die Bürger auch überzeugt werden können, hat die EU eine Chance weiter zu bestehen.

site:°~+*-||!#.\>
16
11.11.2011, 02:24

GB soll sich endlich entscheiden, ob sie eine Marionette der USA bleiben oder zur EU gehören will.

Und zwar schnell.

Eine Volksbefragung in GB sollte darüber entscheiden, ob GB in der EU bleiben und bei Einhaltung der Maastricht-Kriterien dem Euro beitreten will.

Dhimmi
01
11.11.2011, 10:26
"eine Marionette der USA bleiben oder zur EU gehören will"

Dieses leidige Marionettenklischee....

Das sind keine Marionetten aber historisch bedingt ist die britische Politik nun mal transatlantisch.
Und das war richtig, denn die USA haben sich letztlich als stärker und verlässlicher erwiesen als die Europäer.

Aber, das ist schon richtig, sie müssen sich stärker pro-Europa orientieren, sonst finden sie sich plötzlich zwischen den Stühlen.

rumpelpum
04
11.11.2011, 00:53

Der Phantomschmerz sitzt offenbar tief über den Bedeutungsverlust ohne Empire....

Aber was erwartet Mr. Ash ?
Das ganz Europa auf England wartet ?
Könnte nicht mal England mutig voranschreiten mit einer Transaktionssteuer, mit Bankenregulierung und neuen Regeln für die Geldmärkte ?

England hat sich selbst mit seiner Distanzpolitik ausgebootet in dem sie sich nie zu einem Bekenntnis für Europa durchgerungen haben sondern immer nur als Rosinenpicker aufgetreten sind.

Es war schon längst nötig das irgendwer (danke Sarkozy) Cameron auf seinen Platz verwiesen hat und der ist eindeutig nicht mehr unter den Grossen Europas zumindest nicht mehr unter den Gestaltern.

Sackgesicht
00
11.11.2011, 11:26

England hat schon seit mehr als 400 Jahren eine Transaktionssteuer auf Britische Aktien

Alder
 
00
11.11.2011, 17:22

Eben. Nur auf inländische Aktien, und das auch nur inkonsequent. Eine Tobin Tax auf internationale Geschäfte würde die Spekulation bremsen.

Johannes Benn
54
11.11.2011, 00:53
.

hier wird suggeriert deutschland sei eine politische großmacht innerhalb europas und die aktuelle situation sei in irgendeiner weise mit der vor hundert jahren vergleichbar.
erstens ist deutschland heute nicht das dynamischste der großen laender so wie damals sondern das mit der geringsten geburtenrate, das heißt das am schnellsten vergreisende.
zweitens hat deutschland politisch nichts zu sagen, etwas zu sagen haben nur die siegermaechte. deutschland ist keine atommacht, hat eine weitaus schwaechere streitmacht, hat keine eigenstaendige außenpolitik.
das einzige was deutschland noch hat ist industrie, und deren fruechte sollen nun in europa aufgeteilt werden.

skfcfksc
00
11.11.2011, 11:00
ich glaube sie verrennen sich...

...bei diesem thema!!! Die Streimächte sind in so einer Krise absolut egal! hier geht es eher um die frage wär hat mehr macht in der wirtschaft.... und da dazu deutschalnd whs noch im schnitt gesehen die besten politiker hat sind sie klar im vorteil!

Cannondale27
01
11.11.2011, 10:53
...und? Ist man heute wieder ein bißchen germanophob..??

blackbeauty3
10
11.11.2011, 16:01

was at das mit phobie zu tun? die germanen zeigen wieder einmal das es besser wäre den mund zu halten. kaum glauben sie das sie oberwasser bekommen, geht die arroganz wieder mit ihnen durch. das ist ihnen schon einmal zum verhängnis geworden. sollten sie das noch einmal versuchen wird hoffentlich entgültig eine lösung für diese seit 100 jahren pubertierenden flegel auf der europäischen bühne gefunden werden.

rumpelpum
00
11.11.2011, 11:55

Das ist man in Österreich immer latent...

rumpelpum
14
11.11.2011, 00:49

Ein trauriger Sermon der immer wieder mit der (historisch schon längst anders bewerteten) Kriegsschuldfrage Deutschland in die Schranken zu weisen versucht.

Ein Engländer der offenbar nach wie vor glaubt das Grossbritannien mit seiner enormen Staatsverschuldung und der Londoner (Banken) City bestehend mit Frankreich und Deutschland in einem Atemzug genannt werden sollte.
Mr. Ash verkennt dabei das GB schon lange nicht mehr ebenbürtig ist, es hat sich selbst ins Abseits geschossen.

Ash argumentiert dabei nur etwas feiner als die Sun wenn sie mal wieder über die "krauts" herzieht.

Er verkennt das viele Europäer GB gar nicht mehr im Boot haben WOLLEN, als ewige Blockierer, Privilegienritter und quasi mini-USA.

DEUTSCHES EUROPA JA BITTE.

cookieberlin
211
10.11.2011, 22:11

Der Autor will folgendes Berliner! Zitat aufgenommen haben: "ein europäisches Deutschland in einem deutschen Europa".
An dieser Stelle sollte der in GB vielgekaufte Buchautor uns unbefangenen Zeitungslesern noch unbedingt mit einer nachvollziehbaren Quelle die Augen öffnen.
Hier im politischen Berlin ist diese Äußerung jedenfalls unbekannt und der gegenwärtigen Stimmung zuwiderlaufend.
Out of Euro, desaströse Wirtschafts/Finanzlage und antideutsche Ressentiments...hier klingen offensichtlich eher britische Besorgnisse durch, mit denen in Londoner Pubs die kohlensäurearme, lauwarme Plärre vergessen gemacht werden soll.
Na, wenns dem Geldbeutel gerecht wird, ist Seriosität eben in GB nur mit Humor zu betrachten...auf Ihr Wohl Herr Ash!

Friedel Marksteiner
 
010
10.11.2011, 21:36
Ist Timothy ein bisschen neidisch?

Weil Deutschland wirtschaftlich so gut dasteht und von allen Ländern der Erde hofiert wird, um wirtschaftliche/ administrative und/ oder finanzielle Entwicklungsbeiträge zu leisten - während GB nach 2 gewonnen Kriegen nichts vorzuweisen als eine zu große Armee, eine ausbeuterische Finanzoligarchie und eine feudale, isolationistische Klassen-gesellschaft?
Der Stellenwert, den man GB's Beiträgen zur künftigen Architektur der EU zumessen wird, wird sich daher an seiner heutigen schwachen Position innerhalb der EU orientieren und nicht an seiner Position als Scheingroßmacht.

Peter_23
112
10.11.2011, 21:10
In diesem Artikel merkt man wieder mal, wie bei vielen Artikeln in britischen Medien:

Die Briten können es auch nach 70 Jahren nicht akzeptieren, dass Deutschland einfach wirtschaftlich leistungsfähiger als England ist und ärgern sich darüber grün und blau.

Am Lustigens sind da immer dieser britischen Rundumschläge in Medien mit dem WWII, bis hin zu irgendwelchen Geldschulden von damals. Man könnte durchaus meinen, die Britts haben einige Vorurteile gegen Deutsche.

Tja, nur mit dem Londoner Finanzgezocke kommt man eben nicht weit. Das was London City macht sind alles keine Realwerte, nur Scheinwerte. ;-)

lessismore
12
11.11.2011, 00:04

Deutschland macht exakt die Politik, die das Empire wünscht (Exportabhängigkeit, Bailout, Austerity). DARUM geht es.

(Ebenso: Je abhängiger das UK als Territorium von der City ist, desto besser, also ist industrielle Entwicklung in England unerwünscht.)

Dr. Fu Man Chu
11
10.11.2011, 21:51

frankfurts neuer markt war seinerzeit genau wofür gut? ich kann nasdaq?

gezockt wird da wie dort. klingt ein bisschen nach frust wegen kriegsverlust! :-) zurück zum thema...

dafa
01
10.11.2011, 21:23
das kann ich durchaus...

... bestätigen! 100% Zustimmung.

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