Wien sieht sich als "Welthauptstadt" des Passivhauses

  • Das OeAD-Gästehaus in der Kandlgasse im 7. Wiener Bezirk.
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    foto: ig passivhaus / oead

    Das OeAD-Gästehaus in der Kandlgasse im 7. Wiener Bezirk.

  • Bei der alljährlichen Pressekonferenz zu den "internationalen Tagen des Passivhauses" am Donnerstag, v. li.: Günther Jedliczka, Johannes Kislinger, Maria Vassilakou, Günther Stöllberger und Michael Pech.
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    foto: ig passivhaus

    Bei der alljährlichen Pressekonferenz zu den "internationalen Tagen des Passivhauses" am Donnerstag, v. li.: Günther Jedliczka, Johannes Kislinger, Maria Vassilakou, Günther Stöllberger und Michael Pech.

Vizebürgermeisterin Vassilakou hebt Rolle der Bundeshauptstadt in Sachen energieeffizientem Wohnbau hervor - Tage des Passivhauses am Wochenende

Neue Gebäudetypen wie das Null- oder sogar das Plusenergiehaus rücken zunehmend in den Fokus, wenn es um nachhaltiges, energieeffizientes Bauen geht. Wie passt da das Passivhaus, das es schon seit 20 Jahren gibt und das einen Heizwärmebedarf von 15 kWh pro Quadratmeter und Jahr "toleriert", in die nahe Zukunft des Bauens?

Johannes Kislinger, Architekt und Obmann der IG Passivhaus Ost, gab am Donnerstag auf einer Pressekonferenz in Wien eine Antwort darauf: Maßgeblich sei vor allem eine bestens gedämmte, luftdichte Gebäudehülle, darauf konzentriere sich die Passiv-Bauweise vorrangig. Die Passivhaus-Hülle wird damit also zur Grundvoraussetzung für noch effizientere Gebäudetypen.

18 geförderte Passivhaus-Wohnanlagen in Wien

Die Vorreiterschaft als "Welthauptstadt" in Sachen Passivhaus reklamiert die Stadt Wien für sich, namentlich deren Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou von den Grünen. "Das Passivhaus muss zum wesentlichen Standard in dieser Stadt werden", betonte sie, schließlich wolle die Stadt trotz des enormen Bevölkerungswachstums ihren Energiehunger mittelfristig um zehn Prozent drosseln - eine beinahe unerreichbare Aufgabe, so die Vize-Stadtchefin. Die Forcierung des Passivhauses sei dafür aber unerlässlich, aktuell würden sowohl in der Seestadt Aspern als auch beim "Eurogate"-Projekt auf den ehemaligen Aspanggründen im 3. Bezirk je 2000 PH-Wohnungen entstehen.

Insgesamt weist Wien schon 18 geförderte mehrgeschoßige Passivhaus-Wohnanlagen auf, dazu kommen vier Studentenwohnheime mit rund 650 Plätzen (das jüngste davon, das Oead-Gästehaus in der Gasgasse hinter dem Westbahnhof, wurde erst im September eröffnet) sowie zahlreiche private Einfamilienhäuser im Passivhaus-Standard.

Pollen und Feinstaub draußen halten

Beim "Eurogate"-Projekt - im Endausbau soll sich in Wien-Landstraße die größte Passivhaussiedlung Europas befinden - errichtet der Bauträger ÖSW ein so genanntes "Passivkomforthaus", das einen "wesentlichen Beitrag zur Akzeptanz des Passivhauses im mehrgeschoßigen Wohnbau" leisten soll, wie ÖSW-Geschäftsführer Michael Pech erklärte. Ausgereifte Filtersysteme, die Pollen und Feinstaub draußen halten, sollen dort eine sehr hohe Raumluftqualität sicherstellen. Die immer noch etwas höheren Errichtungskosten eines Passiv(komfort-)hauses könnten mit "intelligenter Planung" im Zaum gehalten werden; Mehrkosten von drei Prozent, die in die Haustechnik investiert werden müssen, würden aber durch die enorme Heizkostenersparnis mehr als wettgemacht, so Pech.

Dass so mancher Passivhaus-Bewohner im Sommer Probleme mit Überhitzung bekommen kann, dieses Problem habe man erkannt, gab der technische Geschäftsführer des Bauträgers ARWAG, Günther Stöllberger, zu Protokoll. Abhilfe könne hier das Öffnen der Fenster in der Nacht schaffen. Günther Jedliczka, Geschäftsführer der OeAD Wohnraumverwaltungs GmbH und Vorstandsmitglied der IG Passivhaus Ost, empfahl außerdem Verschattung, um ein übermäßiges Aufheizen durch die Sonneneinstrahlung zu verhindern. 

Passivhaus-Tage am Wochenende

Wie sich private Häuslbauer in ihren Passivhäusern fühlen, das kann in den kommenden Tagen bei den "8. Internationalen Tagen des Passivhauses" erfragt werden. Mehr als 100 Besitzer von Passivhäusern laden österreichweit wieder zur Besichtigung ein, die überwiegende Mehrheit davon sind Einfamilienhäuser. Es können aber beispielsweise auch alle vier OeAD-Gästehäuser in Wien besucht werden, außerdem manche Bürogebäude, Schulen und Kindergärten.

Das genaue Programm der Passivhaustage findet sich auf den Webseiten der IG Passivhaus Österreich samt deren Länderseiten.

GesmbH statt Verein

Neues gibt es auch von der IG Passivhaus selbst: Zusätzlich zum Verein IG Passivhaus wurde im Sommer auch eine GesmbH gegründet, die die nicht gemeinnützigen Tätigkeiten übernehmen soll. Die Änderung geschah primär aus Haftungsgründen, erklärte der neue Geschäftsführer Franz Gugerell: Für den Geschäftsführer eines Vereins haften alle Mitglieder auch mit ihrem Privatvermögen, bei einer GesmbH ist diese Haftung limitiert. Alleiniger Gesellschafter der GesmbH ist der Verein IGPH Österreich. Gugerell führt ein Planungsbüro in Amstetten und ist auch für das Department Bauen und Umwelt der Donau Universität Krems tätig.

Die IG Passivhaus gliedert sich nun in sieben regionale Vereinigungen, die insgesamt rund 320 Mitglieder aus verschiedenen Bereichen der Bauwirtschaft, Wissenschaft und Forschung haben. Noch mehr planende und ausführende Firmen als Mitglieder zu gewinnen ist das erklärte Ziel der IG Passivhaus. (Martin Putschögl, derStandard.at, 10.11.2011)

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