Wild bewegte Musiksee

10. November 2011, 17:15
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"Siegfried" an der Wiener Staatsoper

Wien - Hat jemand die frohe Kunde noch nicht vernommen? Wien liebt Christian Thielemann, und Thielemann liebt Wien zurück. Groß, glühend und heftig. Auf also in den Hexenkessel dieser Liebe, in das hufeisenförmige Rund der Staatsoper. Zum Siegfried. Der dem Revolutionär, dem ruchlosen Optimisten gewidmete 2. Tag des Bühnenfestspiels muss als Satyrspiel der Walküre gesehen werden, als heldisch-heiteres Interludium, bevor die Wagner'sche Welterklärung in der Götterdämmerung mit großem Trara abschmiert. Ein Lied zu Ehren der freien Liebe hätte Brünnhilde hier ursprünglich singen sollen, stattdessen muss sie, so Friedrich Nietzsche, leider "Schopenhauer studieren" und zugrunde gehen.

Mit Stephen Gould als Siegfried, Linda Watson als Brünnhilde und Albert Dohmen als der Wanderer stehen Thielemann Bayreuth-erprobte Ring -Artisten zur Seite. Goulds hell-warmer Tenor eint Kraft mit Geschmeidigkeit, von den gepressten Spitzentönen ab dem Ende des zweiten Aufzugs abgesehen. Charmant Goulds Anflug von Howard-Carpendale-Deutsch. Dohmens nobler, durchsetzungsfähiger Bariton verleiht dem Wanderer die nötige Autorität, Watson ist eine souveräne, sexy Brünnhilde. Vokal präzise, rastlos der Alberich von Tomasz Konieczny, vielleicht in den unteren Regionen etwas leichtgewichtig Anna Larssons tolle Erda. Wolfgang Schmidts Mime schwankt zwischen gewollter und ungewollter vokaler Hässlichkeit.

Thielemann findet im ersten Aufzug bei der Frage-Szene zu einem ersten Hoch, mit energischem Impetus lässt er Blech und Bässe Bedrohlichkeit und Schwärze malen; dem Finale fehlt die letzte Zugkraft. Im zweiten Aufzug kommen die Einsätze der tiefen Streicher bei Mimes Dahinscheiden Schwertstreichen gleich, poetisch das Waldweben, rührend schlicht Siegfrieds Gedenken an die Mutter. Der dritte Aufzug: Weltklasse. Hellwach und heißblütig folgt das Orchester der detailgenauen Führung; die zahllosen dynamischen Zurücknahmen und Crescendi ergeben eine orchestral wild bewegte See, welche Dohmen, Gould und Watson aber mit vergleichsweise ruhig-beständigen Vokallinien kreuzen. Im Ende, nach 1200 Partiturseiten, ergießt sich die über fünf Stunden aufgestaute Liebe des Publikums als Meer an Bravi über die Künstler, speziell über Thielemann. (end / DER STANDARD, Printausgabe, 11.11.2011)

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