Schweinisch am Naschmarkt

13. November 2011, 17:00
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Ein Kunstatelier in Naschmarktnähe lässt vier Tage lang die Sau rein: Drei waschechte Waldviertler Jungschweine werden im Nebenprogramm der Vienna Artweek mit dem Künstlerduo Mollner & Schorsch in kreative Interaktion treten

Mensch und Schwein verbindet nicht nur der sprichwörtliche Schweinemagen: Die innige Beziehung oszilliert facettenreich zwischen den Extrempolen Fressen und Gefressenwerden. Dennoch haftet Schweinischen im Allgemeinen ein übler Stallgeruch an: "Du Schwein" oder gar "Du Sau" heißen sich humane Artgenossen üblicherweise nur im Zustand wildester Abneigung.

"Am Anfang dachte ich mir noch: Die Schweine stinken", erzählt die 1970 geborene Tänzerin und Performerin Gerda Schorsch. "Aber dann hab ich mich einfach voll reingehaut - als Mensch und nicht bloß als Performerin." Schorsch ist eine von vier menschlichen und fünf schweinischen Protagonisten des Videos "Niemandsland", das im vorigen November im Waldviertel gedreht wurde. Was sie innerhalb der zwei Drehtage erlebte, hat die Künstlerin tief beeindruckt. "Schweine sind sehr bestimmte, impulsive Wesen", erzählt sie. "Sie haben sofort alles mit ihren Rüsseln zu untersuchen begonnen. Je mehr Raum sie hatten, desto lebendiger und stärker entfaltete sich ihre Intelligenz."

Hochkultur im Stall

Die Idee für diese ungewöhnliche Kooperation hatte der 1984 geborene Waldviertler Künstler Matthias Mollner. "Ich wollte die Hochkultur in den Stall bringen", erzählt Mollner. "Zunächst sollte es eine Oper mit einer Sängerin im Abendkleid, zwei Streichern und lebenden Schweinen werden. Ich schaffe gern Situationen, die man sich eigentlich gar nicht vorstellen kann."

Da Mollner die Mittel für eine aufwändige Opernproduktion nicht zur Verfügung standen, entwickelte er eine theatralische Szene mit kontrastreichen Charakteren, die dem Ensemble als Vorlage zur gemeinsamen Improvisation dienten. Im Mittelpunkt: die insgesamt fünf zweimonatigen "Läufer", wie die Jungschweine im Fachjargon heißen.

Auch die Sau braucht Schlaf

"Mit Schweinen ist es immer turbulent", erzählt Mollner. Um sich von diesen Turbulenzen zu erholen, legten die Tiere regelmäßig eine zweistündige Schlafpause ein - ohne Rücksicht auf das Drehbuch. "Es hat mich sehr berührt, wie sie einander suchen", erinnert sich Gerda Schorsch. "Sie haben sich einen Platz am Rand gesucht und sich in Reih und Glied aneinander gekuschelt. Ihr Atmen war so tief und stark wie das von kleinen Kindern."

Im Kunstatelier umraum stadtbureau wird man nun von 14. bis 20.11. das filmische Produkt dieser Begegnung in Endlosschleife sehen können: ein Versuch über Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Zwei- und Vierbeinern. "Wir sind die letzten Bestien", formuliert Matthias Mollner die Grundidee. "Die Schweine und wir, wir sind das Vieh. Wir stecken in einem Niemandsland, in dem alles passieren kann." 

Schweine gehen ihren Weg

Dieses Niemandsland wird sich innerhalb der Ausstellungszeit von der Leinwand auf die Wirklichkeit ausdehnen: Im Atelier werden (mit Genehming des städtischen Veterinäramts) drei Waldviertler Läufer wohnen, mit denen Mollner und Schorsch im Verlauf der Vienna Art Week immer wieder performativ improvisieren werden. Selbstverständlich inklusive Schlafpausen." "Die Schweine gehen ihren eigenen Weg", sagt Matthias Mollner. "Das kann man auf den Menschen umlegen: Wer die Freiheit hat, kann auch etwas daraus entwickeln." (Helmut Neundlinger, derStandard.at, 13.11.2011)

Links

umraum stadtbuero
Mollner & Schorsch
Vienna Art Week

Programm (Auszug)

Vienna Art Week 2011: Mollner & Schorsch - "Die Unzähmbaren"

14.11., 20 Uhr: Vernissage im stadtbureau, Linke Wienzeile 86/Ecke Proschkogasse 2, 1060 Wien
15.-17. 11., 13 - 18 Uhr: Saustall im stadtbureau
15. 11., 15 Uhr: Performance am Naschmarkt, 1060 Wien, Station U4, Kettenbrückengasse
17.11., 18 Uhr: Performance am Fritz-Grünbaum-Platz, 1060 Wien
19.11., 14 Uhr: Performance Rahlgasse/Mariahilferstrasse, 1060 Wie

  • Zwei Waldviertler Jungschweine, demnächst gemeinsam mit Mollner & Schorsch hochkulturell unterwegs.
    foto: mollner & schorsch

    Zwei Waldviertler Jungschweine, demnächst gemeinsam mit Mollner & Schorsch hochkulturell unterwegs.

  • Ein bescheidener Hauptprotagonist, offensichtlich.
    foto: mollner & schorsch

    Ein bescheidener Hauptprotagonist, offensichtlich.

  •  "Die Schweine und wir, wir sind das Vieh." - Impression aus dem Film "Niemandsland".
    foto: mollner & schorsch

    "Die Schweine und wir, wir sind das Vieh." - Impression aus dem Film "Niemandsland".

  • Man kommt gut miteinander aus im Stall.
    foto: mollner & schorsch

    Man kommt gut miteinander aus im Stall.

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