Das diffuse Bild vom Balkan

Interview10. November 2011, 11:51
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Der in Berlin angesiedelte Dittrich Verlag legt die Reihe "Edition Balkan" vor und präsentiert diese im Rahmen der Buch Wien. DaStandard.at sprach mit Volker Dittrich über dieses Vorhaben

daStandard.at: Auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse, bei der Serbien das Gastland war, fiel die Balkan Edition des Dittrich Verlags auf. Der Dittrich Verlag publizierte gleich drei Romane aus Serbien. Weitere Titel sollen in den nächsten Jahren folgen. Wie kam es zur Edition Balkan?

Volker Dittrich: Ich habe ein Buch von Roumen Evert gemacht, "Die Immigrantin." Es geht um eine Bulgarin, die illegal in Wien lebt und ihre Geschichte erzählt, davon, wie sie aufgewachsen ist, wie sie groß geworden ist. Dadurch habe ich zum ersten Mal etwas über Bulgarien erfahren. Roumen Evert und seine Frau Nellie, die selbst Bulgarin ist, hatten die Idee, eine Edition Balkan ins Leben zu rufen. Sie haben bei der EU Gelder für Übersetzungskosten beantragt. Ich war zunächst sehr skeptisch, weil mir klar war, ohne einen Zuschuss für die Übersetzungen können wir es nicht machen. Es klappte jedoch, und so kam es dazu, dass die Titel im Dittrich Verlag erschienen.

daStandard.at: Wie wurde die Auswahl der Titel getroffen?

Dittrich: Roumen und Nellie Evert haben die Auswahl getroffen. Zunächst begannen sie mit dem, was sie am besten kannten, also mit bulgarischen Autoren. Dann kamen die drei serbischen Autoren dazu, in Zusammenarbeit mit Traduki und S.Fischer-Stiftung. Die neun Autoren, die wir jetzt neu beantragt haben, wurden von der EU genehmigt, es sind bosnische, kroatische und bulgarische Autoren, und wir wollen noch Rumänien und Mazedonien dazu nehmen. Es ist ein langfristiges Projekt. Ob wir durchhalten, hängt maßgeblich davon ab, ob wir von den einzelnen Ländern unterstützt werden.

daStandard.at: Der Balkan ist ja kein klar abgegrenzter Raum. Wie definieren Sie ihn für sich in diesem Kontext? Müsste Griechenland nicht auch dazu gehören?

Dittrich: Doch, an Griechenland habe ich auch gedacht. Mein Problem als Verleger ist, dass ich die Sprachen des Balkans nicht spreche. Ich bin darauf angewiesen, mich beraten zu lassen, von den Übersetzern oder vom Übersetzungsnetzwerk Traduki. Das geht Schritt für Schritt.

daStandard.at: Wird Literatur vom Balkan in Österreich und Deutschland unterschiedlich rezipiert?

Dittrich: Man merkt einen deutlichen Unterschied, die Bücher werden hauptsächlich in Österreich besprochen. Berlin ist weit, weit weg vom Balkan, und die bulgarische Literatur, mit der wir begonnen haben, ist noch viel weiter weg als die serbische Literatur. Es ist schwierig in Deutschland, solche Bücher überhaupt in die Buchhandlungen zu bringen, ganz zu schweigen davon, dass sie rezensiert werden.

daStandard.at: Bei der Leipziger Buchmesse stand die Literatur aus Serbien aber im Fokus?

Dittrich: Ja, aber nur kurzzeitig. Dieser Effekt hielt nicht lange an, das Interesse ist wieder verpufft. Mit der Edition Balkan möchten wir eine Brücke bauen, in Deutschland Interesse für diese Literatur wecken, weil der Balkan sehr viel mit uns zu tun hat.

daStandard.at: Was zum Beispiel?

Dittrich: Für uns gab es nur Jugoslawien. Die Älteren kannten noch die einzelnen Länder, aber für uns gab es kein Kroatien, Bosnien oder Serbien, sondern nur Jugoslawien. Die heutigen Probleme in den Nachfolgestaaten kommen mir sehr bekannt vor, das erinnert an die Diskussionen in Deutschland in den fünfziger und sechziger Jahren, an die Frage nach der Kollektivschuld, die Aufarbeitung der Vergangenheit. Ich sehe in den Staaten des ehemaligen Jugoslawiens den Versuch zahlreicher Intellektueller und Schriftsteller, wieder aufeinander zuzugehen. Das ist spannend.

daStandard.at: Haben die Leser bestimmte thematische Erwartungen an die Literatur bzw. an die Literaturen vom Balkan? Erwartet man sich, dass es da um Krieg geht?

Dittrich: Nicht unbedingt. Ich denke, wenn man ein Interesse an diesen Ländern hat, möchte man sich mit qualitätvoller, zeitgenössischer Literatur beschäftigen, man möchte über diese Länder etwas erfahren, welche gesellschaftspolitischen Ereignisse dort wichtig sind, was dort thematisiert wird. Ich denke, es gibt beim interessierten Publikum einen Anspruch an ein literarisch hohes Niveau.

daStandard.at: Ist Wien ein gutes Pflaster, um Literatur vom Balkan zu präsentieren?

Dittrich: Das hoffe ich schon. Die Nähe zum Balkan ist hier gegeben.

daStandard.at: Welches Bild vom Balkan hat man in Deutschland?

Dittrich: Man hat ein sehr diffuses Bild vom Balkan. In der letzten Zeit sind die Serben die Bösen gewesen, während Deutschland mit Kroatien immer Verbindungen unterhielt. Kroatien wurde seinerzeit als erstes von Genscher als unabhängiger Staat anerkannt. Heute wird das sehr breit diskutiert, welche Auswirkungen diese rasche Anerkennung für Europa hatte. Kürzlich bin ich in Sarajevo gewesen, und wenn man die Kriegsschäden dort sieht, dann weiß man, da ist noch unglaublich viel zu tun. Die Aufarbeitung der Spannungen auf dem Balkan betrifft ganz Europa, und ich denke, mit Hilfe von Künstlern und Schriftstellern lässt sich diese Problematik leichter transportieren. (Mascha Dabić, 10. November 2011, daStandard.at)

 


Edition Balkan auf der Buch Wien 2011
Lesung und Gespräch mit Vladislav Bajac aus seinem in der editionBalkan im Dittrich Verlag erschienen Roman "Hamam Balkania".
12.11.2011, 10:45 Uhr

Links: 

Buch Wien 2011

Dittrich Verlag

  • Artikelbild
    foto: dittrich verlag
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