Land der Millionen Mopeds

10. November 2011, 16:56

Betriebsamkeit neben Orten der Stille und Kontemplation: Vietnam hat es geschafft, auch als boomende Touristendestination Charakter zu bewahren

Kai Speth ist eine imposante Erscheinung, imposant wie das Haus, das der deutsche Zwei-Meter-Mann seit drei Jahren leitet. Das Sofitel Metropole in Hanoi gilt als eine der ganz großen asiatischen Hotellegenden, bombastisch-selbstbewusste französische Kolonialarchitektur, riesige Ventilatoren, die sich träge in der schweren tropischen Luft an den Decken drehen, der blitzblaue Swimmingpool im Patio, endloses Luxusdrumherum und historische Anekdoten bis zum Abwinken: Charlie Chaplin, erzählt Speth, war hier (Hochzeitsreise), Graham Greene war hier (den Quiet American zu schreiben), und vom Cover eines alten Life-Magazins, das er in der Vitrine eines alten Schranks ausgestellt hat, blickt uns eine alte Bekannte an. Guten Tag, Jane Fonda! 1972, mitten im Vietnamkrieg, hatte "Hanoi Jane" das Sofitel Metrople zum Basislager einer privaten Polit-Mission erkoren. Für diesen Trip ist sie bis heute eine Hassfigur für jeden amerikanischen Hurrapatrioten geblieben.

Speth freut sich, dass er in Hanoi arbeitet, die asiatischen Megametropolen werden immer gesichtsloser, aber Hanoi hat Charakter bewahrt, sagt er, Charakter und Seele. Natürlich: Hotelmanager reden immer pro domo, aber was Speth sagt, hat etwas für sich. Die schönbrunnergelben (!) französischen Kolonialgebäude im Quartier Français südlich des Hoan-Kiem-Sees in der Stadtmitte. Die Altstadt mit dem Gewirr von Straßen und Sträßelchen, Garküche an Garküche, ein kunterbuntes Geschäftchen neben dem andern, prallvolle Warenlager, die klaftertief ins Innere der Gebäude reichen. Charakteristische, flunderartig plattgedrückte Häuser wachsen über drei Stöcke hinauf in den Himmel. Warum dieser spartanische, flächensparende Baustil, den man in der ganzen Stadt sieht?

Wegen der ebenfalls in den Himmel wachsenden Grundstückspreise. Denn: Boden in Vietnam wird teurer und teurer, unerschwinglich für den Normalbürger. Hanoi boomt, ganz Vietnam boomt. Nominell und dem Selbstverständnis der politischen Führung nach mag dies noch ein "sozialistisches" Land sein, aber wirtschaftlich brettert es seit der Öffnung in den 90er-Jahren im turbokapitalistischen Extremtempo dahin, genauso wie der reisige Nachbar China im Norden.

Gebrettert wird auch auf den Straßen Hanois, und dies nicht zu knapp. Viereinhalb Millionen Mopeds rattern durch die Sechseinhalb-Millionen-Metropole. Vom frühen Morgen bis in die späte Nacht hinein fetzt, röhrt, berserkert ein Geschwader nach dem anderen dahin, ohrenbetäubende Symbole eines energiegeladenen jungen Tigerstaates mit einer entfesselten Wirtschaftsdynamik. Existiert hier überhaupt so etwas wie eine Straßenverkehrsordnung? Wenn ja: Mit der österreichischen ist sie schwer vergleichbar.

Man braucht Trittsicherheit und Geistesgegenwart, um unbeschadet auf dem megaturbulenten Straßengürtel rund um den Hoan-Kiem-See zu bestehen. Ein Abstecher in den prächtigen Jadetempel auf einem Inselchen in der Mitte des Sees schafft eine kurze Auszeit (klassisches Kontrastprogramm "urbaner Hexenkessel" vs. "spiritueller Ort der Einkehr".) Im Kaffeehaus neben dem Wasserpuppentheater am nördlichen Ende des Sees wird exzellenter Kaffee kredenzt. Wer weiß schon, dass Vietnam, dem Exportvolumen nach, die zweitgrößte Kaffeenation der Welt nach Brasilien ist? Die Vietnamesen trinken ihr Gebräu gern mit picksüßer Kondensmilch aus der Dose. Es gibt auch die pechkohlrabenschwarze Variante, aber über Geschmack lässt sich ja streiten.

Zweiter Abschnitt unserer Reise: Zentralvietnam. Aufbruchstimmung auch hier, am weitläufigen Da Nang Beach. Da Nang war einst einer der größten Truppenstützpunkte der US-Army, dort stehen jetzt Hotelklötze für nostalgisch gestimmte GI-Urlauber. Tourismus heißt das Leitmotiv der Gegend, und Tourismus heißt hier: Sehr viel klotzen, kaum kleckern. Das Nam Hai ist eines der landesweit luxuriösesten Domizile für betuchte Urlauber aus aller Welt: Eine gigantische Hotelanlage mit hundert Villen, die hübsch symmetrisch zu beiden Seiten eines "Infinity Pools" gruppiert sind. Alles nach Feng-Shui-Prinzipien gebaut, begrünte Außenduschen, am Strand atemberaubende Aussichten auf das schiefergraue Meer, und außerdem gibt es einen großen Kräutergarten, in dem die Gäste für die hauseigenen Frühlingsrollenkochkurse selbst Chili und Koriander pflücken können.

Das Nam Hai ist auch Brückenkopf für einen Trip in das einen Katzensprung entfernte Hoi An: Seit 1999 ist der 75.000-Einwohner-Ort mit seinem schönen, als einziger im Krieg unzerstört gebliebenen Altstadtkern Unesco-Welterbe, und die Vietnamesen setzen ihren Ehrgeiz darauf, Hoi An zum Vorzeigeprojekt für eine gute Verbindung von Tourismus und Tradition zu machen: pittoreske Märkte, die berühmte japanische Brücke (Chua Cau), alte Wohnhäuser, viele freundliche Schneidermeister, die im Eiltempo Kleider, Hemden und Anzüge verfertigen, und in der Nacht das anmutige Lichtspiel hunderter Lampions, die, rot, gelb, grün, blau, in allen Farben, die Brücken und Uferpromenaden beleuchten. (Christoph Winder/DER STANDARD/Rondo/11.11.2011)

Kommentar posten
24 Postings
Frau Trudl
00
16.1.2012, 12:20
zum glück..

schreibt herr winder nicht für den lonly planet! viel ist hier nicht zu erfahren!

Peter Porsch
00
16.11.2011, 18:24
Rechts- oder Linksverkehr?

Man kann in Hanoi wochenlang am Straßenrand stehen und wird dennoch nicht herausfinden, ob es dort Rechts- oder Linksverkehr gibt. Man wird aber bald bemerken, wie rücksichtsvoll eigentlich gefahren wird und wie ungefährdet man als Fußgänger auch bei dichtestem Verkehr über breite Straßen gehen kann.

Rumo von Zamonien
05
14.11.2011, 10:15

http://tinyurl.com/ce2s8hf

"Top Gear Vietnam" wär auf einschlägigen Seiten zu suchen wenn man die ganze Episode sehen will....was man unbedingt sollte.
;-)

notanaddict
00
14.11.2011, 10:08

Ho Chi Minh City hat gefühlt eine doppelt so hohe Dichte an Mopeds auf den Straßen. Hanoi ist im Vergleich ein sanfter Einstieg in das Thema.

derNetzWolf
 
00
13.11.2011, 21:03
Der Verkehr gehört zu Vietnam wie das Jammern in Österreich

http://wolfgang-emerich.suite101.de/agent-ora... gen-a87195

El Bulli
84
11.11.2011, 16:36
Viereinhalb Millionen Mopeds rattern durch die Sechseinhalb-Millionen-Metropole.

gibts keine grünen, die sich berufen fühlen, dorthin zu fahren und die asiaten zum fahrrad zu bekehren, statt uns auf den wecker zu fallen?
mary, ein job für dich und deinen neuen fahrrad-politkommissar!!!

Loonquawl
00
15.11.2011, 11:44
lol du thinktank

hätten wir nur mopeds statt autos wäre wohl ein batzen unserer verkehrsprobleme mit einem schlag gelöst.

salaam aleikum
00
17.11.2011, 00:58
da sind sie vermutlich...

....mehr im irrtum, als ihnen selber klar ist.

Laiseka
00
12.11.2011, 19:03
Super!

Sie würden aber schauen (und hören), wenn die Radler in Wien auf einmal auf Mopeds umsteigen. Und die Unfallzahlen dann auch auf asiatischem Niveau wären... .

mephisto666
00
14.11.2011, 13:52

gerne, jeden selbstherrlichen radler, gegen 2-3 mopeds austauschen. sofort!

Das scheue Reh
00
11.11.2011, 23:01

Sie können ja hinfahren und den Menschen sagen, dass es viel vernünftiger ist mit dem Auto zu fahren.

Yangon ist übrigens ähnlich groß und dort gibt es überhaupt keine Mopeds.

meresi
00
11.11.2011, 07:15
hey...super...

ich übe gerade in rajahmundry das unfallfreie überqueren der straßen...dann kann ich ja anschließend nach hanoi und dort meine fähigkeiten demonstrieren...lol...

Dr Siri
00
11.11.2011, 03:27

nur ja nicht während der stosszeit in die arbeit bzw. nach hause fahren müssen. es gibt momente, wo man am liebsten sein motorrad mitten auf der strasse abstellen und es nie wieder sehen möchte. ganz zu schweigen von der guten luft.

Das scheue Reh
00
11.11.2011, 23:13

Ich bin zwar erst in Phnom Penh mit dem Motorrad gefahren, hab es aber nicht so schlimm gefunden.

Wirklich ungewohnt ist natürlich die art wie man Links abbiegt. Da fährt man echt echt wie ein Geisterfahrer auf hunderte Mopeds zu die einem entgegenkommen ...

Viel ärger habe ich aber den Verkehr in der Nähe von Phnom Penh gefunden. Da wird viel zu schnell gefahren und wenn es kracht, dann kracht es ordentlich. Langsamer fahren geht aber auch nicht wirklich weil man dann dauernd ohne Sicherheitsabstand überholt wird.

selmasupersad
 
07
10.11.2011, 20:49

von allen asiatischen städten, die ich bis jetzt kenne, ist mir hanoi die liebste. die vielen märkte (je nach tageszeit mit verschiedensten angeboten), zunftstraßen und garküchen (lieblingsessen: bun cha; viel gschmackiger als die überall gepriesene pho) sind wunderbar.

meine tipps: um ein paar dollar ein originales propaganda-poster aus der ho chi minh-ära kaufen (propaganda gallery in der altstadt von hanoi), die verschiedensten vietnamesischen biere trinken oder ganz früh aufstehen, um zu sehen, wie die vietnamesen um 5h in der früh mit tai chi auf dem gehsteig ihren tag beginnen.

planet error
00
11.11.2011, 09:52

yeah, bia ha noi ;-)

bia hanoi
03
11.11.2011, 10:38

so ist es!

selmasupersad
 
01
11.11.2011, 10:40

du schmeckst mir :-)

bia hanoi
00
11.11.2011, 10:52

Cam on.

selmasupersad
 
00
11.11.2011, 10:36

huda! ba ba ba! tiger!

Nessus
01
12.11.2011, 00:02
Nicht wirklich

schmeckt eher bitter. Ebenso kein Heuler: Quallensalat, Krokodil-Curry. Lecker: kalter Hunde-Aufschnitt

Rumo von Zamonien
00
14.11.2011, 10:21

Also Quallensalat hat mich positiv überrascht.
Liegt aber warscheinlich zu 99% an der Marinade.

Club-der-dichten-Toten
10
11.11.2011, 12:09

Hab ich vor vielen vielen Jahren (ich glaub' 1998 war's) aus China mitgenommen. Zudem eine Flasche mit Skorpionschnaps und drei getrocknete, aufgespannte Skorpione "zum Selberansetzen"...

Muss aber zu meiner Schande gestehen, ich hab den nie gekostet...

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