Leiterin von Reha-Zentrum für Autisten in Tirol verurteilt

9. November 2011, 19:35
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Geldstrafe für Therapeutin, die zwei Kinder einsperrte

Innsbruck - Wegen Freiheitsentziehung und versuchter "Bestimmung zur falschen Beweisaussage" ist die Leiterin eines Innsbrucker Rehabilitationszentrums für autistische Kinder am Mittwoch am Landesgericht Innsbruck zu 2800 Euro unbedingter Geldstrafe verurteilt worden. Die Frau soll einen vierjährigen autistischen Buben rund eine halbe Stunde lang in einem Therapiezimmer und einen Sechsjährigen für eine Stunde in einem abgedunkelten Raum eingesperrt haben. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Die Therapeutin soll zudem einen im Therapiezentrum beschäftigten Zivildiener aufgefordert haben, bei einer möglichen Befragung gegenüber der Polizei anzugeben, dass er "von nichts" wisse. Der als Zeuge geladene Zivildiener bestätigte vor Richter Andreas Mair diesen Vorfall. Vom ursprünglich in der Anklage erhobenen Vorwurf, den sechsjährigen Buben sowie einen Zwölfjährigen während eines "Sommerlagers" eine ganze Nacht lang ohne therapeutische Notwendigkeit in einem abgedunkelten Raum ohne WC eingesperrt zu haben, wurde die Beschuldigte hingegen freigesprochen.

"Keine geeignete Therapiemaßnahme"

Der Richter meinte in seiner Urteilsbegründung, jemanden (und sei es nur kurz) einzusperren, sei "keine geeignete Therapiemaßnahme". Die Schilderungen von damaligen Praktikanten im Prozess würden zudem darauf schließen lassen, dass die Kinder die Maßnahmen tatsächlich auch als Einsperren empfunden hätten. Einige frühere Mitarbeiter, großteils Studenten, hatten ausgesagt, dass die Kinder geweint und geschrien hätten. Sie seien mit den von der Leiterin angewandten Erziehungsmethoden oft nicht einverstanden gewesen, hätten sich aber aus Furcht vor Konsequenzen nicht getraut, dies offen anzusprechen. "Mitunter waren Kinder während einer Therapie auch zwei bis drei Stunden eingesperrt", sagte eine damals Beschäftigte aus.

Die Angeklagte, die auf einen Verteidiger verzichtet hatte, plädierte in allen Anklagepunkten auf "nicht schuldig". Sie habe niemals Kinder für längere Zeit eingesperrt und schon gar nicht in jenem abgedunkelten Raum. Den Sechsjährigen sowie den Zwölfjährigen habe sie nur für "circa drei Minuten" in der Früh eingeschlossen, weil sie weitere Kinder in einem anderen Raum waschen habe müssen.

Lizenz entzogen

Das Land Tirol hatte dem Betreuungszentrum im Oktober 2010 die Eignung entzogen. Ausschlaggebend für diesen Schritt war seinerzeit, dass Eltern und ehemalige Mitarbeiter schwere Vorwürfe über äußerst groben Umgang mit den dort behandelten Kindern erhoben hatten. Das Zentrum war bereits zuvor kritisiert worden. Etwa das Einwickeln von Kindern in Decken erschien Eltern zu grob. Im Jahr 2000 waren vom Land neue Qualitätsstandards für das Rehazentrum eingeführt worden. (APA, red, DER STANDARD, Printausgabe, 10.11.2011)

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