"Kleist, das ist der Chimborazo"

Interview9. November 2011, 19:03
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Ulrich Matthes über die schwierige Verfertigung eines Kleist-Textes beim Lesen

Ronald Pohl sprach mit dem Theater- und Filmschauspieler, der zu den begnadeten Kleist-Rezitatoren unserer Tage gehört.

STANDARD: Sind kalendarische Denkwürdigkeiten wie ein Kleist-Jahr zu irgendetwas nütze?

Matthes: Für mich persönlich nicht. Ich werde, was ich wirklich ehrenvoll finde, an der Stelle, an der Kleist erst Henriette Vogel und dann sich erschossen hat, am 21. November, um elf Vormittag - wahrscheinlich im Regen, unter einem Regenschirm -, am kleinen Wannsee etwas Kleist aufsagen. Die Vorstellung, das auf den Tag genau 200 Jahre nach Kleists Tod zu tun, berührt mich jetzt schon, insofern muss ich meine Bemerkung zurücknehmen. Für die Öffentlichkeit ist ein solches Jubiläum schon nützlich und gut, denn abgesehen von den Zwangsmaßnahmen einiger Deutschlehrer, die ihre Schüler in Kleist-Aufführungen hineinschleppen, ist es ein Anlass, sich mit dem anregendsten Dichter unserer Zunge, einem der bedeutendsten der ganzen Weltliteratur, wieder auseinanderzusetzen.

STANDARD: Ihre Hörbücher mit Kleist-Einspielungen sind tückisch. Ihr Sound vereint in sich Vernunft und Wohlklang. Das ist insofern ein wenig irreführend, als man beinah um die Schwierigkeiten der Kleist'schen Sprache geprellt wird. Jede flüchtige Lektüre zeigt schlagartig: Kleist ist mörderisch, seine Sprache ist wie von einem anderen Stern. Ein Problem?

Matthes: Die Gunddisposition, in der ein Michael Kohlhaas sich befindet, ist überhaupt nicht schwierig. Das kann jeder Gymnasiast sofort verstehen und auf sich selbst beziehen. Das Komplizierte ist nur, und das hat mich tatsächlich schlaflose Nächte gekostet, wie man diesen sprachlich so enorm anspruchsvollen Text so sprechen kann, dass man ihm mit einer gewissen Empathie und Neugier folgt. Das war harte Arbeit. Ich nehme seit langem Hörbücher auf. Kohlhaas und die Marquise von O... waren die vielleicht schwierigsten Aufgaben, die ich jemals zu bewältigen hatte. Warum? Dieses Kataraktische, Vorwärtsdrängende, Hochmusikalische will aufbewahrt sein. Die Musik kann man aber nicht so in den Vordergrund stellen, dass die Prosa zwar schön fließt, man aber ihren Sinn nicht mehr versteht. Der Text will sowohl intellektuell als auch musikalisch durchdrungen sein. In einem zweiten Schritt geht es darum, in der hohen Emotion eine Art Verhaltenheit zu ewahren: Im Lesen muss man das Emotionale zurückhalten, um wiederum den Text nicht auszuliefern. Sie sehen, es ist ganz schwierig zu beschreiben.

STANDARD: Man "verfertigt" den Text, indem man ihn liest oder vorträgt?

Matthes: Kleist hat innerhalb seiner vorwärtsdrängenden Erzählungen auch fantastische Dialoge geschrieben. Das epische Erzählen wird auf geradezu explodierende Weise unterbrochen durch schnelle, schroffe, hochemotionale Dialoge.

STANDARD: Wechselt Kleist nicht auch auf halsbrecherische Art die erlebte Rede mit der erzählten Rede ab? Oft weiß der Leser doch gar nicht mehr, wer hier was meint.

Matthes: Aus der Handwerksschule geplaudert: Mein Leseexemplar von Michael Kohlhaas ähnelte einem einzigen Schlachtfeld von Bleistiftstrichelchen, dicken und dünnen Schlangenlinien, Häkchen, Ausrufzeichen - eine einzige Partitur. Mir fiele höchstens noch Thomas Bernhard ein, dessen Texte ähnliche Partituren erfordern. Für Kleist gilt das aber in einem noch höheren Maße. Ich weiß noch, wie ich nach Beendigung der Kohlhaas-Einlesung schweißgebadet auf dem Hocker saß und dachte, den Chimborazo erstiegen zu haben. Der Versuch, Kleist zu bewältigen, ähnelt der Ersteigung eines sauerstofflosen Achttausenders.

STANDARD: Aus Kleist lässt sich kein moderner Verfassungspatriot, kein Musterdemokrat machen. Wenn man sein Leben so wie Sie anhand der Briefzeugnisse rekonstruiert, muss man sich da zusammennehmen: das Inkommensurable gelten lassen, die unliebsamen Züge dieses Menschen?

Matthes: Die Urbeschäftigung mit diesen Briefen für die szenische Lesung liegt ja schon lange zurück. Als ich mich Mitte der 1990er auf die Probebühne der Schaubühne zurückzog, dachte ich: Für das Zerklüftete, Disparate muss man eine Form finden, die während zweier Stunden vorhält. Man braucht eine gewisse Klarheit und eine Disparatheit zugleich. Diese Art von Anverwandlung und Widerstand im Wechsel - darum geht es. Als ich das Programm jetzt wieder aufnahm, fragte ich mich: Was hat das Leben mit dir in der Zwischenzeit gemacht? Mir erging es wie einem Pianisten, der sich eine alte Sonate wieder vornimmt. Heute lasse ich das Kostüm weg und betone das Zeitgenössische, das Heutige. Ich will nicht behaupten, in einem Akt der Identifikation Kleist zu sein. Ich muss einen Zipfel der Figur erhaschen. Die Reaktionen sind oft genug verblüffend: Immer wieder, obwohl es sich um Kleist handelt, reagieren Zuschauer so, dass sie sagen: Sie hätten das unabweisliche Gefühl, der Biografie eines Zeitgenossen begegnet zu sein. Es geht in dieser Biografie eines Ruhelosen darum, immer wieder mit dem eigenen Leben neu etwas anzufangen. Diese Art von Nähe, die Leute zu Kleist erfahren, ist überaus merkwürdig. Und sie belegt die "Zeitgenossenschaft" dieses merkwürdigen Genies.
(DER STANDARD, Printausgabe, 10.11.2011)

 

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    Ulrich Matthes: Schauspieler als Leistungssportler. Der 52-Jährige lebt in Berlin, wo er seit dem Jahr 2004 dem Ensemble des Deutschen Theaters angehört. Im Jahr 2008 erhielt er den Faust- Theaterpreis für seine überzeugende Darstellung in "Onkel Wanja". Unter den zahlreichen von ihm eingelesenen Hörbüchern ragen die Rezitation von Wladimir Nabokovs "Pnin" sowie seine Kleist-Interpretationen heraus ("Ein Lebensmonolog aus den Briefen", "Michael Kohlhaas").

     

  • Ernst Vollands visuelle Annäherung an Kleist: Betonung des Rätselhaften, zu sehen im Hof des Palais Lobkowitz in Wien.
    foto: theatermuseum

    Ernst Vollands visuelle Annäherung an Kleist: Betonung des Rätselhaften, zu sehen im Hof des Palais Lobkowitz in Wien.

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