Bildung in Beton gegossen

Kommentar der anderen9. November 2011, 18:47
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Man stelle sich vor, die Metallergewerkschaft wollte auch bestimmen, was in den Betrieben produziert wird - So verhält sich die Lehrervertretung in Österreich - Von Erwin Greiner

Nun ist der Beton also doch noch weich geworden: Fritz Neugebauer wurde offenbar von so vielen seiner Gewerkschaftskollegen gedrängt, noch einmal für den Chefposten in der Gewerkschaft Öffentlicher Dienst (Göd) zu kandidieren, dass er nicht umhin konnte, mit 67 Jahren seine wohlverdiente Pensionierung um weitere fünf Jahre zu verschieben. Da ohne die Göd in der österreichischen Bildungspolitik gar nichts geht, verheißt dies nichts Gutes.

Nicht die Kinder und Jugendlichen stehen im Mittelpunkt der Überlegungen der Göd, sondern reine Klientelpolitik. Wenn sich die Göd darauf beschränken würde, wäre dagegen ja an sich nichts einzuwenden. Der Staat gewährt der Gewerkschaft allerdings eine Rolle, die weit über ihre eigentlichen Aufgaben als Arbeitnehmervertretung hinaus geht.

Wäre es denkbar, dass z. B. in der Metallindustrie die Interessenvertretung nicht nur über anständige Arbeitsbedingungen und angemessene Entlohnung verhandelt, sondern auch noch festlegen will, was produziert wird? Genau das passiert im Schulbereich: Wir produzieren nicht die Ergebnisse, die ein gerechtes und effizientes Schulsystem erzielen sollte - und dies nicht wegen pädagogischen Unwillens der Schulbehörden, sondern weil sich das System in Geiselhaft von veränderungsunwilligen Blockierern befindet.

Widerliche Polemik

Auf schlimmem Argumentationsniveau reagiert etwa der Vorsitzende der AHS-LehrerInnengewerkschaft, Eckehard Quin, in seinem Blog unter dem Titel "Zum Kübe(r)ln" auf die sehr ernsthaften Gedanken, die sich Caritas-Präsident Franz Küberl zu der nachweisbaren Chancenungerechtigkeit im österreichischen Bildungswesen macht.

Es mag bezeichnend sein, dass Quin im Zusammenhang mit Pädagogik der Begriff "caritas" nicht einfällt. Bedeutet er doch "Nächstenliebe", "Fürsorge", "liebevolle Zuwendung". Haltungen also, die einem - noch dazu nach Eigendefinition christlichen - Gewerkschafter als Lehrer nicht schlecht anstehen würden, die aber in seiner Sicht auf Pädagogik offenbar nichts zu suchen haben.

Er interpretiert die Ergebnisse von Pisa 2009 unvollständig, wenn er verschweigt, dass in den "skandinavischen Gesamtschulländern" die Chancengerechtigkeit eine wesentlich höhere ist als in Österreich: Der Prozentsatz leistungsschwacher Schüler mit sozioökonomisch ungünstigem Hintergrund ist in Österreich fast vier Mal so groß wie in Finnland (8,2 gegenüber 2,2 Prozent) und fast doppelt so groß wie im OECD-Durchschnitt (4,4 Prozent).

Der Vergleich jener Schüler, die trotz eines sozioökonomisch ungünstigen Hintergrunds zu den Besten gehören, spricht ebenfalls eine deutliche Sprache: 4,9 Prozent in Österreich, 11,4 in Finnland.

Der frühere Wiener Landesschulratspräsident Kurt Scholz hat oft erwähnt, dass man in Österreich, sofern man Herkunft, Einkommen und Bildungsabschluss der Eltern kennt, mit 90-prozentiger Sicherheit den Bildungsweg des Nachwuchses voraussagen kann.

Niemand, der sich mit dem Thema "gemeinsame Schule" ernsthaft beschäftigt, wird Quin widersprechen, wenn er britische Comprehensive Schools kritisiert - wobei er unhinterfragt das Kriterium für die Auswahl der von ihm zitierten "Top 100 Schulen" übernimmt, nämlich die Anzahl der Absolventen, die einen Studienplatz in Oxford oder Cambridge erhalten. Dass dies fragwürdig ist, zeigt das Beispiel zweier Grammar Schools in England mit nahezu identischen A-Level-(also Abschlussprüfungs-)Resultaten: Während die Absolventen der einen Schule zu 65 Prozent an einer der 30 Top-Universitäten zu studieren begannen, waren es von der anderen nur 28 Prozent.

Es ist jedenfalls sehr einseitig, schlecht funktionierende Systeme (und selbst in Großbritannien gibt es gute Comprehensive Schools) als Beweis für das Versagen eines Konzepts heranzuziehen, ohne zu erwähnen, dass dieses Konzept anderswo sehr gut funktioniert - weil es eben "die Gesamtschule" als einheitliches Modell nicht gibt, sondern unzählige Varianten davon. Das wäre so, als würde man wegen der unqualifizierten, deplatzierten und anmaßenden Äußerungen Quins die Existenzberechtigung der Lehrergewerkschaft abstreiten.

Sieht man sich die Ergebnisse der österreichischen Schüler in internationalen Vergleichstests an (bei aller gebotenen Skepsis gegenüber diesen), so fällt es schwer, unser derzeitiges, zum falschen Zeitpunkt selektierendes Schulsystem als Erfolgsmodell zu bezeichnen. Genau das tun aber Quin und seine FraktionskollegInnen und verhindern, dass Kinder und Jugendliche, egal mit welchem ethnischen und sozioökonomischen Hintergrund, das erhalten, was zum Beispiel in den Leitlinien des finnischen Bildungssystems festgeschrieben ist: "Jedem Kind ist die Möglichkeit zur Bildung und zur Persönlichkeitsentwicklung entsprechend seinen Fähigkeiten, unabhängig von Wohnort, Sprache und Vermögensverhältnissen gewährleistet."

Um Quins abschließende Frage abzuwandeln: Was ist in einer verantwortungsvollen Standesver- tretung schlimmer, Lüge oder Dummheit? Es ist unerträglich, wenn der oberste gewerkschaftliche Vertreter der AHS-Lehrer Menschen, die nicht seiner Meinung sind, abkanzelt. Daher trete ich nach Jahrzehnten schweren Herzens aus der Gewerkschaft aus. Ich werde Herrn Quin nicht fehlen - er mir auch nicht. Was mir sehr wohl fehlen wird, ist die Mitgliedschaft in einer Interessenvertretung, die diesen Namen tatsächlich verdient. (Erwin Greiner, DER STANDARD, Printausgabe, 10.11.2011)

ERWIN GREINER ist ehemaliger AHS-Direktor in Wien.

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