Flakturmkletterer in Wien befürchten den Absturz

9. November 2011, 18:50
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Hoher Energiebedarf im Haus des Meeres könnte für Kletterer an der Fassade das Aus bringen: Eine geplante Trafostation würde den Kletterbereich verkleinern

Wien - Christoph Jung glaubt, dass "die Sache gelaufen ist. Das war lang und gut geplant - und gut abgesprochen." Auch, dass man ihm, dem Leiter der Kletteranlage am Flakturm im Wiener Esterhazypark, erst zu Saisonschluss eröffnete, dass sein Klettergarten nächstes Jahr deutlich kleiner sein solle, "ist kein Zufall: Jetzt ist es schwieriger, der Öffentlichkeit zu erklären, wieso das eine existenzielle Bedrohung ist."

Ohne laufenden Kletterbetrieb klingt das, was das Haus des Meeres, der Betreiber des Turmes, plant, tatsächlich nicht allzu dramatisch: Der Energiebedarf der Aquarienbetreiber ist immens. Um Stromengpässe in der Umgebung zu vermeiden, muss eine Trafostation errichtet werden, bedauert Haus-des-Meeres-Geschäftsführer Hans Köppen: "Jede andere Lösung wäre uns lieber. Aber laut Wien Energie gibt es keine Alternative."

Trafo ab Sommer 2012

Die 100.000 Euro teure Station soll im Sommer in Betrieb sein - und wird aller Voraussicht nach stehen, wo Großstädter im Freien Wände hochgehen können: dort, wo der Alpenverein seit zwölf Jahren auf Basis eines jederzeit kündbaren "Präkariumsvertrages" die Stadt zum Berg macht.

Freilich: Unmittelbar betroffen wäre nicht die spektakuläre, europaweit bekannte und auch von Profis als Fotokulisse geschätzte "Südwand" mit tollem Blick über Wien, sondern die "Boulderzone" unter dem Tropenhaus-Zubau: Hier wird über Matten an der Technik gefeilt. Für Kletterer ist dieses Training unverzichtbar.

Köppen versteht die Aufregung aber nicht: "Wir brauchen ja nicht die ganze Breite, sondern nur fünf Meter." Genau genommen gehe "gar keine Kletterfläche verloren: Beim Trafo schwenken wir die Kletterwand eben um 90 Grad."

Sturz- und Aufenthaltszone

So einfach, entgegnet Jung, sei die Sache nicht. "Wenn im Eck einer abrutscht, nimmt er den in der anderen Wand mit." Die Sicherheitsvorschriften seien eindeutig. Eine Verschwenkung hieße auch, die Sturzmatten zu verlegen - auf Kosten der Aufenthaltsbereiche. "Dann setzt die Behörde die Besucherzahl runter." Jung rechnet mit "bis zu einem Drittel. Wirtschaftlich wäre das dann das Aus."

Alternativen gäbe es - wäre da nicht die Politik: Haus-des-Meeres-Chef Köppen wäre nämlich "jeder Standort recht, wir gäben auch unsere Parkplätze beim Turm her". Doch der Bezirk winkt kategorisch ab: Die Parkfläche des Esterhazyparks anzugreifen sei "undenkbar", so Mariahilfs amtsführende Bezirkschefin Vlasta Osterauer-Novak (SP). "Parkfläche" ist für sie auch die Betonfläche vor dem Betonkoloss. Ein wenig abseits bauen? "Das gäbe eine Riesenbaustelle: Sicher nicht!" Ideal wäre "ein bereits eingezäunter Bereich". Sprich: die Kletterzone.

Im gleichen Atemzug schränkt die Bezirkspolitikerin dieses Fazit aber wieder ein: Davon, dass der Trafo im Kletterbereich beschlossene Sache sei, könne "keine Rede sein: Es gibt weder Zeitplan noch Zeitdruck." Sie warte, betont sie im Gespräch mit dem Standard, auf "Vorschläge von Alpenverein und Haus des Meeres. Denn es kann nur eine Variante kommen, mit der alle gut leben können."

Für Kletteranlagenchef Jung ist diese Aussage freilich neu: "Uns wurde das so präsentiert, als sei das eine beschlossene Sache." (Thomas Rottenberg, DER STANDARD, Printausgabe, 10.11.2011)

  • Wenn der Berg in die Stadt kommt: Der Flakturm in Mariahilf ist eine der wenigen Möglichkeiten, mitten in einer Stadt legal im Freien zu klettern. Nun könnte das Aus drohen.
    foto: mammut/rainer eder

    Wenn der Berg in die Stadt kommt: Der Flakturm in Mariahilf ist eine der wenigen Möglichkeiten, mitten in einer Stadt legal im Freien zu klettern. Nun könnte das Aus drohen.

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