Nachfolge im Parlament

Der Spielplatz der alten Männer

Analyse | Gianluca Wallisch, 9. November 2011, 20:46

Jahrzehntelang ließen Berlusconi & Co keine Nachfolgedebatte zu - das rächt sich jetzt

Der Abgang von Silvio Berlusconi war lang gefordert worden - nun ist er da, und niemand weiß so recht, wie es weitergehen soll. Die Regierungspartei PDL nicht, sie musste bis zuletzt auf ihren absolutistischen Chef setzen; und auch nicht die Opposition, die zwar beachtliche Kritikerqualitäten entwickeln, aber nicht vermitteln kann, wie man aus der "von den anderen" verursachten Misere wieder herauskommen kann.

Dabei geht es nicht nur um Eurokrise und Staatsverschuldung - ohne Zweifel schwerwiegende "hard facts" . Prekär ist es um die Zukunft der Politik in Italien aus anderen Gründen bestellt: Das Land wird von älteren Herren regiert - allen voran Silvio Berlusconi (75) -, die jahrzehntelang Macht und Einfluss auf sich vereinen konnten und niemandem aus der jüngeren Garde auch nur Brösel übrigließen.

Wenn nun Berlusconi - diesmal wohl endgültig - abdankt, dann hinterlässt er eine Wüste, auch personell. Seine Partei, euphemistisch "Volk der Freiheit" genannt, diente letztlich immer nur Berlusconi. Programm war und ist, was ihm hilft. Nichts anderes. Sein Gefolge besteht in der Mehrheit nicht aus Fachleuten, sondern aus Karrieristen, die einen Platz an der Sonne wollten. Silvio wollte und hatte das Geld - also machte man.

Erst in letzter Zeit machte sich Berlusconi Gedanken über seine Nachfolge und ernannte den Juristen Angelino Alfano (40) zu seinem Nachfolger als Parteichef.

Aber Berlusconi ist nicht der einzige Vertreter der italienischen Gerontokratie: Während 70- und 80-Jährige andernorts längst ihre Polit-Pension beziehen, sind deren italienische Altersgenossen noch immer hoch aktiv. Eine Besonderheit des italienischen Parlamentarismus sind die Senatoren auf Lebenszeit, derer es bis Mittwoch sechs gab - imAlter von 85 bis 98 Jahren. Staatspräsident Giorgio Napolitano ernannte nun einen weiteren: Ex-EU-Kommissar Mario Monti. Politische Beobachter werten das als Signal dafür, dass der 68-jährige Wirtschaftsexperte eine technokratische Übergangsregierung anführen könnte. Auch der Alternativkandidat, Ex-Premier Giuliano Amato, ist bereits 73.

Sehr große Hoffnungen ruhen nun auf Napolitano. Der 86-Jährige, in Italien so beliebt, wie es sonst nur die "nonni" (Großväter) sind, ist einer der Keyplayer der nächsten Wochen und Monate.

Sollte es die PDL überraschend schaffen, ohne Berlusconi weiterregieren zu dürfen, wäre wohl Gianni Letta ein Premier-Kandidat. Der 76-Jährige ist aber kein Signal für eine Erneuerung Italiens, zu sehr ist er seit Jahrzehnten mit Berlusconi verbandelt.

Lost Generation

Eine Chance für die junge Politikergeneration gibt es wohl nur bei später stattfindenden Neuwahlen. Alfano könnte es dann mit Matteo Renzi (36) zu tun bekommen. Dem Mitte-links-Bürgermeister von Florenz wird ein starker Zug zur Macht nachgesagt. Doch zuerst müsste er sich gegen Oppositionsführer Pier Luigi Bersani (60) durchsetzen.

Und was ist mit jenen Politikern, die sich in den vergangenen Jahren an Berlusconi die Zähne ausbissen? Gianfranco Fini (59), Francesco Rutelli (56), Pier Ferdinando Casini (55) - sie alle gehören einer verlorenen Generation an. Fini versuchte 2010 den Befreiungsschlag, indem er mit Berlusconi brach - und scheiterte.

Dass Italien noch einmal von jemandem aus dem Berlusconi-Clan regiert wird, ist unwahrscheinlich. Weder Tochter Marina (45) noch Sohn Pier Silvio (42) zieht es in die Politik. "Sie würden kein einziges Interview überleben" , erklärte der Publizist Piero Colaprico kürzlich imGespräch mit dem Standard. Die Familie wird steinreich bleiben, sich aber künftig nicht mehr selbst die Finger schmutzig machen.

Und die Frauen? Während mittlerweile sogar in Spanien Frauenquoten von 50 Prozent in der Regierung selbstverständlich sind, hat die Diskussion darüber in Italien gerade erst zaghaft begonnen. Das Potenzial wäre zweifellos da, doch die meisten engagierten Politikerinnen kommen bisher nicht weiter als auf Lokal- und Regionalebene. Dass Ministerinnen auf Berlusconis Regierungsbank bisher eher wie Aufputz wirkten, gehört ebenfalls zu den Signaturen seiner gescheiterten Politik. (DER STANDARD Printausgabe, 10.11.2011)

W s
10
10.11.2011, 07:30

Wenigstens kommt sicher kein Linker.

byron sully
10
10.11.2011, 01:54

"Eine Besonderheit des italienischen Parlamentarismus sind die Senatoren auf Lebenszeit, derer es bis Mittwoch sechs gab - imAlter von 85 bis 98 Jahren."

falsch, die älteste ist die 102jährige rita levi-montalcini :-)
ich find die senatorInnen auf lebenszeit zwar auch etwas antiquiert, dennoch ist mir so was noch viel lieber als z.b. das britische house of lords, dessen demokratische legitimität aus meiner sicht viel fragwürdiger ist.

Poldi Fesch
00
10.11.2011, 11:17
der Unterschied ist

aber eher akademisch
Margherita Hack ist aber auch kein "Lapperl", hat bei den Regionalwahlen 2010 noch kanditiert

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