Italien-Krise heizt Spekulation über Eurozone-Zerfall an

9. November 2011, 17:50
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Zinsen auf Staatsanleihen steigen trotz EZB-Intervention auf über sieben Prozent

Angesichts der erneut gestiegenen Zinsen auf Staatsanleihen mehren sich die Anzeichen, die auf ein Hilfsprogramm für Italien hinweisen. Die Europäische Zentralbank hat ihre Anleihenkäufe ausgedehnt.

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Der immer für markige Sprüche gute Ryanair-Chef Micheal O'Leary freut sich schon auf die Drachme: Eine Rückkehr zur alten Währung würde Griechenland dank der damit verbundenen massiven Abwertung zu einem Tourismus-Boom verhelfen. Ryanair hat jedenfalls schon einmal die Aufnahme neuer Linienflüge nach Hellas fixiert.

Doch Griechenland ist bei weitem nicht das größte Sorgenkind der Eurozone. Vielmehr haben die politischen Wirren und Eskapaden an den Finanzmärkten in Italien dafür gesorgt, dass auch die Lira in aller Munde ist. So überzogen diese Spekulationen sein mögen: Wie Rom seine Schulden im Ausmaß von knapp 2000 Milliarden Euro refinanzieren will, ist angesichts der steigenden Kreditkosten die derzeit brennendste Frage der Währungsunion. Allein im kommenden Jahr muss Italien 400 Milliarden Euro an den Kapitalmärkten aufnehmen.

Zinsen steigen weiter

Die Zinsen für zehnjährige Staatsanleihen sind am Mittwoch vorübergehend auf den Rekordwert von mehr als 7,4 Prozent geklettert. Erschwerend kommt hinzu, dass eine Abwicklungsstelle Italo-Bonds nur noch mit höheren Preisabschlägen als Sicherheit für Wertpapiergeschäfte akzeptiert. Von den hohen Zinsen wird Italien nicht so rasch herunterkommen, meint die Barclays Bank und verweist auf die Geschichte Griechenlands, Irlands und Portugals, die nach einem Anstieg der Renditen unter den Euro-Schutzschirm schlüpfen mussten. "Für Italien gibt es möglicherweise keine Umkehr mehr."

Der Anstieg der Kreditzinsen hält an, obwohl die Europäische Zentralbank laut Händlerangaben Milliarden zur Stützung in den italienischen Markt pumpt. Dekabank-Chefvolkswirt Ulrich Kater schätzt, dass die EZB allein diese Woche Staatsanleihen um einen "niedrigen zweistelligen Milliardenbetrag" kauft. Er rechnet im Gespräch mit dem Standard damit, dass der Währungsfonds Rom noch bis Ende der Woche mit einer Kreditlinie zur Seite springen werde.

"Zugunglück in Zeitlupe"

Andere Beobachter sehen eine noch dramatischere Entwicklung. Nouriel Roubini, für seinen Pessimismus berühmt-berüchtigter US-Starökonom, sieht eine "signifikante Gefahr", dass die Eurozone auseinanderbrechen könnte. Roubini glaubt, dass die EZB wegen des deutschen Widerstands nicht ausreichend Mittel in die Abwehr der Attacken steckt, weshalb die Eurozone sich "wie ein Zugunglück in Zeitlupe" in Richtung Crash bewege. Er rechnet mit dem Euro-Austritt Italiens, Spaniens, Griechenlands und Portugals. Und auch Nobelpreisträger Paul Krugman stellte seinen Blog in der New York Times unter den Titel: "This is the way the Euro ends". (So geht der Euro zu Ende.)

Er glaubt nicht, dass die europäische Politik in der Lage ist, das Scheitern der Währungsunion zu verhindern. Nicht gerade optimistisch stimmen die jüngsten Schwierigkeiten des Euro-Rettungsfonds EFSF: Sein Chef Klaus Regling stieß bei einer Asientour auf lediglich verhaltene Bereitschaft, in den Fonds zu investieren. Prompt musste er zu Wochenbeginn 3,6 Prozent für die Begebung zehnjähriger Anleihen hinblättern, mit denen Mittel für die Irland-Hilfe gesammelt werden: Die Kreditkosten des EFSF sind damit doppelt so hoch wie jene Deutschlands.

IHS-Chef Bernhard Felderer verweist darauf, dass auch Österreich von der Italienkrise in Mitleidenschaft gezogen werde. Sollte Rom die Situation nicht meistern, könnte sich auch die heimische Kreditaufnahme verteuern. Der Ökonom verweist auf bereits angestiegene Kosten für die Versicherung österreichischer Staatsanleihen durch Credit Default Swaps (CDS; rechts stehende Grafik). Unter den mit einem AAA ausgezeichneten Top-Schuldnern sei nur das Risiko Frankreichs höher. Auch die Bonitätsstufe AAA selbst sei in Gefahr, meint Felderer. Die Ratingagenturen Moody's und Standard & Poor's sondierten die Lage in Österreich gerade.

Wie die meisten Volkswirte glaubt auch der IHS-Chef nicht daran, dass Italien wegen der enormen Verschuldung vom EFSF aufgefangen werden könne. (Andreas Schnauder, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10.11.2011)

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