Anleitung zum Untergang

Interview10. November 2011, 19:01
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Wie man mit Würde in den Abgrund schreitet und wieso die Chefetage das natürliche Habitat des Betriebs­desasters ist, weiß Kabarettist Christian Pongratz

Das Betriebsdesaster versteht Autor Christian Pongratz als eine umfassende Anleitung zum unternehmerischen Untergang. Ans Herz legt der studierte Betriebswirt und Jurist sein jüngst erschienenes gleichnamiges Buch Menschen, die in Organisationen der privaten und öffentlichen Wirtschaft arbeiten und täglich zweifeln, ob das Maximum bereits erreicht ist oder ob sich das Chaos nicht doch noch steigern ließe.

derStandard.at: Stammt die Anleitung zum Untergang aus eigener Erfahrung?

Christian Pongratz: Ja. Das Jobdesaster war mein persönlicher Weg der Erkenntnis auf der Suche nach sinnvoller Beschäftigung. Bei den anderen Desastern war ich interessierter Beobachter, meist mittendrin, statt nur dabei. Für das Buch habe ich meine Erfahrungen poliert und gespitzt, um die Szenarien eindeutiger darstellen zu können.

derStandard.at: Wem würden Sie sie derzeit am meisten ans Herz legen?

Pongratz: Ich empfehle die Lektüre allen Menschen, die in Organisationen arbeiten. Man kann nicht früh genug damit beginnen, eigene Kompetenzen für das Chaos und den Untergang zu entwickeln.

derStandard.at: Wer und was sorgt denn im Durchschnittsunternehmen für den nachhaltigsten Misserfolg?

Pongratz: Die Führungskräfte. Diese haben die beste Möglichkeit, Infernos und Fiaskos durch Skaleneffekte und Vorbildwirkung zu vergrößern. Der nächstbeste Mitarbeiter orientiert sich am Chef und der Gruppenzwang lässt alle mitmachen. Der Untergang beginnt wie beim füllen einer Sektglas-Pyramide an der Spitze und fließt bis zur Basis.

derStandard.at: Sind die Großen besser als die Kleinen?

Pongratz: Eindeutiges Ja. Große Unternehmen haben die zusätzliche Eigenschaft, geheime Intrigen und Verschwörungen zu ermöglichen, die in kleinen Betrieben deutlich früher aufgedeckt würden. Hierbei helfen die Anonymität und der Schutz der Masse, in deren Aura auch ein ängstlicher Einzelner zum Schreibtischtäter werden kann. Die Intrige wird zur Waffe der ansonsten Macht- und Mutlosen.

derStandard.at: Sie haben eindrückliche Kategorien wie Anleitung zum Auslagerungsdebakel, zum Kommunikationsinferno, zum Umgang mit Blendern, zur Verwaltungsexplosion, zum Nullumsatz, zur Mitarbeiterdemotivation – gibt es einen Bereich, an dem Sie ein gutes Haar lassen können?

Pongratz: Nein. Das Betriebsdesaster ist überall zu Hause. Am wohlsten fühlt es sich selbstverständlich in den Etagen der Führungskräfte, dem natürlichen Habitat des Desasters. Mitunter finden sich auch Inseln der Vernunft und Selbstkritik, doch diese gilt es zu versenken, wenn man sich dem Betriebsdesaster strategisch nähert.

derStandard.at: Was das Herumwurschteln an sich betrifft: Sehen Sie branchenspezifische Unterschiede oder ist das eher eine Frage der UnternehmerInnentypen?

Pongratz: Nochmals: Das Betriebsdesaster ist überall zu Hause! Man benötigt lediglich den richtigen Boss und ab geht die Post. Jede Branche kann mitmachen, jeder bekommt seine Chance auf den Untergang. Spätestens seit Erscheinen des Buches hat niemand mehr eine Entschuldigung dafür, dass er noch Gewinne macht. Wer sich für den Untergang bereits entschieden hat und trotzdem noch am Markt ist, dem kann geholfen werden. Jetzt gibt es die Anleitung, um mit Würde und mit einfachen Schritten in den Abgrund zu schreiten.

derStandard.at: War früher alles besser oder mit anderen Worten, ist der Stress am Unvermögen mancher Unternehmen schuld? Das Nichtwissen? Die falsche Bildung?

Pongratz: Wie es früher war, will ich nicht beurteilen. Aktuell wird das Betriebsdesaster vom Wunsch nach schnellen Lösungen für meist monetäre Ziele oder dem Streben nach unlimitiertem Selbstvertrauen genährt. Dem spielt eine Erwartungshaltung in die Hände, dass für jeden immer alles möglich sei und man unter Zuhilfenahme der richtigen Tricks es bis an die Spitze schaffen könne. Wer sich für den nächsten Welt-Zampano hält und auch sein Auftreten und seine Selbsteinschätzung dieser Annahme angleicht, hat den Startschuss für das eigene Desaster gegeben.

derStandard.at: Sie probieren es mit Humor – ist der in der Wirtschaft gefragt?

Pongratz: Humor in der Beratung ist gefragt, solange die Ergebnisse stimmen. Arbeit darf auch lustig sein. Wenn es aber hart auf hart geht, stört Humor nicht nur, sondern wirkt auch dem gewünschten Ergebnis entgegen. Kein Feuerwehrmann würde seinem Kollegen während eines gefährlichen Einsatzes den neuesten Witz erzählen. Da zählen Konzentration und Spitzenleistung.

derStandard.at: Wie schaut es mit dem Nachwuchs aus? Ist der lernfähig und von wem soll er was lernen?

Pongratz: Ich behaupte, dass der Nachwuchs noch viel besser ist, als sein Ruf, denn ich zähle mich ja selber noch zum Nachwuchs. Man kann immer etwas zum Nörgeln finden, wenn man nur lange genug danach sucht. Einer meiner erfolgreichsten Kunden hat mir erklärt, dass er selbst in den Augen der anderen nie das richtige Alter hatte: Zuerst war er zu jung und zu unerfahren, bis er dann schlagartig zu alt und zu wenig dynamisch wurde. In Wirklichkeit hat er ein Leben lang in jeder Altersstufe ausgezeichnete Geschäfte gemacht. Lernen kann man von jedem. Entweder lernt man, wie man es schafft, oder wie man es besser nicht angeht.

derStandard.at: Sie wissen ja offenbar sehr viel über die Fallstricke – wie würde ein Unternehmen ausschauen, dass Sie selbst gründen?

Pongratz: Eine unsportliche Frage, da Sie meine bestehende Tätigkeit offenbar nicht als unternehmerisch anerkennen, aber ok...

derStandard.at: Touché. Bitte dennoch um Ihre Regeln.

Pongratz: Erstens: Es gibt eine Person für das Unternehmen, deren ausschließliche Aufgabe es ist, die Entscheidungen, Ansichten und Tätigkeiten der Geschäftsführung in Frage zu stellen, vergleichbar mit einem Hofnarren, der alles sagen darf. Das könnte am ehesten die Aufgabe eines externen Beraters sein. Zweitens: Besprechungen werden durch Externe moderiert. Drittens: Wer keinen Fehler macht, der arbeitet nicht. Viertens: Einmal kann passieren, zweimal ist echtes Pech, dreimal ist eine Verschwörung. Fünftens: Wir arbeiten mit vollem Einsatz, und zwar alle. Sechstens: Jeder – auch der Chef – darf sich irren. Siebtens: Wir sind per Du. Achtens: Wir sind nicht perfekt, können aber nach Spitzenleistung streben. Neuntens: Genauigkeit geht vor Geschwindigkeit. Zehntens: Alles wird vorübergehen.(Anm.: Die Toten Hosen)

derStandard.at: Gibt es Fälle, wo Sie von Anfang an sehen, da ist Hopfen und Malz verloren, also Menschen, denen Sie lieber raten würden, ganz und gar ihre Finger von der Wirtschaftswelt zu lassen?

Pongratz: Nein. Jeder, der die Grundrechnungsarten beherrscht hat eine realistische Chance. Ich habe gesehen, wie Menschen mit völlig widersprüchlichen Ansätzen nachhaltig Gewinne machten. Nicht bei jedem vermochte ich zu erkennen, dass er auch ein glückliches Leben führte. Wer Erfolg ausschließlich in Geld oder Besitz misst, hat möglicherweise noch nicht alle Dimensionen dieses Begriffes wahrgenommen. Deshalb auch meine Anleitung zur Selbstzerstörung am Ende des Buches. Wer eigene Kompetenzen durch Konsum substituiert, weil er es sich leisten kann, wird sich in diesem Kapitel wiederfinden. (Regina Bruckner, derStandard.at, 10.11.2011)

Christian A. Pongratz, geboren 1973 in Klagenfurt/Kärnten, studierte Rechtswissenschaften und Betriebswirtschaftslehre, hatte u.a. eine Gastprofessor an der Università Commerciale Luigi Bocconi in Mailand und war Lektor an der Donau-Uni Krems (Österreich). Er ist als Unternehmensberater (durchdacht.cc) und Wirtschaftskabarettist (betriebsdesaster.cc) in Österreich, Deutschland und Italien zugange.

  • Hier sinkt Gottseidank nur ein Modellschiff - aber auch das war vermutlich ein Desaster...
    foto: epa

    Hier sinkt Gottseidank nur ein Modellschiff - aber auch das war vermutlich ein Desaster...

  • ...für ein Betriebsdesaster gibt es mittlerweile hingegen eine präzise Anleitung.

    ...für ein Betriebsdesaster gibt es mittlerweile hingegen eine präzise Anleitung.

  • Christian Pongratz: "Wer sich für den Untergang bereits entschieden hat und trotzdem noch am Markt ist, dem kann geholfen werden."
    foto: privat

    Christian Pongratz: "Wer sich für den Untergang bereits entschieden hat und trotzdem noch am Markt ist, dem kann geholfen werden."

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