Ein zartes Pflänzchen der Demokratie

Johnny Erling aus Peking, 10. November 2011, 06:15

Bei den Lokalwahlen in China gibt es etwa ein Viertel mehr Kandidaten als wählbare Plätze - In Peking versuchten von knapp 22.000 Bewerbern rund 30 Unabhängige ihr Glück

Fast alles, was beim Wählen wichtig ist, ist rot. Die Staatsfahne Chinas ebenso wie die Wahlurne, über der sie hängt. Die Revolutionsfarbe beherrscht den mit sozialistischen Parolen geschmückten Versammlungssaal im Straßenviertel Bajiao Beili tief im Westen Pekings. Bis 22 Uhr können die 2794 Wahlberechtigten des Stadtteils ihre Stimmen für die neuen Vertreter abgegeben. Unter vier Kandidaten dürfen sie drei bestimmen, die sie fünf Jahre in den lokalen Bezirks-Volkskongress von Shijingshan schicken wollen.

Zufrieden verkündet Wahlleiterin Xie Yinghong Mittwochfrüh das Ergebnis: 2729 oder 97,7 Prozent haben abgestimmt. Gewählt wird sehr chinesisch. Um einen Kandidaten zu unterstützen, muss ein Kreis neben dessen Namen gemalt werden. Ihn anzukreuzen bedeutet, ihn abzulehnen.

Sanft nachgeholfen

Der Wahlbegeisterung wird sanft nachgeholfen. Eine lange Wählerschlange entpuppt sich als komplette Belegschaft einer in Bajiao ansässigen Firma. Alle haben eine Stunde Arbeitspause erhalten, damit sie wählen gehen.

So wie in Bajiao geht es in allen Kreisen und Landgemeinden Pekings zu. 21.760 Kandidaten stellen sich für die lokalen Volkskongresse zur Wahl. Überall sind ein Viertel mehr Kandidaten aufgestellt, als gewählt werden dürfen. Am Mittwoch gibt es dann 14.290 neue lokale Volksvertreter.

Im Mai haben Chinas Lokalwahlen begonnen. Es dauert fast ein Jahr, bevor alle 31 Provinzen abgestimmt haben. 900 Millionen Bürger werden mobilisiert, um zwei Millionen Lokaldeputierte für 30.000 Gemeinde- und 2000 Bezirkparlamente zu wählen. Alle Kandidaten sind entweder von der Partei, Verbänden oder Arbeitsstätten bis Universitäten nominiert und von den Wahlkomitees bestätigt worden.

Dazwischen aber sprießt ein demokratisches Pflänzchen. Die erste Riege unabhängiger Kandidaten, Akademiker, Anwälte, Bauernaktivisten, läuft sich warm. Vor zehn Jahren entwickelte sich die neue Bewegung, als das Wahlgesetz eine Kandidatur nur von der Unterstützung durch mindestens zehn Wahlberechtigte abhängig machte. Seither versuchen Aktivisten ihr Glück. Im Internet und in Mikroblogs wird der Ruf nach echten Volksvertretern lauter.

Für die Pekinger Wahlen kandidierten rund 30 unabhängige Bewerber, sagt der an der Universität Beida arbeitende Jurist Xiong Wei. Von ihnen konnte nur die bäuerliche Aktivistin Xu Xiangyu im Daxing-Distrikt auf die Wahlliste kommen. Sie verlor die Wahl. Andere Kandidaten scheiterten schon vorher an Schikanen der Behörden. Auch Xiong Wei, unabhängiger Kandidat im Stadtteil Haidian, kam zwar auf einen Listenplatz, nicht aber auf die endgültige Wahlliste. Er vertraut dennoch auf die Zukunft und die Macht der Aufklärung: "Wir haben jetzt einen Anfang gemacht." (DER STANDARD Printausgabe/10.11.2011)

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Posting 1 bis 25 von 27
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Horstl Schorschl
00
14.11.2011, 06:39
Wenn China ein zartes Pflänzchen der Demokratie ist, dann war Nazi Deutschland...

ein zartes Pflänzchen der Freiheit.

Selten soviel Schmarrn gelesen.

Danke lieber Standard.

der Rabe
06
10.11.2011, 16:33
Was ist denn Demokratie?

In der Schule haben sie auf den Osten verwiesen, um uns das Gegenteil von Demokratie zu zeigen.
Wir durften wählen.
Den Osten gibts nicht mehr in dieser Form, und die naive Sicht auf Systeme pflegt auch keinE LehrerIn mehr.
Wer heute einen arbeitsplatz hat, gibt beim Betreten des Unternehmens die demokratischen Rechte ab.
Wer wählt, ist ernüchtert über das, woraus er/sie auswählen kann. Die wichtigen Posten vergibt ohnehin die ÖVP, auch wenn sie keine 20% mehr hat.
Und die Gewählten unterliegen dem Zwang der Märkte. Also wer beherrscht uns?

Können Wahlen etwas ändern - an der Macht der Märkte z.B.?
"Wenn Wahlen was ändern könnten, wären sie schon längst verboten."

In welchen Nischen bleibt uns Demokratie?

denke
00
10.11.2011, 14:57

Seltsam, wohin der Kommunismus letztlich führte.
Zur nordkoreanischen Erbmonarchie und zur chinesischen Aristrokatie

Hanns Ch.1
01
10.11.2011, 15:53
..genau...

in österreich passiert dasselbe ohne kommunismus.

byron sully
30
10.11.2011, 12:34

was heißt "unabhängige"? leute, die aus taktischen gründen extra kurzfristig für die wahl aus der kp ausgetreten sind, damit das regime zeigen kann, daß es in der volksrepublik auch ein paar pseudounabhängige gibt?

.MS.
05
10.11.2011, 11:15
Sie haben keine Wahl und gehen hin

Wir haben die Wahl und lassen es

YuandI
13
10.11.2011, 15:02
Was für eine Wahl

haben wir.

Im Prinzip besteht kein Unterschied zwischen den Parteien mehr.

Obwohl wir nicht so groß wären wie China, und mehr "direkte Demokratie" zulassen könnten, hausieren immer noch manche Parteien mit "Volksbegehren" herum, welche dann auch nicht richtig behandelt werden.

Ich vermute mal, Gebiete in China, welche so groß sind wie Österreich, vielleicht sogar demokratischer und mehr Mitbestimmung vorsehen, als bei uns.

Ist eine provokante These: aber ich will damit verdeutlichen, dass wir nicht einfach ein "demokratisches Konzept" über 1,3 Mrd Menschen drüberstülpen können, und wir, wie gesagt, auch noch nicht wirklich die Demokratie weiterentwickelt haben. -
Ich meine sogar, die EU, dann meine ich, dass wir in Richtung China.

erebos
01
10.11.2011, 12:34

So oder so ein interessantes Spiel um das Gefühl von Mitbestimmung und Chancen zu gewähren. Aber wenn man sich brav unterordnet und bestechung nicht abgeneigt ist, dann kann es mit der politischen Karriere sogar etwas werden.

soki3456
57
10.11.2011, 09:13

China geht richtung Demokratie (wers glaubt), die EU kommt davon wieder ab.

denke
00
10.11.2011, 14:59

Eine Alleinherrscher gibt es jedenfalls nicht

Der Schronk
44
10.11.2011, 09:48
Sollte die Europarisierung hier fehlschlagen,

und Europa von einem Haufen nationalistischer Straches regiert werden, zieh ich in 20 Jahren nach China.

NONE
00
10.11.2011, 13:44

Ohne Mandarin sprechen zu können?

Astroturfer_57
 
00
10.11.2011, 15:44
Es spricht nichts dagegen

Mandarin zu lernen.

Ganz im Gegenteil.

lagrangian
00
10.11.2011, 13:32

Oder noch früher...

Gerald12
01
10.11.2011, 08:41
"universitaet beida"

heisst "universitaet universitaet beijing"; "beida" ist die abkuerzung von "universitaet beijing" vergleichbar mit "univie". ;-)

Gerald12
01
10.11.2011, 08:34
die "universitaet beida" heisst die "universitaet universitaet beijing". "beida" ist die abkuerzung von "universitaet beijing" vergleichbar mit "univie"

Horstl Schorschl
00
10.11.2011, 08:23
Also wenn man sich diese Headline durchliest...

könnte ich fast den Eindruck lesen der Schreiberling glaubt an das was er hier verzapft.

karl radek1
115
10.11.2011, 07:53
Die Botschaft des Artikels:

Demokratie ist, wenn ich alle paar Jahre Kreuzerl/Kreise machen darf.
In der Zeit dazwischen herrschen die Märkte.

wolf55
00
10.11.2011, 08:43
Nein,

die Botschaft ist mMn eine Richtige: China bewegt sich langsam in Richtung Demokratie. Erst kam die wirtschaftliche Öffnung, danach folgt die politische. Besser als eine blutige Revolution, die im Chaos enden müsste bei einem 1,3-Milliarden-Volk. Schätze optimistisch: in 20 Jahren gibt es dort Demokratie nach westlichem Muster und eine Autonomie für Tibet. Und die Taiwanfrage löst sich dann auch von selbst.

GevatterTod
00
10.11.2011, 09:20
stimme zu, beides steht zu hoffen

Die Mentalität der Chinesen ist wesentlich mehr der Aktion zugeneigt als man sich das in Mitteleuropa träumen liese. Beispiel: Guangzhou Airport, keine Starts und Landungen wegen heftigen Regens und Sturmboen. Ergebnis: demolierte Büros des Flughafens ( Kein Vergleich mit der lahmen Wartertei wegen der Vulkanasche).
Daher wird bei Veränderungen sehr vorsichtig vorgegangen.
Betreffs Taiwan: Vor 10 Jahren hatte ich das Vergnügen die Einschätzung eines Beraters des vorigen Präsidenten zu hören:
Taiwan betrachtet sich als Teil von China - man wird alleine aus wirtschaftlichen Gründen zusammenkommen. Es ist nur die genaue Form fraglich.

Die kritische Stimme
212
10.11.2011, 07:24
Die Farbe Rot dominiert...

... und vermittelt eine unmissverständliche Botschaft." - Ach ja, welche...?

Rot ist die Landesflagge; würden in Österreich die Farben Rot und Weiß auch unmissverständliche Botschaften vermitteln? Zudem gilt Rot im chinesischen Kulturkreis - im Gegensatz zu uns - nicht als Sinnbild der Liebe, sondern als Synonym für Gold als die Farbe des Glücks und Wohlstands. (Deshalb enthält die Landesflagge auch noch ein goldenes Hammer-und-Sichel-Symbol.) Deshalb sind Brautkleider z.B. auch in Rot gehalten, zudem Weiß die Farbe der Trauer ist.

Welche unmissverständliche Botschaft vermittelt diese Farbe also?

Eihpos
00
10.11.2011, 14:46
Bedeutung der Farbe "ROT"

Rot bedeutet in China offiziell "Reichtum und Glück", hat aber, als 'älteste Farbe der Welt' (die erste Farbe, die eine Bezeichnung hatte), auch noch zahlreiche andere Bedeutungen. Einige sind unter folgender Seite aufgeführt:
http://www.china-reiseziele.de/die-farbe-rot.html

Mir ist außerden aufgefallen, dass sie auf ihrer Flagge die gleichen Pentagramme (Sterne) haben, wie auf der europäischen, amerikanischen ... eventuell sollte man über die Bedeutung dieser "Sterne" nachdenken!

"Demokratie" in China, dass schreiben die Neoliberalisten doch nur, weil die Chinesen gerade Europa aufkaufen, um "uns in der Schuldenkrise zu helfen". Wir sollen keine Angst davor haben von einen kommunistisch/faschistischen System kontrolliert zu werden.

erebos
20
10.11.2011, 12:40

Ähnlich, wie zu behaupten, das Hakenkreuz ist lediglich eine Rune, die Glück, die Weitergabe der Buddha Natur bedeutet oder gar nur Ornament ist.

Hanns Ch.1
31
10.11.2011, 08:23
..weit weg...

..was wissen schon die ösis über china, oder noch deutlicher-seine kultur??
sie schätzen ja nicht mal die eigene.(oder nur dann, wenn man damit kohle machen kann)

linkslinker gutmensch
02
10.11.2011, 07:12

Und in 110 Jahren sinds dann stolz Nichtwähler zu sein.

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