Schreckensbilder und Weichspülprogramm

9. November 2011, 17:15
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Oper konzertant: "Herzog Blaubarts Burg" von Béla Bartók

Wien - Sieben Türen hat der Palast, und hinter jeder lauern neue Schreckensvisionen. Mit gigantischen Klangbildern hat Béla Bartók die märchenhafte Geschichte vom Herzog Blaubart illustriert, der seine neue Gefährtin in sein Heim führen will, die aber unbeirrbar seinem Vorleben auf der Spur bleibt und schließlich die ganze Wahrheit zutage fördert: dass die früheren Frauen des Ritters lebendig begraben sind.

Der gut einstündige Einakter mit den symbolistischen Untertönen ist nicht nur ein packendes Bühnenwerk, sondern kann auch konzertant funktionieren. Zumal mit zwei so imposanten Darstellern wie jenen, die für den Zyklus "Oper konzertant" ins Wiener Konzerthaus gekommen waren: Denn John Tomlinson als Blaubart und Michelle DeYoung als Judith gelang es (nicht nur, aber auch durch schauspielerische Einlagen an der Grenze zum Halbszenischen), tatsächlich Bilder zu evozieren, durch kleine Gesten zu suggerieren, die geschilderten Waffen, Schätze und blutgetränkten Landschaften seien gleich da draußen zwischen Heumarkt und Lothringerstraße.

Beide hatten nämlich weit mehr als füllige Stimmen zu bieten: Tomlinson messerscharfe Diktion und abgründige Schwärze, DeYoung berückende Lyrismen und einen eindringlichen Ausdruck des Schreckens. Währenddessen steuerte Esa-Pekka Salonen das Philharmonia Orchestra sicher durch die markanten Blöcke und ihre schwermütig fließenden Verbindungsglieder - mit einem stets markanten, strahlenden, aber nie oberflächlichen Klangcharakter.

Das stand allerdings in einem deutlichen Gegensatz zu den beiden vorangegangenen Programmpunkten: Debussys Prélude à l'aprés-midi d'un faune wurde weichgespült und schemenhaft, ohne Glanz, absolviert; Bartóks Konzertsuite Der holzgeschnitzte Prinz erklang viel zu wenig holzschnitzartig, sondern eher matt, modrig und ohne klare Konturen zerfließend.

Mag sein, dass man sich etwas zu sehr auf die folgende Oper konzentriert hatte, die für eine CD-Produktion mitgeschnitten wurde und auch allein den Abend getragen hätte. Sicher aber hat es auch eine Rolle gespielt, dass Salonen im ersten Teil auf seinen Dirigentenstab verzichtete: Diese Erfindung hat eben doch einen Sinn. (Daniel Ender / DER STANDARD, Printausgabe, 10.11.2011)

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