Schlagen "so lange, bis du gestehst"

9. November 2011, 16:59
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Osteuropäische Zwangsarbeiter in Österreich unter den Nazis zeigt der erste von vier Teilen der Serie "Kriegsgefangenschaft" - Dem ORF gelingt ein berührendes und verstörendes Filmdokument

Wien - Oledij Derid war 17, als er in Kriegsgefangenschaft geriet. Die Nazis schickten den jungen Moldawier nach Linz: Hermann-Göring-Werke. Zwölf Stunden pro Tag hatte er zu arbeiten: "Ich kann gar nicht nachzählen, wie viele Panzer ich geschweißt habe", erzählt er. Ein Fluchtversuch misslingt, Derid landet in der "Sargbaracke". "Das wird deiner", deutet einer der Aufseher auf einen Sarg. "Leg dich! Hose runter!", brüllte er ihn an. Dann schlugen sie ihn. "So lange, bis du gestehst", sagten sie, erinnert er sich. Noch Jahre später hat Derid Albträume.

Im ORF-Vierteiler Kriegsgefangenschaft schildern Andreas Novak, Wolfgang Stickler und Robert Gokl Einzelschicksale während der Naziherrschaft, unter westlichen Alliierten und der Sowjetunion sowie die Umstände der Heimkehr. Die Dokus schließen die Zweite-Weltkrieg-Edition als Vorzeigeprodukt und Prestigeobjekt des ORF ab. Zu sehen sind sie donnerstags um 21.05 Uhr, ORF 2.

Verstörende Archivfilme

Bis zu 13 Millionen Zwangsarbeiter im deutschen Reich - allein eine Million in Österreich - mussten den Mangel an Arbeitskräften ausgleichen. Mehr als 500.000 kamen aus Russland oder Polen.

Einige der noch Lebenden kommen jetzt zu Wort. Ihre Erzählungen verstören und berühren. Novak und sein Team durchforsteten Archive in der Ukraine, in Weißrussland und Estland. Propagandafilme dokumentieren die systemerhaltende Aufgabe der Sklaven: Zwangsarbeit begann nicht mit dem Krieg. Sie war Teil der Rassenideologie. Den Jubel für Hitler und den Krieg sichern die Arbeiter an den Straßen, Brücken, Kraftwerken und Industriebetrieben: Sie sollten Lebensstandard und intakte Verhältnisse vortäuschen und das Volk bei Laune halten. Entschädigungen ließen lange auf sich warten.

Das Leid der Kriegsgefangenen wirkt bis heute nach: "Ich durfte nicht Kind sein", sagt Anna Bentele, Tochter von Anastasia, die heute durch einen Schlaganfall im Rollstuhl sitzt und nach Zwangsarbeit und mehrfacher Vergewaltigung viele Jahre unter schweren Depressionen litt. (Doris Priesching, DER STANDARD; Printausgabe, 10.11.2011)

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    Hier im Bild: Hermann Göring beim Spartenstich Kraftwerk Kaprun im Mai 1938.

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Zeitzeuge Oledij Derid.
    foto: orf

     

    Zeitzeuge Oledij Derid.
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