Am Ende des Halls lauert Gefahr

9. November 2011, 17:12
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Der US-Regisseur David Lynch veröffentlicht mit 65 Jahren sein erstes Album, durchwirkt vom Blues und von Sujets, die man aus seinen Filmen kennt

Der Soundtrack eines Albtraums.

Wien - Der schlimmste Horror liegt im Banalen. Das hat David Lynch in seinem filmischen OEuvre oft gezeigt. Ein lieblicher Schlager, der einem Irren zu Herzen geht - wie es Roy Orbisons In Dreams bei Dennis Hopper in Blue Velvet gelingt -, birgt ein höheres Schreckenspotenzial als martialisches Geböller. Nämlicher Wirkung gewahr, wandte Lynch diesen Kunstgriff bereits in seinem 1977 entstandenen Filmdebüt Eraserhead an. Das dort von einer entstellten Frau gesungene Kleinod In Heaven ist Kinder- und Totenlied zugleich: ein Heilsversprechen, das nur der Tod einlöst.

Seit damals gab es kaum David-Lynch-Filme, in denen der Regisseur der Musik nicht besonderes Augenmerk schenkte. Filme wie Blue Velvet (1986), Wild At Heart (1990) oder Lost Highway (1997) verhalfen Roy Orbison gar zu einer zweiten Karriere, den deutschen Rammstein zum Durchbruch in den USA und machten den Elvis-Wiedergänger Chris Isaak mit seinem Lied Wicked Game weltberühmt. Auch der Filmscore-Komponist Angelo Badalamenti wurde über Lynchs Werk zum Popstar.

Nach einigen Vorboten in den letzten Jahren legt der 65-jährige Regisseur nun sein Debütalbum vor. Es heißt Crazy Clown Time, wurde in seinem Heimstudio in Los Angeles produziert und ist ein echter Lynch geworden.

Während es im Film irritiert, wenn Lynch die traditionelle narrative Ebene verlässt, ist das in der Musik kein Problem. Loops, vieldeutige Slogans und Halbsätze - solange alles gut klingt, gibt es kein Problem, weil Verständnis in der Kunst seit der Moderne ohnehin ein nachgereihtes Kriterium ist; im Pop sowieso. Dementsprechend besteht Lynchs Liedersammlung aus stimmungsvollen Skizzen, emotionalen Schnappschüssen, die in ihrer Summe eben ein Album ergeben.

Crazy Clown Time beginnt mit einem eher durchschnittlichen Rocksong, dem die New Yorker Karen O von den Yeah Yeah Yeahs ihre Stimme leiht. Dann folgt das seit dem Vorjahr bekannte Good Day - ein Stück elektronische Tanzmusik, die Lynch mit seiner von einem Vocoder verfremdeten Stimme begleitet. Gut und schön, aber noch ist das Allerweltsmucke. Die Lynch-Erwartungshaltung erfüllt sich erst ab So Glad. Zu einem abgebremsten Beat erzählt er in Einzeilern die Geschichte einer Trennung, aus dem sich ein kleines Roadmovie entwickelt - mit offenen Fragen: Hat er sie kaltgemacht? Ist sie abgehauen?

Lynch genießt in solchen Songs den Vorteil, dass einem zu seiner Musik Bilder aus seinen Filmen einfallen. Sie durchwehen die reduziert instrumentierten Stücke wie eine zusätzliche Kraft, verleihen seinem kränkelnden Gesang eine weitere Dimension, machen alles düster und geheimnisvoll.

Blues und Flüstern

Stimmungsmäßig versinkt das Album bis über Lynchs Stehfrisur im Blues. Diese existenzialistischste Form der Popmusik durchweht selbst noch die paar Uptempo-Songs des Albums. Deren vermeintlicher Harmlosigkeit wirkt Lynch mit verschwörerischem Flüstern entgegen, die Westerngitarre hallt, wo der Hall endet, lauert Gefahr.

Das erinnert an die US-Band Wall Of Voodoo, die es Anfang der 1980er-Jahre auf Alben wie Call Of The West verstanden hat, Songs zu verfassen, die beim Hörer kurze Film Noirs im Kopf ablaufen lassen und die diese mit der Zeit geschuldeter einfacher Elektronik und Charakteristika aus dem Country-Genre vertont hat.

Was Lynch auf Crazy Clown Time bietet, ist eine Verdichtung und Fortsetzung dieser Kunst. Auch seine Texte bescheren einem Filme im Kopf, obschon seine Sujets ungleich düsterer sind, als jene von Wall Of Voodoo es waren - trotz deren Zuneigung zu Autoren wie Jim Thompson oder Dashiell Hammett.

David Lynch allerdings, der Schöpfer von Film-Psychopathen wie Frank Booth, Marietta Fortune oder Bobby Peru, dreht derlei Themen wie mit Daumenschrauben bis an die Schmerzgrenze weiter. Das schönste diesbezügliche Beispiel auf Crazy Clown Time ist der Monolog eines Stalkers in Speed Roadster: "I got fucked by you, fucked real bad. Maybe you're happy - but I hope you're sad." (Karl Fluch  / DER STANDARD, Printausgabe, 10.11.2011)

  • Regisseur David Lynch bietet nun auch musikalische Irrfahrten - auf 
seinem Album "Crazy Clown Time".
    foto: sundazed rec.

    Regisseur David Lynch bietet nun auch musikalische Irrfahrten - auf seinem Album "Crazy Clown Time".

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