Anklage statt Ohnmacht

9. November 2011, 17:26
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Anastasia Khoroshilovas Porträtserie "Old News" bei Hilger Contemporary

Wien - Die Frauen auf Anastasia Khoroshilovas Porträts haben sichtlich schon vieles erlebt. Sie sind arm, erzählt ihre Kleidung; die Umgebung wirkt trist. Selbst die Jüngeren blicken vollkommen hoffnungslos in die Kamera oder - noch schlimmer - einfach ins Leere. Präsentiert sind ihre großformatigen Porträts in offenen Metallkoffern, mit denen man sofort schweres Geschütz assoziiert. Denn aus ihnen dringt chaotisches Stimmengewirr, das unweigerlich an Gewalt, Waffen und Militär erinnert. Kleine Monitore zeigen jene "News", die 2004 aus der russischen Stadt Beslan in die Welt drangen: Mehr als 1100 Kinder und Erwachsene wurden damals in einer Schule von militanten Tschetschenen in Geiselhaft genommen. So wie bei der Geiselnahme im Moskauer Dubrowka-Theater 2002 sollte die Freilassung von Gefangenen und der Rückzug russischer Truppen aus Tschetschenien erpresst werden.

Khoroshilova geht es um das kollektive Gedächtnis, das solche Vorkommnisse schnell wieder verdrängt. Als Fotografin geht sie ausdrücklich davon aus, dass ein Bild nie die Wahrheit erzählt, und so liegt man ganz falsch, wenn man die porträtierten Mütter ausschließlich als Opfer betrachtet. Ziemlich rasch nach dem Massaker haben sich diese zur Gemeinschaft "Frauen von Beslan" zusammengeschlossen. Sie forderten Untersuchungen - weniger im Hinblick auf die Terroristen als auf das Vorgehen russischer Sicherheitskräfte, die das Massaker vermutlich erst auslösten.

In der Ausstellung erfährt man davon leider nichts, denn das Wissen darum verändert unweigerlich auch den Blick auf die Frauen. Anstelle von Ohnmacht kann man dann auch Wut und anklagende Posen und Blicke herauslesen. Russische Kunstkritikern zählen Khoroshilova zur Künstlergeneration der Post-Diaspora: Im Ausland lebend widmen sie sich der Suche und Rekonstruktion russischer Identität. In vielen ihrer Porträtserien ist Khoroshilova das auf sehr sensible Art gelungen. Die Serie Old News, die heuer im Rahmenprogramm der Biennale Venedig präsentiert wurde, wirkt durch die undifferenzierte Stilisierung der Frauen als Opfer dagegen sehr spekulativ.  (Christa Benzer / DER STANDARD, Printausgabe, 10.11.2011)

Bis 2. 12., Galerie Hilger, Dorotheergasse 5, 1010 Wien

 

  • "Starie Novosti" ("Old News") heißt Anastasia Khoroshilovas Fotoserie von 2011, in der sie sich mit den "Frauen von Beslan" und den Folgen des dortigen Massakers beschäftigt hat.
    foto: galerie hilger / khoroshilova

    "Starie Novosti" ("Old News") heißt Anastasia Khoroshilovas Fotoserie von 2011, in der sie sich mit den "Frauen von Beslan" und den Folgen des dortigen Massakers beschäftigt hat.

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