Rundschau: Unheimliche Begegnungen jeder Art

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coverfoto: subterranean press

Allen Steele: "Angel of Europa"

Gebundene Ausgabe, 96 Seiten, Subterranean Press 2011

Allen Steele hab ich hier anlässlich des Romans "Hex" aus seiner erfolgreichen "Coyote"-Reihe vorgestellt. Die größten Lorbeeren hat Steele bislang aber im Novellen-Format eingeheimst: Nicht nur "Der Tod von Captain Future" wurde einst mit dem "Hugo" ausgezeichnet, drei Jahre später gab's den Preis für "...Where Angels Fear to Tread" erneut, und seit heuer hat Steele für "The Emperor of Mars" den dritten Novellen-"Hugo" im Regal stehen. "Angel of Europa" ist die jüngste Veröffentlichung des produktiven Autors, und so langsam zeichnet sich damit auch ab, was er kann (und was nicht).

Begeben wir uns also ins frühe 22. Jahrhundert und fliegen mit der internationalen Crew der "Zeus Explorer" zum Jupitermond Europa, unter dessen Eispanzer ein Ozean liegt, der zumindest in der Welt der Novelle - und vielleicht ja auch wirklich - vor Leben nur so wimmelt. Crewmitglied Otto Danzig hat die eigentliche Ankunft im Jupitersystem verschlafen - keineswegs freiwillig allerdings, denn zu Beginn der Erzählung fiel er beinahe einem mysteriösen Schleusenunfall zum Opfer. Nachtigall ick hör dir trapsen ... Nun wird Otto aus dem Regenerationsschlaf geholt, denn in der Zwischenzeit gab es einen weiteren Vorfall, und der hat Todesopfer gefordert. Zwei Wissenschafter, die mit einem Bathyscaph in Europas Tiefen hinuntergelassen wurden, starben - und Otto, der an Bord der "Zeus Explorer" als Schlichter bzw. Schiedsrichter fungiert, soll nun rekonstruieren, wie das geschehen konnte.

Die Konstellation ist denkbar einfach: Evangeline Chatelain, die Pilotin des Bathyscaphs, klinkte die Kabine mitsamt den beiden Passagieren aus, weil sie angeblich von einem riesenhaften Meereswesen angegriffen wurden und diese Maßnahme ihre einzige Möglichkeit war, wenigstens sich selbst zu retten. Bloß glauben ihr das nicht alle, und am allerwenigsten tun es die übrigen Frauen der Crew. Denn bislang konnte man nur primitive und kleinwüchsige Lebensformen im Ozean Europas entdecken, aber keine riesigen Räuber. Außerdem hatte Evangeline - an angel a man would worship upon silk sheets, her body a temple, her eyes the gates to heaven (mit anderen Worten: eine vollbusige blauäugige Blondine ohne BH) - mit beiden Wissenschaftern eine Affäre gehabt: Motiv genug für einen möglichen Doppelmord. Für Otto stellt sich damit die Frage, ob er es mit einem Verbrechen oder einer wissenschaftlichen Sensation unter tragischen Umständen zu tun hat. Und wenn er schließlich zur Aufklärung selbst mit Evangeline in den Ozean abtaucht - wird er dann eine unheimliche Begegnung mit einem außerirdischen Monster oder mit der Libido haben?

"Angel of Europa" ist ein solider Weltraumkrimi, dem es ein wenig schmeichelt, dass er eine eigene Buchbindung erhalten hat. Aber genau das bietet Steele eben: Solide Unterhaltung ohne Fisimatenten. Ich staune weiterhin, dass seine "Coyote"-Romane noch keinen deutschen Verlag gefunden haben; sie bieten sich als kleinster (oder größter?) gemeinsamer Nenner für alle, die Weltraumabenteuer lieben, ausdrücklich an. Abschließend noch ein Highlight aus "Angel of Europa", wenn auch kein beabsichtigtes: Einmal führt Otto mit einem Landsmann einen Dialog auf *hüstel* Deutsch, den würde ich gerne in voller Länge bringen. "Wen wire in Minute erhalten, mochte ich Sie treffen. Jose und Yvonne, auch ... in privatatum." - "Ich dacht, dass Sie wurden. Ich habe die um um anderen gebetum, um uns Konferenzsall in einer ungefahr Stunde zu treffen." - "Danke. Ich schatze es." So werden sich unsere Enkel also 2112 zu einem Meeting einfinden. Um um!

Die letzte Rundschau für heuer wird noch vor Weihnachten rausgehen; es sind ja wirklich immer ein paar verzweifelt genug, sich mit Last-Minute-Tipps im Kopf durch das Meer der Shopping-Zombies zu kämpfen. Noch ist die Titelliste offen - aber hoffentlich kommt die Anthologie zum Fliegenden Spaghettimonster rechtzeitig, es wäre so schön passend besinnlich! (Josefson)

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