Rundschau: Unheimliche Begegnungen jeder Art

    Ansichtssache19. November 2011, 10:12
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    Neue Romane unter anderem von John Scalzi, Adam Roberts, Genevieve Valentine, Brent Weeks und Dean Koontz

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    coverfoto: prime books

    Genevieve Valentine: "Mechanique"

    Broschiert, 284 Seiten, Prime Books 2011

    Der atmosphärisch dichteste Roman dieser Monatsausgabe ist ein Debütwerk - und ein sehr beachtliches. Die New Yorkerin Genevieve Valentine hat zuvor nur kurze Erzählungen und Essays - letzteres unter anderem für "Geek Wisdom. The Sacred Teachings of Nerd Culture" - veröffentlicht. Mit "Mechanique" legt sie ein Werk vor, das von seiner Aufmachung her unverkennbar an Steampunk-Begeisterte appelliert. Inhaltlich ist das zwar an einigen Elementen verankerbar, doch so richtig lässt sich der Roman keinem Genre zuordnen. Vor einem Jahrzehnt hätte er wohl noch unter New Weird firmiert.

    Um die Atmosphäre auch gleich so richtig auf uns einwirken zu lassen, strömen wir zu Beginn des Romans mit der Zuschauermenge ins Zelt des Mechanical Circus Tresaulti und bestaunen dessen körperlich veränderte ArtistInnen: Von den Trapezkünstlerinnen mit ihren hohlen Metallknochen über den Mann mit der Uhrwerk-Lunge bis zum lebenden Orchester Panadrome, einem menschlichen Kopf, der auf einem Sammelsurium von Instrumenten thront. Das ist eine Menge an bizarren Eindrücken, doch Valentine lässt es sich auch nicht nehmen, diese vom ersten Absatz an mit einem Blick unter die glitzernde Oberfläche - It doesn't look shabby until you've already paid - zu ergänzen. Ungewöhnlich für einen belletristischen Text, werden hier zahlreiche Sätze oder sogar ganze Passagen in Klammern gesetzt, um - fast im Wisperton - eine zusätzliche Informationsebene aufzuziehen. So wird unsere Aufmerksamkeit noch während der glamourösen Vorstellung auf beunruhigende Details gelenkt. Etwa dass die Tanzmädchen ehemalige Soldatinnen sind und ihre Kostümchen gerade weit genug reichen, um ihre Narben zu bedecken. Oder dass das Publikum an den Anblick von Invaliden gewohnt ist.

    Denn der Circus Tresaulti zieht unter der Leitung einer nur "Boss" genannten hünenhaften Frau durch ein postapokalyptisches Land, von Ruinenstadt zu Ruinenstadt. Wann und wo wir uns befinden, wird nie gesagt. Bomben und benzinbetriebene Autos deuten darauf hin, dass es zumindest das 20. Jahrhundert sein muss, und da es sich um keinen der bekannten Kriege handelt, müssten wir uns in der Zukunft befinden - vorausgesetzt, es handelt sich überhaupt um unsere Welt. Doch die Namen der Orte sind allesamt unbekannt, zudem ebenso vergänglich und austauschbar wie die diversen Regierungen, die stets ohne anhaltenden Erfolg versuchen, wenigstens in Teilen des Landes wieder eine übergreifende Ordnung zu etablieren. Die jüngste dieser Regierungen wird im Roman zur Bedrohung, denn der ebenfalls ungenannt bleibende government man, der sich zum gefährlichen Gegenspieler von Boss entwickelt, träumt von den Möglichkeiten, die eine Armee aus Steampunk-Cyborgs mit sich bringen könnte. Was nach einer recht simplen Plot-Konstellation klingt, doch die Rahmenhandlung ist wie gesagt nicht das wichtigste Element von "Mechanique".

    Möglich, dass Valentine von dem düsteren Film "The Raggedy Rawney" aus dem Jahr 1988 beeinflusst wurde, in dem sich ein Deserteur als "Hexe" verkleidet beim fahrenden Volk versteckt. Auch dort wurde der im Hintergrund stattfindende Krieg nicht näher benannt. Bei Valentine wird der Zirkus sogar zum Asyl einer ganzen Reihe ehemaliger KindersoldatInnen oder anderweitig vom Krieg Traumatisierter. Doch finden sie sich nicht in einer mobilen Oase des Friedens wieder, sondern in einem eigentümlichen Limbus, der die Frage offenlässt, wie real die Existenz des Circus Tresaulti tatsächlich ist. Es verdichten sich die Anzeichen dafür, dass die Zeit hier anders abläuft als in der Außenwelt - und niemand außer Boss weiß, wie lange der Zirkus in seiner jetzigen Form schon durch das Land zieht. Zudem ist das giving the bones benannte Übergangsritual vom herkömmlichen Menschen zum teilmechanischen Artisten nicht einfach eine körperliche Umwandlung; die Tresaulti-Mitglieder glauben, dass ihre Existenz fortan an den Zirkus gebunden ist. Womit nicht nur die finanzielle gemeint ist.

    Das wichtigste Wort, um "Mechanique" zu beschreiben, ist Zeitlosigkeit. Das gilt nicht nur für das Setting, sondern auch für Valentines Erzählweise. Sie wechselt zwischen Präsens und Imperfekt (ohne dass letzteres zwangsläufig für eine weiter zurück liegende Handlungsebene stehen muss) sowie zwischen erster, zweiter und dritter Person. Zudem wird das Geschehen nicht chronologisch abgespult, stattdessen laufen die wichtigsten Fäden parallel nebeneinander: Der Konflikt mit dem Regierungsmann und die Gefangennahme von Boss, die beiden Traumata, die den Circus Tresaulti tief geprägt haben (der Tod des Flügelmannes Alec, der einstigen Hauptattraktion des Zirkus, und der aus gutem Grund nicht fatale Sturz der Trapezkünstlerin Bird), die - wenn man so will - Origin Stories der einzelnen Zirkusmitglieder und schließlich das ganz normale Wanderleben selbst. Auf diese Weise entsteht ein dichtes Geflecht, das erst nach und nach enthüllt, warum die Tresaultis so geworden sind, wie wir sie zu Beginn des Romans kennengelernt haben.

    Fast symbolisch für den Gesamtroman ist die Äquilibristiknummer von Stenos und Bird, die von Boss zur Zusammenarbeit gezwungen wurden, obwohl sich die beiden einen erbitterten Konkurrenzkampf um die Flügel des toten Alec liefern. Ihr Auftritt ist technisch brillant, doch für jeden sichtbar von unterschwelligen Gefühlen geprägt und deshalb so ungemütlich, dass niemand klatschen will, bei keiner einzigen Vorstellung - und doch treten die beiden Tag für Tag wieder auf. Valentine schafft es, alle Assoziationen, die man zum Thema Zirkus haben kann, wachzurufen: Den Zirkus alten Stils, der unsere Großeltern und Urgroßeltern zum Staunen brachte; den, der sich in Form kleiner Familienunternehmen noch bis in die Gegenwart schleppte, nach Niedergang roch und alle nur noch traurig machte; den neuen Zirkus ohne Tiere und mit atemberaubenden Akrobatik-Shows, der mit professionell aufgezogenem Showprogramm begeistert; und dazu das schweißtreibende, oft lebensgefährliche Artistenleben und den trotz aller persönlichen Konflikte unerschütterlichen Zusammenhalt einer Wahlfamilie. Damit ist Valentine ein großartiges Debüt gelungen. Möge es sich bewahrheiten, dass sich der Untertitel "A Tale of the Circus Tresaulti" als Aussicht auf weitere Romane lesen lässt.

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