Rundschau: Unheimliche Begegnungen jeder Art

    Ansichtssache19. November 2011, 10:12
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    coverfoto: orion books

    Adam Roberts: "By Light Alone"

    Broschiert, 416 Seiten, Orion Publishing 2011

    Das Gebirge machte böse Miene.
    Das Gebirge wollte seine Ruh.
    Und mit einer mittleren Lawine
    deckte es die blöde Bande zu.

    ... so rechnet Erich Kästner in seinem Gedicht "Maskenball im Hochgebirge" mit der Schickeria ab. Und wenn man auf den ersten Seiten von Adam Roberts' "By Light Alone" liest, wie sich die Richniks des 22. Jahrhunderts im Skiurlaub am Berg Ararat gebärden, kann man sich dergleichen böse Gedanken kaum verkneifen. Arroganz und mühsam unterdrückter Ekel gegenüber dem Hotelpersonal und anderen Erwerbstätigen - den jobsuckers - sind noch der bodenständigste Zug der Clique, die sich hier um das New Yorker Ehepaar Marie und George Denoone versammelt hat. Ansonsten sind sie völlig losgelöst von jeder Realität: Selbst um die eigenen Kinder kümmern sich Nannys, und wenn man ein Baby schon mal für ein paar Pro-Forma-Minuten in seiner Nähe erträgt, dann nur, um sich später mit anderen über dessen spontaneous physical comedy zu amüsieren. Nachrichten ansehen gilt als Exzentrizität, und Voltaire - war das nicht der, der die Elektrizität erfunden hat? Roberts zeichnet seine Hauptfiguren als ahnungslose Eloi, die außer Geld nichts vorzuweisen haben (wobei der Roman offen lässt, wie sie zu ihrem Vermögen gekommen sind bzw. wie derart lebensunfähige Wesen in der Lage sein sollen, es zu behalten).

    Doch der Brite Adam Roberts ist nicht nur ein großer Satiriker, er hat auch eine Vorliebe dafür, rings um seine ProtagonistInnen die Realität zerbröckeln zu lassen. Für die Denoones kommt der Moment, in dem sie aus ihrem bisherigen Leben herausfallen, als ihre kleine Tochter Leah von Unbekannten aus dem Hotel entführt wird. Und während George und Marie in sehr unterschiedlicher Weise auf diesen Schock reagieren, werden wir LeserInnen langsam etwas tiefer in die grässliche schöne neue Welt dieses bitterbösen Romans eingeführt. In der hat sich nämlich durch das New Hair alles verändert: Als eines Tages die Weltproduktion an Nahrungsmitteln nicht mehr ausreichte, die steigende Bevölkerungszahl zu ernähren, schien die Lösung aller Probleme in Form eines nanotechnologischen Eingriffs zu kommen, der das menschliche Kopfhaar photosynthesetauglich macht. Die erste funktionierende Lichtdiät - alles, was der Mensch sonst noch braucht, ist Wasser und die gelegentliche Aufnahme mineralischer Spurenelemente (kurz: hin und wieder ein bisschen Dreck fressen). Was vielleicht eine Eutopie hätte werden können, ist jedoch einen ganz anderen Weg gegangen. Da die Massen der Armen nun das kleine bisschen Geld bzw. Nahrung, das man ihnen zwecks Überleben leider nie vorenthalten konnte, nicht mehr unbedingt brauchen, haben sie zum ersten Mal in der Geschichte gar nichts mehr außer ihren Körpern. Die Nahrungsmittelproduktion wurde ganz aufgegeben - bis auf den Teil, der ausschließlich für die demonstrativ Glatze tragenden und sich traditionell ernährenden Superreichen vorgesehen ist. Ein ganz gewaltiger Bumerang, wie sich noch zeigen wird.

    Zunächst einmal widmet sich Roberts aber seinem Hauptfiguren-Duo, dessen Ehe unter dem Stress der Entführung Risse zeigt und endgültig zerbricht, als Tochter Leah nach einem Jahr überraschend wiedergefunden wird. Seltsam nur, dass sie kein Englisch (mehr) versteht und auch nicht (mehr) die künstlichen Antikörper im Blut hat, mit denen sie einst geimpft wurde. Die Fakten lassen für den Leser nur einen Schluss zu, doch der wird niemals ausgesprochen - erst recht nicht von George und Marie, die jeden Gedanken, der ihr wiedergewonnenes Elternglück trüben könnte, panisch zur Seite schieben. Wie schon in "Yellow Blue Tibia" stellt der Autor einen elephant in the room ab - eine große, alles verändernde Wahrheit, die für jeden offensichtlich ist, doch um jeden Preis ignoriert wird. Dieser Preis ist der sense of superfine wrongness, den Roberts fortan seine Figuren empfinden lässt und der zugleich ein ganz charakteristisches Element seiner Romane ist.

    Und dabei steht hinter diesem Elefanten ein noch viel, viel größerer. Riots und Massaker sind weltweit an der Tagesordnung, ohne in ihrer Bedeutung begriffen zu werden. George findet die ohne Ton konsumierten TV-Bilder vor- und zurückwogender Menschenmassen sogar beruhigend wie einen Blick ins Aquarium. Und Marie geht ganz in ihrem Projekt auf, das teilüberflutete New York in ein neues Eden umzuwandeln - nach der Vertreibung der verächtlich longhairs genannten Armen. (Roberts beweist einmal mehr Brillanz in Sachen zynischer Pointen, wenn er das Projekt von Marie - fehlt nur noch Antoinette - Queens Gardens nennt. Zuvor hatte er einen Freund Georges just am Berg Ararat, dem legendären Landeplatz der Arche Noah, philosophieren lassen: "We're an island of Enough in an ocean of Poverty.") Nicht, dass es an warnenden Stimmen gemangelt hätte. George lernt eine Art Guru kennen, der ihm darlegt, dass nichts so brisant sein kann wie eine überwältigende Masse von Menschen, die nichts zu tun und auch nichts mehr zu verlieren haben: "The perfect revolutionary class!" Und Maries Projekt-Mitarbeiter Arto orakelt: "The world is one lit candle away from going up in flames." Doch wenn er kaum noch verhohlen über globalen Genozid als Gegenmaßnahme spricht, fühlt sich die Ästhetin geradezu erotisiert und weiß nicht mehr einzuwenden als: "What about the bodies? Think of the smell!"

    Das letzte Drittel des Romans geht das Szenario von der anderen Seite her an. Darin wird die Odyssee einer jungen Frau, Issa nennt sie sich, vom Schwarzen Meer bis nach New York erzählt. Dieser Abschnitt ist extrem düster - teils wegen der alltäglichen Gewalt, die darin vor allem Frauen widerfährt, vor allem aber weil er eine in Gang geratende Apokalypse nicht wie so oft anhand einer kleinen Überlebendengruppe schildert, sondern sich stets inmitten wimmelnder Menschenmassen aufhält. Passagen, in denen Flussufer und Meeresstrände schwarz vor longhairs sind, lassen eher an Insekten als an Menschen denken - und immer mehr gehen die Bilder vom ansteigenden Meeresspiegel und der alles erstickenden Menschenflut ineinander über.

    Wenn es etwas an "By Light Alone" zu bemäkeln gäbe, dann ist es der Schluss. Genau genommen setzt sich der Roman aus zwei Novellen sowie einer längeren und einer kürzeren Kurzgeschichte zusammen (ganz ähnlich wie zuletzt "Swiftly"). Leider erfährt jede davon einen runderen Abschluss als ausgerechnet die handlungschronologisch letzte, mit der das Buch auch endet - zwar nach einem vollendeten Bogen, aber eben mitten in einem Crescendo und ohne Ausblick auf den möglichen weiteren Verlauf. Aber auch das ist typisch für Roberts: Er gibt einem immer etwas weniger - oder zumindest etwas anderes -, als man gerne hätte. Entweder pfeift er sich wirklich nichts um herkömmliche Erzählstrukturen oder das ist ein gewitzter Trick. Nämlich die LeserInnen durch seine unnachahmliche Mischung aus bizarrem Worldbuilding, gesellschaftskritischen Kommentaren und brillanter Sprache mit Faszination zu erfüllen und sie dann gerade soweit zu frustrieren, dass sie sagen: Aber beim nächsten Mal, da wirst du mich nicht überrumpeln. Das kauf ich mir wieder, und dann hab ich dich!

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