"Wenn man Arbeit will, muss man die Klappe halten"

10. November 2011, 07:00
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Die VertreterInnen der Handelsangestellten verhandeln den KV. Doch was wünschen sich die Angestellten selbst?

"Guten Tag! Darf es noch was sein? Danke. Auf Wiedersehen", lauten die klassischen Phrasen der Handelsangestellten im Kundenkontakt. Nebenher räumen und schlichten sie Regale, wischen den Boden, kontrollieren Produkte, ziehen diese über den Laser, geben Restbeträge zurück, räumen Schachteln aus, ein, um. Die Liste ihrer Tätigkeiten ist lang: Begleitet werden sie durch permanente Hintergrundmusik und dem Piep der Kassa.

Für die insgesamt 450.000 Beschäftigten (davon rund 75 Prozent Frauen) im Handel werden seit Mitte Oktober neue Kollektivverträge ausverhandelt. Die ArbeitgeberInnen-Seite ist in diesem Jahr mit einigen Forderungen der GewerkschafterInnen, bestärkt durch einen guten Abschluss bei den Metallern, konfrontiert: für alle MitarbeiterInnen soll es eine kräftige reale Gehaltserhöhung geben.

Von einer Staffelung, wie in den vergangenen Jahren, wollen die GewerkschafterInnen nichts mehr hören. Zudem drängen die ArbeitnehmerInnen-VertreterInnen auf vorgezogene Auszahlungen des Urlaubs- und Weihnachtsgeldes. Der Knackpunkt schlechthin ist die Forderung nach der vollen Anrechnung der Karenzzeiten als Berufsjahre - für Frauen und Männer. Wiewohl letztere sie freilich so gut wie nicht in Anspruch nehmen. So lauten die Ansagen von oben. Doch was erwarten sich jene, die unter diesen Kollektivverträgen arbeiten?

Das Problem mit den steigenden Fixkosten

Eine 33-jährige Verkäuferin in einem Wiener Lebensmittelgeschäft glaubt nicht, dass es "endlich mehr Geld gibt". Sie ist seit mehr als sechs Jahren im Handel tätig und fragt sich, wie sie sich ihre Zukunft leisten kann. "Die Preise steigen von Tag zu Tag, der Lohn bleibt immer gleich. Die Fixkosten, die ich mit meiner Familie zu tragen habe, sind kaum mehr bezahlbar", erzählt sie während sie eine Liste überprüft und kontrollierend die Regale durchforstet.

Eine Kollegin, ausgestattet mit drei übereinandergestapelten Schachteln, kommt fragend hinzu: "Was erzählst du da?" Die 33-Jährige gibt zu verstehen, dass sie über die Kollektivverträge spricht. "Welche Verträge?", will die Kollegin mit den Schachteln wissen. "Unsere Arbeitsverträge", klärt die Verkäuferin auf. "Damit habe ich mich noch nicht beschäftigt", so die weitereilende Angestellte.

Zufriedenheit: "Alles okay"

In der Drogerie-Kette gegenüber zeigt sich eine 25-jährige Verkäuferin, die seit sieben Jahren Hygieneartikel verkauft, durchaus zufrieden mit ihrem Job. "Bei uns ist man zufrieden. Da gibt es nichts, wo ich sage, da möchte ich jetzt mehr Geld oder was auch immer." Also kein Punkt, der an der Arbeit verbesserungswürdig ist? "Dadurch, dass ich mich noch nicht damit beschäftigt habe, nein - alles okay". Die mögliche vollständige Anrechnung der Karenzzeiten bewertet sie dennoch positiv: "Wenn die sich jetzt für die Anrechnung einsetzen, finde ich das gut", so die Handelsangestellte.

Auch zwei Brotverkäuferinnen finden, dass "es Zeit ist, dass die Karenzzeiten komplett angerechnet werden". "Klarerweise wollen wir auch mehr Geld. Aber wer will das nicht? Bekommen werden wir es eh nicht", sagt eine der beiden und lacht dabei laut auf. Sie ärgern sich vor allem darüber, dass ihre Arbeitszeit um halb fünf Uhr früh beginnt und die "Bezahlung zu dieser Uhrzeit total schlecht ist".

Ungelöstes Problem der Gratis-Arbeit

Die 33-jährige Lebensmittelverkäuferin äußert sich zur möglichen Anrechnung der Karenzzeiten verhalten. "Ich komme aus Mazedonien und weiß nicht einmal, ob ich hier überhaupt eine Pension bekomme. Außerdem kenne ich mich zu wenig aus," so die emsige Regalprüferin. Verhandlungsbedarf sieht sie bei den Vor- und Nacharbeitszeiten. "Ich arbeite jeden Tag von sechs Uhr früh bis 20 Uhr abends. Jeden Tag mache ich Überstunden. Ausbezahlt wird mir aber nur die vereinbarte Summe". Über die unbezahlten Vor- und Nacharbeitszeiten monierten sich die GewerkschafterInnen in den vergangenen Jahren mehrmals. Im Arbeitsalltag der Lebensmittelverkäuferin ist das Problem nach wie vor ungelöst.

Inzwischen hat sie im Lager des Geschäfts auf einer leeren Kiste Platz genommen und erzählt, dass sie regelmäßig bis zu 46 Stunden pro Woche arbeitet und dafür ein Nettogehalt von 1.400 Euro auf ihrem Konto hat. "Wir sind total unterbesetzt. Wenn jemand ausfällt, arbeitet eine Person für drei. Das ist total unkorrekt. Aber das regt nicht nur mich auf, das regt uns hier alle auf."

"Der Chef muss Gewinne machen"

Ihrem Chef will sie dafür nicht die Schuld geben: "Ich verstehe, wenn er sparen muss und er muss ja auch schauen, dass er Gewinne macht". Auch wenn sie mit der Gewerkschaft, wie sie erklärt, nichts am Hut hat, muss über die Vor- und Nacharbeitszeiten verhandelt werden. "Diese Zeiten schenken wir jeden Tag dem Chef. Aber wenn man Arbeit braucht, muss man die Klappe halten", so die Lebensmittelverkäuferin. (Sandra Ernst Kaiser, dieStandard.at 10.11.2011)

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    Der Kollektivvertrag für Angestellte im Handel wird derzeit neu verhandelt. Mehr Geld wünschen sich die meisten, aber im Handel ist Geld nicht der einzige Knackpunkt bei den Verhandlungen.

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