"A Dangerous Method": Wagnis Theorie, Stolperstein Dasein

9. November 2011, 17:14
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Der kanadische Regisseur David Cronenberg hat mit "A Dangerous Method" ein fesselndes Filmdrama über die Frühzeit der Psychoanalyse inszeniert, in dem sich die Umrisse einer ganzen Epoche abzeichnen

Wien - Eine Kutsche, die sich im Eiltempo bewegt. Eine junge Frau darin ist außer sich, sie wirft sich an die Fensterscheibe, ihr angespannter Gesichtsausdruck wirkt noch lange im Gedächtnis nach. Wenig später ist Sabina Spielrein im Burghölzli angekommen, einem Sanatorium, in dem ihr Zustand der Hysterie von einem gewissen Carl Gustav Jung behandelt werden soll. Es ist das Jahr 1904, seine analytischen Methoden, die er vom Wiener Arzt Sigmund Freud übernommen hat, sind kaum etabliert und dementsprechend umstritten. Als Jung nun hinter seiner Patientin Platz nimmt und sie auffordert zu sprechen, ist so etwas wie Pioniergeist zu spüren.

David Cronenbergs A Dangerous Method ist kein Kostümfilm, der einem konservativen Genreverständnis folgt: Der umstandslose Beginn könnte mit seinem leisen Anflug von Camp, dem Keira Knightleys äußerst expressive Darstellung von Spielrein innewohnt, gar von einem B-Movie-Experten wie Roger Corman sein. Der Film verbindet in seinem Bild der Moderne inszenatorische Akkuratesse mit solchem Risiko. Geschichte ist hier nichts Museales, Starres, sondern eine erfahrbare Realität, die mitunter wie ein Schnitt in die Wange schmerzt. Gerecht wird ihr Cronenberg, indem er sich an bestimmte Voraussetzungen hält: Er schafft eine möglichst detailgenaue Rekonstruktion in klaren, geordneten Bildern und bewegt sich dann darin mit Lust an der Spekulation.

Den Mittelpunkt des Interesses bildet ein Beziehungsdreieck aus drei wagemutigen Protagonisten - die Vorlage, das Theaterstück The Talking Cure, stammt von Christopher Hampton -, in deren Aktionen (und Schriften) sich intellektuelle und leidenschaftliche Motive überlagern. Jung (Michael Fassbender) fühlt sich schnell zu Spielrein, die selbst Ärztin werden möchte, hingezogen - das Prinzip der Übertragung stellt sich ein. Der Masochismus der jungen Frau trägt, in umgeleiteter, mithin offen ausgelebter Form, auch zu ihrer Befreiung bei. Doch dies ist wiederum nur um den Preis einer anderen Form der Sublimierung möglich: Die Affäre muss unbedingt geheim bleiben.

Qualmende Autorität

A Dangerous Method besteht aus einer Vielzahl solcher komplizierten Relationen, in denen sich nicht zuletzt auch die Rangverhältnisse zwischen den Protagonisten abbilden. Viggo Mortensens Freud ist ein zurückhaltender Mann mit qualmender Pfeife, dessen schiere Autorität den eine Zeitlang als Ziehsohn auserwählten Jung zum Reden zwingt. In einer der komischsten Szene sitzen sie ins Gespräch vertieft zu Tisch, und der mit feiner Ironie gewürzte Gegenschuss offenbart sehr spät, dass auch der Rest des Freud-Clans ihren Worten lauscht.

Solche kühnen Manöver nehmen Cronenbergs Film, der nicht aus wenigen Dialogen besteht, jede ehrfürchtige Strenge. Die Figuren haben ihre menschlichen Makel - so weit sie sich auch theoretisch vorwagen, so sehr schrecken sie vor der schrankenlosen Praxis zurück. Am Libertin Otto Gross (Vincent Cassel), der "Bombe", die Freud Jung in die Schweiz schickt, mag sich letztlich keiner orientieren.

Das Melodram, das im Inneren von A Dangerous Method glimmt, besteht einerseits aus der Geschichte einer Versagung von Liebe. In seiner hellhörigen Form demonstriert der Film darüber hinaus, wie nicht nur Forschung und Existenz, Arzt und Patient, sondern auch Gegenwart und fatale Zukunft einer Epoche zusammenwirken.  (Dominik Kamalzadeh / DER STANDARD, Printausgabe, 10.11.2011)

Zum Weiterlesen:
"Der Körper ist unsere Realität"
David Cronenberg im Interview

  • Besuch beim Übervater: Carl G. Jung (Michael Fassbender, li.) und Sigmund Freud (Viggo Mortensen) in David Cronenbergs "Period Piece" "A Dangerous Method".
    foto: upi

    Besuch beim Übervater: Carl G. Jung (Michael Fassbender, li.) und Sigmund Freud (Viggo Mortensen) in David Cronenbergs "Period Piece" "A Dangerous Method".

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