Griechen-Gewerkschaften

Mit Beton und Privilegien gegen Athens Sparkurs

Florian Niederndorfer, 10. November 2011, 08:43
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    foto: youtube

    Nikos Fotopoulos führt gerne Protestzüge an.

Ein Stromgewerkschafter wehrt sich hartnäckig gegen die Notprivatisierung staatlicher Betriebe - Immer mehr Griechen nehmen ihm das übel

Marx, Lenin, Guevara: Nikos Fotopoulos hat sich seine eigene Troika an die Wand geheftet. Während das Volk gebannt die Signale von EU, IWF und Weltbank hört, zimmert sich der 49-jährige Athener Stromgewerkschaftler in seinem Büro aus Versatzstücken linker Heldengeschichten sein eigenes Weltbild. Und wirkt mit seiner Kampfrhetorik in dem grauen 60-Jahre-Bau nahe des Omonia-Platzes wie einer längst vergangenen Zeit entsprungen: "Wir sind darauf vorbereitet zu bluten. Wir haben keine Angst vor dem Gefängnis", rief er bei einer Demonstration in August in Athen. An dem 49-Jährigen, den viele seiner Landsleute einen Privilegienritter schimpfen, spiegelt sich die ganze Dimension der Tragödie, in die sich Griechenland über Jahrzehnte hinweg sehenden Auges manöviert hat.

Genauer: am Beispiel Nikos Fotopoulos und seinem Arbeitgeber, dem 1950 gegründeten Stromriesen DEI, lässt sich die Apathie der Griechen beschreiben, die längst über die Wut auf die Regierenden hinausgeht und auch die übrigen Stützen des Systems trifft. Regelmäßig wird Fotopoulos in Meinungsumfragen zum unbeliebtesten Mann Griechenlands gewählt. Das hat nicht nur mit den häufigen Streiks zu tun, an deren Spitze er steht und die für Dunkelheit in weiten Teilen Griechenlands sorgen. Sondern auch damit, dass sich immer weniger Griechen von der Frontalopposition des Gewerkschafters vertreten fühlen.

Auch, weil er dafür sorgt, die Kluft zwischen öffentlich und privat Beschäftigten im ohnehin von Klientelpolitik geprägten Griechenland noch zu vergrößern. In vielen staatlichen Betrieben sind an die 90 Prozent der Arbeitnehmer in einem der insgesamt 128 Verbände, die das Land zählt, organisiert. In den meist kleinen privaten Betrieben sind es weit weniger. Insgesamt gehen Schätzungen von etwa 500.000 Gewerkschaftsmitgliedern in Griechenland aus. Die GENOP, ein Verbund der insgesamt 24 Teilgewerkschaften bei DEI, gehört zu den schlagkräftigsten Arbeitnehmervertretungen. "Sie ist zwar von ihren Mitgliederzahlen her klein, kontrolliert de facto aber die Stromversorgung des ganzen Landes und spielt diesen Trumpf auch gegen die Regierung aus, wenn es ihr passt", sagt der angesehene Politikwissenschaftler Spyros Economides vom Hellenic Observatory der London School of Economics im Gespräch mit derStandard.at.

Auch dann, wenn deren Premier so wie Giorgos Papandreou der Panhellenischen Sozialistischen Bewegung (PASOK) entstammt, zu deren Mitgliedern auch Gewerkschaftsboss Fotopoulos zählt. Oppositionschef Antonis Samaras von der Partei Nea Dimokratia (ND) hingegen drohte jüngst mit harten Maßnahmen, sollten die Gewerkschaften staatlicher Betriebe weiter auf Streiks setzen: "Keine Gewerkschaft ist Eigentümerin öffentlicher Infrastruktur."

"Billiger Strom - die DEI im Volkseigentum"

Fotopoulos' Arbeitgeber DEI war bis 2001 ein staatlicher Monopolbetrieb, seither wird es als Aktiengesellschaft geführt. Und das durchaus profitabel, mehr als eine halbe Milliarde Ertrag wurden 2010 erwirtschaftet. Bis dato hält der griechische Staat 51 Prozent der DEI-Aktien. Die scheidende Regierung Papandreou will 17 Prozent davon zu Gunsten des Staatssäckels abstoßen, was die Athener Regierung zwar die Kontrolle über die 97 Kraftwerke, die Minen und die Umspannwerke kosten, ihr aber zumindest die Sperrminorität sichern würde.

In den Augen von Nikos Fotopoulos, der seit vier Jahren im Amt ist, sind derlei Privatisierungspläne ein Werk des Teufels. Um es zu bekämpfen, ringt er sich auch zu einem gerüttelt Maß Aktionismus durch. Anfang Mai kletterte der bullige 49-Jährige auf die Spitze des Schornstein des historisch bedeutsamen E-Werks im Athener Vorort Keratsini, 174 Meter über dem Boden befestigte er als Zeichen des Protests ein Spruchband am Schlot: "Billiger Strom - die DEI im Volkseigentum". Im Juni rief die GENOP zu einem Generalstreik und forderte alle ihre Teilverbände dazu auf, "mit größtmöglicher Heftigkeit zurückschlagen, weil wir nur so den Ausverkauf des Vermögens des griechischen Volkes stoppen können". 50 Milliarden Euro will die Athener Regierung bis 2015 so aber einnehmen. Dass es zur Bewältigung der enormen Budgetkrise der Hellenen solcherart drastischer Schritte brauchen könnte, ficht Fotopoulos nicht an.

Steuereintreibung per Stromrechnung

Auch dass die Regierung Steuerschulden, konkret ausständige Grunderwerbssteuer, fortan per Stromrechnung eintreiben will, geht für den Gewerkschafter zu weit. Per Dekret rief er die Belegschaft auf, die Rechnungen einfach nicht auszudrucken, sie nicht zu bearbeiten und schließlich nicht zu versenden. Im Oktober besetzte die GENOP tagelang die Rechnungsabteilung der DEI um zu verhindern, dass "tausende Griechen plötzlich im Dunklen sitzen", wenn sie die Steuer nicht bezahlen. Vergeblich: aller Agitation zum Trotz wurden in den vergangenen Wochen 97.000 griechischen Haushalten die Stromzufuhr gekappt.

Der 49-Jährige versteht sich gut darin, den Medien Futter in Form schneidiger Slogans hinzuwerfen. Verwackelte Videos, die auf der Videoplattform YouTube im Internet kursieren, zeigen ihn bei Wutausbrüchen und Brandreden. 2009 stürmte er etwa vor laufender Kamera das Büro des damaligen DEI-Vorsitzenden Takis Athanasopoulos. Derlei Aktionismus kommt bei den krisengeplagten Griechen derzeit nicht mehr gut an. Auch deshalb nicht, weil Gewerkschafter wie der deklarierte Linke Fotopoulos ein System der Pfründe und Privilegien errichtet haben, das mitteleuropäischen Kollegen kalte Schauer über den Rücken laufen ließe.

Millionen an Gewerkschaftsführer

Dieses System aufzubrechen ist unter anderem die Aufgabe von Leandros Rakintzis. Der 73-Jährige war früher Verfassungsrichter und arbeitet sich seit 2004 als Generalinspekteur der öffentlichen Verwaltung an der grassierenden Korruption und Vetternwirtschaft in Hellas ab. Dazu gehört auch das System GENOP. Mehr als 31 Millionen Euro hat der Gewerkschaftsverband seit 1999 vom staatlichen Unternehmen DEI erhalten, teure Privilegien wie Reisen, Kuren und Besuche in Gourmetrestaurants für Fotopoulos und seinesgleichen inklusive. Laut griechischem Recht darf eine Gewerkschaft keine Gelder von Staatsunternehmen beziehen, nun ermittelt die Justiz.

Jahrzehntelang schanzten Griechenlands Regierende, gleich ob sie sozialistisch oder konservativ geprägt waren, ihrer jeweiligen Klientel Jobs bei Betrieben wie DEI zu: gut bezahlt, kaum kontrolliert, praktisch unkündbar. Und die Gehälter und Löhne bezahlte der Steuerzahler. Dass Gewerkschafter wie Nikos Fotopoulos nun, wo das System unabwendbar gescheitert ist, vom Ausverkauf sprechen und zum Klassenkampf mobilisieren, wundert LSE-Experten Economides nicht. "Das zeigt, wie wenig Verständnis für die Dimension der Krise bei vielen Griechen vorhanden ist." (flon/derStandard.at, 10.11.2011)

Kommentar posten
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Fraho
00
11.11.2011, 11:23
irgend jemand muss ja der Schuldige sein

...jetzt sind es eben die Gewerkschaften die sich gegen Privatisierungen wehren. Das Märchen von Privat ist besser als der Staat wird sich ja herausstellen, wenn die "normalen" Bürger Zahlungen an Privatbetriebe leisten, diese dann die Preise des "täglichen Bedarfs" anheben weil ja die neuen Eigentümer ja ihr "Geld arbeiten lassen" möchten und dazu ohne Arbeit Gewinne abschöpfen - die Ausgeburt des Kapitalismus.

Unsere Medien sind doch alle auch schon Gefangene der Konzerne und dürfen nicht mehr schreiben was angebracht wäre.

lessismore
01
11.11.2011, 04:26

Es können halt nicht allen so die Herzen zufliegen wie den neoliberalen Journalisten!

O5
50
11.11.2011, 03:31

Ohne diesen Wahnsinnigen gings den Griechen heut um Welten besser.

Michael Kolhaas
 
00
11.11.2011, 00:24
Die können noch so viel an Volkseigentum verschleudern...

... es läuft jeglicher Gewinn durch Griechenland wie durch ein Teflonrohr - direkt zu den Banken und Zockern. Man muss ja die Märkte beruhigen. "Märkte", als ob dort etwas von realem Wert angeboten würde.

01052004
44
10.11.2011, 17:07
na klar geht der typ auf die barrikaden:

es geht immerhin um die abschaffung seiner privilegien...und um die rückkehr/einführung leistungsgerechter bezahlung...

alpenmilch
20
10.11.2011, 16:58

Asoziale Sozialisten....

Michael Kolhaas
 
01
11.11.2011, 00:18
... gegen "soziale" Reiche?

*g*

Ceterum Censeo2
31
10.11.2011, 16:36
Die meisten Griechen sind leicht kommunistisch angehaucht

Drum sind sie auch so erfolgreich.

Linus Tintifax
00
10.11.2011, 16:39
ach bitte,

definieren sie möglichst genau den begriff "erfolgreich". sie dürfen gerne einige beispiele aufzählen.

Poldi Fesch
10
10.11.2011, 18:38
????

Matteschitz, Vettel, Jobs, Gates, Muster, Maier H., Scharzenegger, Herbst, Baha, ..................

Linus Tintifax
04
10.11.2011, 19:59
aha

und was tun diese herrschaften, außer mit fragwürdigen produkten bzw. handlungen die leute übern tisch zu ziehen? siehe gates, marteschitz, schwarzenegger usw.
dass sie im ökonomischen zusammenhang absolute randfiguren wie sportgrößen aufzählen, zeigt ja wieviel sie von der materie verstehen.
und bleiben sie mir bloß mit der melinda&bill gates-foundation weg. auch die richtet mehr schaden an als nutzen.

Poldi Fesch
00
11.11.2011, 00:10
sie gewinnen,

der Sinn des Lebens

jesus mohammed
11
10.11.2011, 16:04
Welche Trottel sollen denn für 50 Milliarden einkaufen?

Und daß diese ach so "militanten" Gewerkschaften mit ihren Streiks immer nur auf den Druck der Basis reagieren, stimmt natürlich überhaupt nicht. Genauso wenig, daß sie damit geschickte Aufstandsbekämpfung leisten und sich darum drücken zum unbefristeten Generalstreik aufzurufen. Diese 24- oder 48-stündigen Ventil-Streiks Generalstreik zu nennen, ist doch ein Witz und warum werden eigentlich nicht die Streiks von Genop verboten wie so viele andere Streiks?
Ach, und erst 97.000 Stromsperren, übrigens wegen "Sparmaßnahmen" und nicht wegen normaler Steuerschulden.
Das Publikum freut sich schon auf die ersten Hungertoten.

Elisabeth Stein
00
11.11.2011, 12:14
Wir werden ja sehen wie unter dem Druck die Erlöse sinken werden.

aber hallo..
05
10.11.2011, 15:01

ja klar, die profitablen unternehmen privatisieren... einmal ein paar € mehr einnehmen dafür langfristig um die gewinne umfallen....

http://www.heise.de/tp/artike... 813/1.html

Rudi Ratlos4
15
10.11.2011, 16:21
ja, wirklich?

Nach meiner Erinnerung ging es erst nach der Privatisierung mit der Voest aufwärts.

lessismore
00
11.11.2011, 04:21

Die Frage ist, ob es WEGEN der Privatisierung aufwärts ging. Das hat sich z.B. Wolfgang Schüssel nicht zu behaupten getraut -- wie schaut's bei Ihnen aus?

Linus Tintifax
00
10.11.2011, 16:27
mhm

und nach einer privatisierung ginge es sicher auch mit dem aktienkurs der DEI aufwärts und natürlich auch mit den endverbraucherpreisen. darüber würden sich ganz bestimmt alle griechen freuen...

Rudi Ratlos4
02
10.11.2011, 17:01
geht es darum, die Griechen zu erfreuen, oder das Land zu retten?

lessismore
00
11.11.2011, 04:22

Durch Privatisierung ist noch nie ein Land gerettet worden, im Gegenteil. Das gilt für alle neoliberalen Reformen.

Linus Tintifax
21
10.11.2011, 17:07
erstaunlich,

dass das für sie nicht ein und dasselbe ist. frage was ist wichtiger: das wohl der menschen oder die begleichung von bankschulden?

Poldi Fesch
00
10.11.2011, 18:39
at the very

end ist da kaum ein Unterschied

Linus Tintifax
01
10.11.2011, 20:13
wirklich?

also, hat man einfach nur die banken zu besänftigen und dann wieder ein recht auf ein menschewürdiges leben? banken, die übrigens geld verleihen, das sie nicht haben bzw. das keinen realen gegenwert repräsentiert. schließlich machen die (spar)einlagen nur einen kleinen bruchteil des von banken in form von krediten ausgegebenen geldes aus...eigentlich glatter betrug, aber bei banken ist man nicht so streng. sie ja offenbar auch nicht. vielleicht aus unwissenheit?
oder sind sie selbst in einer bank tätig? vielleicht gar im vorstand? nein, dann wären sie wohl kaum hier im forum, um sich du*m zu stellen.

Poldi Fesch
00
11.11.2011, 00:16
wenn die Banken kein

Geld geben gibst keine Marie fuer Staatsangestellte. bloed vor allem, wenn die Staatsangestellten sehr viele sind

Rudi Ratlos4
34
10.11.2011, 17:16
und was ist mit den Menschen, die griechische Gläubiger sind?

Besitzer von Lebensversicherungen (in Österreich gibt es mehr Verträge als Einwohner)
Jeder Arbeitende über die MVK
Jeder privat Pensionsvorsorgende

Die dürfen Ihrer Meinung nach nicht glücklich werden, sondern müssen ihr hart erarbeitetes und erspartes Geld den Griechen zum Verprassen geben?

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