Zahl der armutsgefährdeten Erwerbstätigen steigt

9. November 2011, 14:09
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Salzburg - Mit dem Phänomen, dass für immer mehr Erwerbstätige ihr Einkommen nicht vor Armut schützt, beschäftigte sich heute, Mittwoch, eine Tagung an der Universität Salzburg, die gemeinsam mit der Salzburger Arbeiterkammer veranstaltet wurde. Auf europäischer Ebene seien rund acht Prozent der Erwerbstätigen von Armut betroffen, berichtete Henning Lohmann, Sozialforscher an der Universität Bielefeld.

Je nach Ländern schwankt der Anteil der sogenannten "Working Poor" zwischen drei Prozent in Tschechien und 18 Prozent in Rumänien. Österreich liegt mit rund fünf Prozent im unteren Drittel in Europa. Lohmann hat sich nicht nur die individuellen Einkommen angesehen, sondern auch das Gesamteinkommen eines Haushalts, Steuerbelastungen und Transferzahlungen in den einzelnen Ländern verglichen. In Nord- und Westeuropa tragen tendenziell mehrere Personen zu einem höheren Haushaltseinkommen bei und verringern so die individuelle Armutsgefährdung. In Süd- und Osteuropa ist es meist umgekehrt. Da leben oft mehrere Personen vom ohnehin schon geringen Einkommen eines Einzelverdieners, der Haushalt erhöht die individuelle Armutsgefährdung. "Gerade in Südeuropa leben viele junge Menschen noch bei den Eltern, weil sie sich keinen eigenen Haushalt leisten können", erklärte Lohmann.

Nord-Süd-Gefälle

Während in Nord- und Westeuropa, Großbritannien und Irland die Transferleistungen stark dazu beitragen, die niedrigen Löhne zu kompensieren und die Armut verringern, sei das in Südeuropa kaum der Fall, berichtete der deutsche Experte. Insgesamt haben die "Working Poor" in einigen europäischen Ländern seit 1994 zugenommen, einen einheitlichen Trend kann Lohmann aber nicht erkennen.

Als Ursachen sehen die Experten unter anderem Niedriglöhne aber auch den wachsenden Anteil an Teilzeitbeschäftigungen. Oft sind Frauen, vor allem Alleinerzieherinnen, trotz Erwerbstätigkeit nicht in der Lage, mit ihrem Einkommen den Lebensunterhalt zu decken.

Walter Pfeil, Professor für Arbeitsrecht an der Universität Salzburg, sieht im Arbeits- und im Sozialrecht Ansatzpunkte, um der Armut von Erwerbstätigen gegenzusteuern. So gebe es im Arbeitsrecht Schwachstellen. Beispielsweise gelte der Kollektivvertrag nur für Arbeitnehmer und erfasse nicht alle wirtschaftlich schwachen Erwerbstätigen, wie beispielsweise freie Mitarbeiter oder kleine Selbstständige. Ansatzmöglichkeiten wären bessere Kollektivverträge im Niedriglohnbereich oder eine Diskussion über Mindestlöhne.

Im Sozialrecht könnte man Arbeitsanreize ausbauen - derzeit schließen sich Erwerbsarbeit und Sozialleistungen weitgehend aus. Außerdem seien eine Entlastung der Bezieher von Niedrigeinkommen bei den Sozialversicherungsbeiträgen oder eine bessere Abstimmung von Familienleistungen auf das Einkommen denkbar, meinte der Arbeitsrechtsexperte. (APA)

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