Haarsträubender Alarmismus

Presseschau10. November 2011, 08:39
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Die europäischen Kulturzeitschriften analysieren Österreich, wie es ist; was christliche Werte nicht sind; und die Melancholie der weißesten aller Weißen, der Schweden.

Der Mythos von den christlichen Werten

Die Ansicht, das Christentum bilde die Grundlage der westlichen Zivilisation, mag den Interessen von Extremisten wie dem norwegischen Terroristen Anders Breivik zupass kommen, aber in Wahrheit verschleiert sie nur eine viel komplexere Geschichte, schreibt Kenan Malik in der britischen Zeitschrift New Humanist:

"Die Behauptung, das Christentum verkörpere die 'Grundfesten der westlichen Zivilisation' und dass die Schwächung des Christentums unweigerlich zur Schwächung der liberalen demokratischen Werte führe, ist eine grobe Vereinfachung sowohl der Geschichte des Christentums als auch der Wurzeln moderner demokratischer Werte - und unterschlägt nicht zuletzt auch die Spannungen, die so häufig zwischen 'christlichen' und 'liberalen' Werten existieren."

"Der Grund, diesen haarsträubenden Alarmismus über den Niedergang des Christentums in Frage zu stellen, liegt nicht nur einfach darin, die Mythen über die christliche Tradition zu Grabe zu tragen. Es geht vor allem darum, dass dieser Alarmismus selbst die Werte - Toleranz, Gleichbehandlung, universelle Rechte - untergräbt, zu deren Verteidigung wir angeblich ein christliches Europa brauchen. Die Erosion des Christentums führt nicht notwendigerweise zur Erosion dieser Werte. Die hanebüchene Verteidigung des Christentums gegen die 'barbarischen Horden' allerdings schon."

Mutierter Rassismus

Nach den Attacken in Oslo und Utøya und dem Einzug der rechtsradikalen Schwedendemokraten ins Parlament stellt die schwedische Zeitschrift Glänta fest, dass "der Rassismus mutiert ist". Die neuen Formen rassischer Diskriminierung verweisen "nicht mehr auf die Überlegenheit der eigenen Gruppe, sondern sie behaupten das Gegenteil: "dass die eigene Gruppe schwach ist und ihr die unmittelbare Vernichtung droht."

Schwedens Nachkriegsimage als Modell der Gleichheit und des Antirassismus enthält eine ordentliche Portion nationalen und rassischen Chauvinismus', schreiben die Kulturwissenschaftler Tobias Hübinette und Catrin Lundström. Jetzt, da sich der Mythos vom besseren Schweden verflüchtigt, leide sowohl die Rechte als auch die Linke an "weißer Melancholie":

"Weiße Melancholie, so schmerzvoll zu ertragen wie unaussprechlich, ist eine psychische Verfassung, eine strukturelle Verbindung mit der Nation, sowohl für die Schweden selbst als auch für das Image Schwedens in der Welt. Dabei geht es genauso um den erniedrigenden Abstieg Schwedens als Spitzenreiter in den Feldern Gleichheit, Humanität und Antirassismus wie um die Trauer um das Verschwinden der schwedischen Bevölkerung als dem weißesten aller weißen Völker."

Aus diesem Dilemma gibt es keinen einfachen Ausweg, schließen Hübinette und Lundström. Die Schweden werden "die Tatsache zur Kenntnis nehmen müssen, dass das Objekt ihrer Liebe unwiederbringlich und unwiderruflich verloren ist, wie schmerzhaft das auch immer sein mag. Weder das "alte Schweden" noch das "gute Schweden" gibt es mehr.

"Wie ungerecht es doch ist, dass wir so leicht übersehen werden!"

In ihrer aktuellen Ausgabe macht sich die Wiener Zeitschrift Wespennest auf, "Austria as it is" zu erforschen, und bietet nicht nur überraschende Reflexionen klassischer Stereotype, sondern hinterfragt auch stereotyp gewordene Kritik selbst.

Wolfgang Müller-Funk etwa analysiert zwei Prachtbände über Österreich, einen 1948 von Ernst Marboe und einen 2010 von Hannes Androsch herausgegebenen, und kommt auch hinsichtlich des jüngeren zu dem Schluss: "Österreich, so scheint es, ist noch immer in den Imaginationen des historischen Bewusstseins des 19. Jahrhunderts befangen. Ganz nebenbei finden sich in diesem großkoalitionär konzipierten Band keine Spuren eines linken demokratischen Eigensinns, sozusagen eine versteckte Debatte über die Gegenwart, über die Zukunft eben jenes Nationalstaates, der wir nun endlich sind; über unser Verhältnis zu unseren (nicht-deutschen) Nachbarn, über die Krise der europäischen Demokratie, die neuen Wellen der Migration und jene der politischen Linken. Stattdessen leiden wir noch immer an unserer Kleinheit, an unserem großen Nachbarn, an unserer geringen Präsenz in der Welt, an unserer Unselbstverständlichkeit. Die Weltgeschichte hat uns ungerecht behandelt."

In der vollständigen Eurozine Review finden Sie eine Rundschau der aktuellen Ausgaben von neun europäischen Kulturmagazinen in englischer Sprache.

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