Der wellenreitende Wunderknabe

9. November 2011, 19:34
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Kelly Slater ist als 11-maliger Weltmeister eine Surflegende - Eine Annäherung an ein zeit­loses Phänomen

Die Wand aus Wasser ist hoch, eine einzige apokalyptische Kraft, pure kinetische Energie. Sie fasziniert, bedroht und sorgt für Adrenalin. Selbst für den "King of Surf" ist sie kein Kinkerlitzchen, sogar ein Glückskind wie Kelly Slater kann sich nicht immer elegant an eine Welle anschmiegen. Für einen Sieg am Ocean Beach in San Francisco reichte es jedoch. Er selbst sagt, er sei nicht der spektakulärste Surfer und hat vielleicht deshalb für die junge Surfszene wenig Vorbildfunktion. Slater ist aber 11-maliger Weltmeister, der Gott unter den Wellenreitern. Und sein Lebenswerk könnte ein Lehrstück darüber sein, wie wenig Schein und Sein gemeinsam haben müssen.

"The bald guy", wie er in der Szene von den genannt wird, die seinen Namen schon nicht mehr hören können, ist 39 Jahre alt und surft noch immer mit Leidenschaft gegen Konkurrenten, die mitunter halb so alt sind wie er. Seine Karriere endet bis dato nicht wie die von Sportlegenden a la Michael Jordan, der seinen Zenit längst überschritten hatte und bei dem sich am Ende zur Demütigung auch eine traurige Gleichgültigkeit gesellte (manchmal hatte man das Gefühl, es war ihm egal, dass er nicht mehr so dominant war). Slater ist noch immer die Nummer eins, nach seinem elften Triumph könnte es einen Abschied geben, nach 21 Jahren. "Es fühlt sich an, als hätte sich der Kreis geschlossen", sagte er nach seinem Triumph in San Francisco und denkt an ein Karriere-Ende: "Ich wollte immer 11 Titel haben. An einen 12. habe ich nie gedacht." Einem seriösen Surfer kann man das glauben, aber Kelly Slater sagte auch: "Die Menschen kommen immer auf mein Alter zu sprechen. Ich bin fast 40, aber die Jahre sind für mich nur Zahlen. Ich denke, man kann seine Form beibehalten. "Warum sollte ich mit 50 nicht noch besser drauf sein als jetzt?"

48 Siege für die Ewigkeit

Als ich Kelly Slater 2006 beim Pipeline-Masters an der North Shore von Hawaii bestaunen durfte, war er wie allerorts Star der Szene, Mittelpunkt des Publikums, es gab nicht viel Platz neben ihm für die Konkurrenz. Aber er war nicht unnahbar, plauderte locker mit den Fans am Strand. Es war seine Familie, der Wettkampf. Und vielleicht suchte er trotzdem noch immer die Einsamkeit des Ozeans. Zum Sieg gratulieren durfte er damals artig seinem größten Konkurrenten Andy Irons, der mittlerweile tot ist. Der Hawaiianer Irons starb alleine in einem Hotelzimmer an einem Herzinfarkt. Er soll ausgebrannt gewesen sein. Wann hört eigentlich Slater auf?

Glänzende blaue Augen, ein kahler Kopf, asketischer Oberkörper und ein starker Kiefer: Anders ist mir der Mann aus Florida kaum in Erinnerung. 1992 gewann er seinen ersten Weltmeistertitel und erhöhte nun das Alter des ältesten auf 39 Jahre. 48 World-Tour-Siege stehen zu Buche, der erste Verfolger der ewigen Siegerliste hält bei 33, der beste unter der aktiven Konkurrenz bei 12. Als 15-Jähriger wurde Kelly Slater erstmals gesponsert, scheffelte mit Preisgeldern und hochdotierten Werbeverträgen später Millionen. Sein Lifestyle blieb aber unprätentiös. Er ernährt sich gesund, hat auf der Suche nach guten Wellen ein ordentliches Reisebudget. Ansonsten brauche er aber nicht viel, fühlt sich dort beheimatet wo er gerade ist.

Ein Leben ohne Skandale

Slater hat keine Abstürze erlebt, keine Skandale produziert. Als sein Stern aufging, hatten Wellenreiter das Image verträumter Chaoten, die sich von der seelenlosen Konsumgesellschaft in die Ozeane verabschiedeten. Oder sie gebärdeten sich auf der Tour wie Rockstars. Drogen und Alkohol waren ständige Begleiter, nur nicht für Slater. Er war kein typischer Surfer.

20 Jahre später dominiert er einen Boomsport, Firmen wie Billabong oder Quicksilver machen Milliarden-Umsätze. Bei Nike rangiert der Surfen in der Konzernhierarchie mittlerweile an Nummer drei hinter Fußball und Basketball. Slater ist das Gesicht der Surfszene, und es scheint als ob er Ruhm genießen könne, ohne ihm zu unterliegen. Aus Hollywood hat er sich verabschiedet, nachdem er mit Auftritten als Jimmy Slade im Rettungsschwimmer-Epos Baywatch berühmt wurde (da hatte er noch Haare am Kopf). Er war der Freund von Pamela Anderson, Gisele Bündchen und angeblich auch von Cameron Diaz.

1998 nahm sich der "King of Surf" eine fünfjährige Auszeit und sagte rückblickend: "Ich habe meine sportliche Karriere mit 26 aufgegeben, weil ich die Sorge hatte, dass mich mein Ehrgeiz zerfrisst". 2003 kehrte die Kampfmaschine auf die Profi-Tour zurück und holte zwei Jahre später den nächsten WM-Titel.

Mit der Zeit Schritt gehalten

Und genau deshalb ist Kelly Slater auch ein so verdammt guter Surfer. Denn die Wellenreiterei hatte sich in der Zwischenzeit verändert: Slater kam aus einer Zeit, als vor allem die Anzahl der Manöver pro Welle bewertet wurde. Heute wird bei den Richtern auch mit Sprüngen gepunktet, obgleich die wegen der ständig wechselnden Bedingungen viel schwieriger zu stehen sind als beispielweise im Snowboarden. Die Surfikone hat sich aber angepasst, konnte noch immer einen Gang zulegen. Sind die Bedingungen schlecht und die Konkurrenz beklagt sich, findet er meistens trotzdem noch eine feine Welle. So wie damals auch in der Pipeline auf Hawaii. Er spürte sie förmlich auf. Und seine Gegner meinen, er habe einen Vertrag mit dem Meer. Sein bester Move ist der "Tuberide", Slater gilt als der Meister des Ritts im Innern der Wellenröhre. Ich fand ihn damals grandios, auch wenn er nicht gewann, weil da draußen noch ein paar andere extrem gute Surfer unterwegs waren.

Vielleicht ist die Zeit reif für eine neu Art des Surfens und für neue Typen - wie einen Owen Wright oder einen John John Florence - die die Wellen nicht nur abreiten, sondern als Rampe nutzen und Airs springen, Drehungen machen und Figuren im Wasser tanzen. Ob Kelly Slater tatsächlich der beste Surfer aller Zeiten ist? Wer kann das sagen, in einem Sport, in dem der eigentliche Wettkampf zwischen einem Menschen und dem Meer stattfindet. (Florian Vetter; derStandard.at; 10. November)

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    Viele Gegner von Kelly Slater sind zehn Jahre jünger, er kann sie aber dank seiner besseren Athletik übertrumpfen.

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    Ein Mann der den Surfsport verändert hat durch Disziplin und Leistungsgedanken.

  • Bilder zum Träumen.

  • Ein Ritt im Jahr 2006 beim Pipeline Masters an der North Shore von Hawaii.
    foto: derstandard.at/florian vetter

    Ein Ritt im Jahr 2006 beim Pipeline Masters an der North Shore von Hawaii.

  • Kelly Slater stand in seiner Karriere nicht immer ganz oben am Podest: Cory Lopez und Rob Machado (beide USA) feiern mit ihm den mittlerweile verstorbenen Andy Irons beim Pipeline-Masters 2006 (in Gelb).
    foto: derstandard.at/florian vetter

    Kelly Slater stand in seiner Karriere nicht immer ganz oben am Podest: Cory Lopez und Rob Machado (beide USA) feiern mit ihm den mittlerweile verstorbenen Andy Irons beim Pipeline-Masters 2006 (in Gelb).

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    In der Röhre.

  • Mit der 22-Jährigen Kalani Miller soll es ihm ernst sein.
    foto: epa/gabriel

    Mit der 22-Jährigen Kalani Miller soll es ihm ernst sein.

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