Re-Islamisierung der algerischen Gesellschaft: Na dann Prost!

Blog9. November 2011, 18:15
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Ein Plausch beim frischen Bier in der Brasserie de la Fac auf der Rue Didouche Mourad gehört zu einem der angenehmsten Zeitvertreibe in Algier. Zumindest seit Anfang der 2000er Jahre ist das so. Denn in den 1990ern war das historische Lokal auf der Straße, die viele Einwohner der algerischen Hauptstadt noch immer unter dem Namen Rue Michelet aus der französischen Kolonialzeit kennen, geschlossen. Eine Autobombe, die vermutlich von radikalen Islamisten stammte, war 1997 direkt gegenüber explodiert. Die Bilanz: 15 Tote und 60 Verletzte.

Ich kann mich noch gut erinnern, als wir - mein Freund und Chauffeur und ich - kurz nach der Wiedereröffnung auf der an Paris erinnernden Terrasse hinaus zum Gehsteig saßen. Nur selten hat ein Bier - oder waren es zwei? - so gut geschmeckt, wie damals.

Jetzt haben religiöse Fanatiker das Restaurant wieder ins Visier genommen. Zwei Prediger, die einst der Islamischen Heilsfront (FIS) angehörten, haben eine Fatwa, eine Art islamisches Rechtsgutachten erlassen. Es richtet sich gegen "alle Gaststätten, die Alkohol ausschenken", also auch gegen meine geliebte Brasserie de la Fac. Der Akoholverkauf sei "Schuld an allem Schlechten in der Gesellschaft", heißt es da.

Es ist die letzte Episode einer zunehmenden Re-Islamisierung der algerischen Gesellschaft. Nach einem Jahrzehnt der blutigen Auseinandersetzung zwischen radikalen Islamisten und der algerischen Armee hat Präsident Abdelaziz Bouteflika Anfang des Jahrtausends eine Amnestie erlassen. Der größte Teil der Untergrundkämpfer kehrten ins zivile Leben zurück. Alte Prediger der FIS gewinnen seither wieder an Einfluss. Einzelne Islamisten kehrten in die Regierung zurück. In den Jahren 2005 bis 2008 wurden - so die Tageszeitung Liberté - rund 2.000 Gaststätten die Alkohol anboten, geschlossen. Der Schwarzmarkt blüht.

Auch Premier Ahmed Ouyahia - der, wie auch Staatschef Bouteflika, aus dem Umfeld der ehemaligen Einheitspartei FLN kommt - schlägt in die gleiche Kerbe wie die Islamisten. "Wie viele Arbeitsplätze schafft eine Bar? Einen, zwei? Aber wie viele Leberzirrhose finden sich in einer Bar und wie viele Schlägereien?" fragt der Arabo-Nationalist. "Die alkoholischen Produkte sind ausländische Marken. Ich kann keine lokale Produktion ausmachen, die es zu fördern gilt", fügt er hinzu.

Es war übrigens seine FLN und deren Abspaltung RND die die großen Brauereien und Weingüter des Landes privatisiert und an ausländische Investoren verkauft hat. Über Aufträge können sie nicht klagen. (Reiner Wandler, derStandard.at, 9.11.2011)

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